Festspiel-Tagebuch Menschliche Tretmine mit sensiblem Auslöser

Mit seinem opulenten Epos über den Terroristen Ramirez Sanchez, genannt Carlos, lieferte Regisseur Olivier Assayas den bisherigen Höhepunkt eines ansonsten flauen Festivals. Darsteller Sean Penn sorgte mit dem packenden Polit-Thriller "Fair Game" für Spannung.

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier


Wer jedes Jahr zum Festival nach Cannes fährt, könnte eines Tages auf die Idee kommen, dass der Franzose vielleicht doch nicht die Krone der Schöpfung ist. Rüpelhafte Ordner, arrogante Kellner, geckenhafte Polizisten, horrende Hotelzimmerpreise und beschämend mieses Essen, Geldschneiderei auf Schritt und Tritt. Hier in Cannes schläft das Geld nicht nur nicht, wie Oliver Stone schon in seiner "Wall Street"-Fortsetzung konstatierte - es vögelt wüst, um sich noch mehr zu vermehren. Und dann zieht auch noch jeden zweiten Tag eine Demo durch die Stadt, bei der irgendeine soziale Randgruppe ihre völlig bedeutungslosen Partikularinteressen durch die Gegend posaunt.

Doch in diesem Jahr ist manches anders. Eine einzigartige Freundlichkeitsoffensive bricht über die gänzlich unvorbereiteten Festivalgäste herein. Mit einem höflichen "Guten Tag!"werden die deutschen Journalisten jeden Morgen um 8.30 Uhr am Einlass zum Grande Théâtre Lumière begrüßt, wenn der Wettbewerbsfilm gezeigt wird.

Böse Zungen konnten nun einwenden, dies sei nur ein Trick des schlitzohrigen Festivalchefs Thierry Frémaux, angesichts seines saft- und kraftlosen Wettbewerbs-Programms um bessere Stimmung zu buhlen. Doch auch in den Filmen bekamen die traditionell Cannes-kritischen Deutschen sehr viel französischen Honig um den Bart geschmiert.

In dem Terroristen-Drama "Carlos" etwa gerät der von Edgar Ramirez verkörperte Titelheld in Erklärungsnot, als ein Kombattant von ihm wissen will, warum er eine deutsche Terroristin auf ein sehr gefährliches Kommando mitnehmen wolle. "Eine Frau?" wird er skeptisch gefragt. "Eine Deutsche!" erwidert Carlos. Bald darauf zeigt der französische Regisseur Olivier Assayas in "Carlos" die deutsche Schauspielerin Julia Hummer als fanatische Kämpferin Gabriele Kröcher-Tiedemann, die wie eine menschliche Tretmine mit überaus sensiblem Auslöser wirkt. Sehr beruhigend, dass uns das Ausland selbst dann, wenn der Auto-Export mal einbrechen sollte, immer noch unsere irren Killer abnimmt.

"Carlos" war der bisherige Höhepunkt des Festivals, nicht nur der Deutschen wegen. Eine mitreißende Tour de force durch mehr als zwei Jahrzehnte europäischer Geschichte, nicht eine Sekunde der Laufzeit von fünf Stunden und 33 Minuten zu lang. Selten wurde im Film so packend von Logistik erzählt, von den Planungen der Anschläge, der Überfälle und der Fluchten. Vielleicht gab es noch nie einen Spielfilm mit so vielen Flughafen-Szenen. Der Film von Assayas ist schnell, manchmal hyperventiliert er wie sein Held, verliert aber nie seinen epischen Atem. Wenn es darauf ankommt, nimmt er sich Zeit: Die Geiselnahme der Öl-Minister der OPEC 1975 in Wien allein nimmt etwa ein Viertel des Films ein.

Führt man sich noch einmal Steven Soderberghs tranigen "Ché"-Film vor Augen oder Uli Edels und Bernd Eichingers gehetzten Geschichts-Crash-Kurs "Der Baader-Meinhof-Komplex", wird einem klar, wie arg "Carlos" hätte scheitern können. Doch mit seinem grandiosen Hauptdarsteller Edgar Ramirez entwickelt Assayas einen schillernden Helden, dem er illusionslos ins Gesicht schaut und darin doch ein menschliches Antlitz entdeckt.

Endlich tut jemand was für die Sexbilanz von Cannes

Carlos, der Mitte der neunziger Jahre gefasst wurde, ist in Assayas Film restlos davon überzeugt, dass er für die gute Sache kämpft und deshalb im Grunde jeder ihn mögen muss. So reagiert er völlig perplex, als ihm der Pilot eines Flugzeugs, das er in seiner Gewalt hatte, zum Abschied nicht die Hand reicht.

Assayas zeigt seinen Helden als einen sinnenfrohen Genussmenschen, der nach Lust und Laune raucht, säuft und rumhurt. Damit besserte "Carlos" auch die bislang ernüchternde Sex-Bilanz des Festivals auf. Zwar wurde in den diesjährigen Filmen wieder gemeuchelt, gemordet und geschlachtet, was das Zeug hält. Doch angesichts des Massensterbens, das etwa der Japaner Takeshi Kitano und der Ukrainer Sergei Loznitsa in Szene setzten, machten sich die Figuren ähnlich wie im letzten Jahr beängstigend wenig Gedanken über die menschliche Reproduktion. Wenn mal ein Kind ausgetragen wurde wie im italienischen Film "La vita nostra" von Daniele Luchetti, dann starb bei der Geburt die Mutter.

Es trägt auch nicht zum Bevölkerungswachstum bei, dass die Figuren, wenn sie sich denn endlich mal dazu durchringen, miteinander zu schlafen, geradezu zwanghaft auf Oralsex fixiert sind. Lässt man die vergangenen zehn Jahre des Festivals unter der Gürtellinie noch einmal Revue passieren, stellt man fest, dass keine sexuelle Spielart, gemessen am Liebesleben geschlechtsreifer Großstädter, hier dermaßen überrepräsentiert ist. Dies mag zum einen daran liegen, dass an der Croisette ein Programm von Männern für Männer gemacht wird. Doch natürlich steckt noch ein tieferer Sinn dahinter: In Cannes, wo in den Filmen gern Trübsal geblasen wird, darf beim Sex immer nur einer richtig Spaß haben.

Auch Naomi Watts und Sean Penn kamen in "Fair Game" über das Schmusen nicht hinaus, mussten sie doch als ein gebeuteltes Ehepaar, dem das Weiße Haus übel mitspielt, mit allen Kräften um ihren Ruf und um die Wahrheit kämpfen. "Fair Game", inszeniert von Doug Liman, beruht auf dem realen Fall der früheren CIA-Agentin Valerie Plame, die von der Bush-Administration durch gezielte Indiskretionen diffamiert wurde, nachdem ihr Mann Joe Wilson, ein früherer Botschafter, behauptet hatte, im Irak gebe es höchstwahrscheinlich keine Massenvernichtungswaffen.

In der ersten Hälfte des Films inszeniert Liman eine großartige Szene, in der Plame und Wilson mit ihren Freunden am Esstisch sitzen und jeder der Gäste seine eigene Theorie über Saddam Hussein zum Besten gibt. Immer wieder sehen sich Plame und Wilson an, weil sie beide wichtige Informationen über die Situation im Irak besitzen - diese aber nicht preisgeben dürfen. Doch als einzige ahnen sie, was politisch und militärisch wirklich vor sich geht. Am Ende des Films gibt es keinen Winkel ihrer Privatsphäre mehr, der nicht ausspioniert wird.

"Fair Game" ist ein packender Thriller über zwei Geheimnisträger, die plötzlich mitten ins Licht der Weltöffentlichkeit gerissen werden.



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