Festspiel-Tagebuch Willkommen in Cannes, hicks!

Wer bei den Wettbewerbsfilmen in Cannes nach einem gemeinsamen Nenner sucht, findet jede Menge trinkfreudige Protagonisten - zum Beispiel in den Werken von Unterschichten-Filmer Mike Leigh und Berufsmisanthrop Woody Allen. Ein deutscher Beitrag kommt dagegen ziemlich dröge daher.

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier

AP

Jedes Jahr fragt man sich etwa zur Hälfte des Festivals, welcher Körperteil in Cannes am meisten in Mitleidenschaft gezogen wird. Sind es die Augen, die jeden Tag zehn Stunden und mehr auf die Leinwand starren müssen? Ist es der Hintern, weil selbst dann, wenn die Augen noch willig sind, das Sitzfleisch oft schwach wird? Oder die Nase, weil sich in den Sitzreihen mit zunehmender Dauer des Festivals erhebliche Defizite in der Körperhygiene vieler Teilnehmer offenbaren? Nein, in diesem Jahr ist es ohne Zweifel die Leber. Denn in vielen Filmen wird so enthemmt gesoffen, dass man schon vom Zuschauen eine Alkoholvergiftung zu bekommen glaubt.

Es fing noch ganz harmlos an, mit dem französischen Wettbewerbsbeitrag "Tournée", in dem sich eine Gruppe von Burlesk-Tänzerinnen jeden Abend nach ihrem Auftritt ein paar Fläschchen Schampus gönnen. Doch die drallen Schnapsdrosseln verblassten schon am nächsten Tag gegenüber dem reichen Südkoreaner in "The Housemaid", der ständig eine Weinflasche in der Hand hält, als wäre er mit ihr verwachsen und sie selbst dann nicht aus der Hand legt, als ihn seine Geliebte oral befriedigt.

Doch auch "The Housemaid" war letztlich nur ein kleiner Aperitif für die beiden großen Säufer-Epen des Wochenendes: "Another Year" von Mike Leigh und "You Will Meet a Tall Dark Stranger" von Woody Allen.

Woody Allens alkoholisches Armageddon

"Another Year" rekapituliert, wie der Titel erahnen lässt, ein ganzes Jahr, und was die Londoner Angestellte Mary (Lesley Manville) in dieser Zeit vor den Augen der Zuschauer an Wein wegsüppelt, dürfte locker reichen, um den Swimmingpool des Carlton-Hotels an der Croisette zu füllen. Doch Woody Allen war es schließlich vorbehalten, das alkoholische Armageddon ins Werk zu setzen: Ohne Unterlass schütten seine von Josh Brolin, Naomi Watts oder Antonio Banderas gespielten Figuren Bier, Wein, Sherry oder Whiskey in sich hinein. Zehn Tage, nachdem Cannes beim Sturm des Jahrzehnts fast abgesoffen wäre, versinkt die Stadt im Suff. So blau war die Côte d'Azur noch nie.

Bei der Pressekonferenz starrte Allen immer wieder auf ein Getränk, das direkt vor ihm stand, und wirkte dabei wie jemand, der zu der bitteren Gewissheit gelangt ist, dass es nichts gibt, aber auch wirklich gar nichts, womit man sich diese Welt schön saufen kann. In seinem Film "You Will Meet a Tall Dark Stranger" lässt der Regisseur gut zehn Figuren zu einem Londoner Großstadt-Reigen um Liebe, Glück und Erfolg antreten. Kameramann Vilmos Zsigmond filmt sie allesamt mit gesofteter Optik, als würde er sie mit glasigen Augen betrachten. Doch das ist nur ein geschicktes Täuschungsmanöver, denn Allen hat den bösen Blick. Wenig wird gut in diesem Film, die einzige Figur, die am Ende bekommt, was sie sich wünscht, ist die, der man es am wenigsten gönnt.

Warum werden Misanthropen wie Woody Allen oder Lars von Trier in Cannes so heftig gefeiert wie sonst nirgendwo auf der Welt, warum begann ein Zyniker wie Quentin Tarantino ausgerechnet hier seine Karriere? Weil man wohl an keinem Ort auf der Welt so sehr von der Schlechtigkeit des Menschen überzeugt wird wie in Cannes - außer vielleicht in einem afrikanischen Bürgerkriegsgebiet.

Die drangvolle Enge, die dazu führt, dass man ständig Taschen und Ellenbogen in die Seite gerammt bekommt, dass einem auf die Füße getreten und in die Ohren gebrüllt wird, dass man durch Gatter ins Kino getrieben wird wie das Vieh auf texanischen Groß-Ranchen zum Bolzenschussgerät, löst zwangsläufig eine schwere Menschen-Allergie aus. Die Hölle, das sind in Cannes die anderen.

Wenn einem also in einem Film Gutmenschen präsentiert werden wie in Mike Leighs "Another Year", wo ein wahnsinnig nettes Ehepaar um die sechzig (gespielt von Jim Broadbent und Ruth Sheen) sich aufopferungsvoll um alle Freunde und Verwandte kümmert, denen das Leben übel mitspielte - dann kommt einem dies hier in Cannes zunächst vor wie eine geradezu groteske Entstellung der Wirklichkeit. Doch dass die beiden eben nicht nerven in all ihrer Fürsorglichkeit, ist eines der vielen kleinen Wunder, die Leigh in diesem Film gelingen. Leigh lässt den Zuschauer tiefste Verzweiflung so eindringlich spüren, dass es schmerzt, und doch strahlt sein Film eine menschliche Wärme aus, von der man noch lange zehrt, nachdem man das Kino verlassen hat.

Hochhäuslers Hochhäuser

Werden im Wettbewerb von Cannes traditionell Bilder vom harten Boden der Tatsachen gezeigt, so widmen sich in diesem Jahr mehrere Filme der Hochfinanz, die von ihren Bürotürmen auf der Rest der Menschheit herabblickt. Neben Oliver Stones Sequel "Wall Street: Geld schläft nicht" wollte auch der Deutsche Christoph Hochhäusler die Fallhöhe der Banker, die seit Beginn der Wirtschaftskrise neu vermessen wurde, in seinem Film "Unter dir die Stadt" ausloten. Gleich zu Anfang macht Hochhäusler seinem Namen alle Ehre und gleitet im Frankfurter Bankenviertel mit dem gläsernen Aufzug eines Wolkenkratzers nach oben, dem Himmel entgegen.

Doch oben angekommen, wird die Luft dann ziemlich dünn, vor allem für einen Regisseur, der seinen Figuren pennälerhaft Klischeesätze in den Mund legt. Die Banker in dem Film reden so, wie sich Klein Erna vorstellt, dass Banker reden: Sie reihen Leerformeln und Anglizismen aneinander. Ein Josef Ackermann vermittelt in einer Minute mehr Charisma und Esprit als Hochhäuslers Banker-Bagage in den fast zwei Stunden seines Films. Und während das Geld schon in Stones Film nicht mehr richtig Spaß machen durfte, als wäre es zu schmutzig, um sich damit zu amüsieren, wird ihm bei Hochhäusler nun auch noch der letzte Rest Sinnlichkeit ausgetrieben.

Kalt, gläsern, metallisch und strahlend weiß sind die Räume, in denen die Geldgeschäfte abgewickelt werden und sich der Banker Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) und die junge Neufrankfurterin Svenja Steve (Nicolette Krebitz) ineinander verlieben sollen. Eine völlig artifizielle Gefühlskälte macht sich in diesem Film breit, die weit weniger von dem Milieu ausgeht, in dem er spielt, als vielmehr vom Stilisierungswillen seines Regisseurs. Hunger-Bühler und Krebitz wirken so leblos, als hätte Hochhäusler ihnen eine Überdosis Valium verabreicht. Alkohol wäre womöglich besser gewesen.



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Bala Clava 16.05.2010
1. Hier schreibt der Praktikant
Zitat von sysopWer bei den Wettbewerbsfilmen in Cannes nach einem gemeinsamen Nenner sucht, findet jede Menge trinkfreudige Protagonisten - zum Beispiel in den Werken von Unterschichten-Filmer Mike Leigh und Berufs-Misanthrop Woody Allen. Ein deutscher Beitrag kommt dagegen ziemlich dröge daher. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,695038,00.html
Der engagierteste Bericht wird konterkariert durch die SPon-BUs. Da steht ein Regisseur mit zwei Frauen im Arm. Na klar, der Leser kann sich eine als "seine Frau Suzie" aussuchen. Schön, dass SPon nun auch Bilderrätsel bietet.
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