Festspiel-Tagebuch Zu viele Sorgen, um zu sterben

Es wird kritisch in Cannes: Alejandro González Iñárritu zeigt in seinem poetischen Film "Biutiful", wie man am Rande der westlichen Reichtumsgesellschaft überlebt. Altmeister Jean-Luc Godards Kinoessay "Film Socialisme" sucht nach Nachwuchs für die nächste Revolution.

Aus Cannes berichtet


Machen wir uns nichts vor: Das echte Leben findet beim Festival von Cannes in den Filmen statt - nicht auf der Croisette, auf den Strand-Partys, in den Nobel-Hotels oder in den Luxusrestaurants. Die echte, harte, bestenfalls ungeschminkte Realität eines globalisierten Lebens im 21. Jahrhunderts abseits stetig fließender Geldströme - die wird in Cannes alljährlich von Regisseuren aus aller Herren Länder im Kino vorgeführt. Aus diesem krassen Gegensatz zwischen Jahrmarkt der Eitelkeiten und Hölle des sozialen Abstiegs gewinnt das Festival einen großen Teil seiner Faszination.

Am Montag gab es wieder so einen magischen Moment. Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu zeigte seinen neuen Film "Biutiful", den bisher mit Abstand besten Beitrag des diesjährigen Festival-Wettbewerbs. Erzählt wird die Geschichte des Spaniers Uxbal (Javier Bardem), der in Barcelonas Multikulti-Viertel El Raval wohnt, einem Schmelztiegel verschiedenster Nationalitäten und Kulturen. Chinesen, Afrikaner, Inder, Ost-Europäer - sie alle leben und überleben hier friedlich - und weit abseits des touristischen Trubels der Kulturmetropole Kataloniens - miteinander.

Schon in "Babel" versuchte Iñárritu zu zeigen, wie die Schicksalströme der Menschen im Zeitalter der Globalisierung miteinander verwoben sind. Mit "Biutiful" verabschiedet sich der Filmemacher nun vom Konzept ineinander verschachtelter Episoden und konzentriert sich auf einen einzigen Handlungsstrang, eine einzige Person.

Uxbal ist ein Stellvertreter aller Menschen, die nicht qua Geburt in den Genuss von Privilegien wie Bildung, Reichtum und Karriere kommen. Als alleinerziehender Vater zweier kleiner Kinder muss er für Unterhalt sorgen und betätigt sich als Menschenhändler, indem er chinesischen Billigfabrikanten dabei hilft, illegal ins Land geschmuggelte Arbeitskräfte an Bau-Unternehmer zu vermitteln.

Da er eine spirituelle Gabe besitzt, die ihm erlaubt, mit den Seelen Verstorbener zu kommunizieren, spendet er bei Beerdigungen den Hinterbliebenen Trost - ebenfalls gegen Geld, versteht sich, denn Uxbal ist ein Opfer ökonomischer Zwänge. Wenn es nicht anders geht, dann wird das Übersinnliche zum Nebenverdienst und das Verbrechen zum Arbeitsalltag.

"Intimität ist der neue Punk"

Den in kalte Lagerräume gepferchten Arbeitern aus Fernost besorgt er Gas-Öfen, damit es ihnen besser geht in ihrer prekären Existenz. Uxbal ist also auch ein Engel, aber einer mit sehr schmutzigen Flügeln. Als er von einer tödlichen Krebserkrankung erfährt, die ihm nur noch wenige Monate Lebenszeit lässt, versucht er, sein Leben moralisch zu ordnen. Doch die Existenz im Schatten der glitzernden Bankentürme ist so unlösbar verknotet mit existenziellen Konflikten, dass es ihm am Ende nicht mal vergönnt sein wird, in Frieden zu sterben.

Iñárritu inszeniert "Biutiful" konsequent als Charakterstudie. Die Kamera bleibt ganz nah an Javier Bardems trauriger Miene, seinem sorgenvollen Blick. Der Darsteller ("No Country For Old Men", "Das Meer in mir") zeigt hier erneut eine beeindruckende Leistung und sollte in Cannes gute Chancen auf den Darstellerpreis haben. Mit der geduckten, stets zum Sprung bereiten Physis eines verletzten Raubtiers trägt er den gesamten Film auf seinen Schultern und lässt den Wunsch des Regisseurs nach größtmöglicher Identifizierung und Nähe mit Uxbals zerquältem Charakter in Erfüllung gehen.

Dass inmitten all dieser Schrecken auch Schönheit existieren kann - die Schönheit des existenziellen Miteinanders -, das ist die Botschaft dieses Films. "Intimität ist der neue Punk", sagt Iñárritu. In Zeiten der Not müsse man zusammenrücken.

Und aus dieser Solidarität der Geknechteten und Geprügelten entsteht dann eventuell eine Revolution. So zumindest könnte man überleiten zum Nouvelle-Vague-Altmeister Jean-Luc Godard, dessen "Film Socialisme" hier in Cannes in der Nebensektion "Un certain regard" läuft.

Warum diese Ikone der Filmkunst nicht im Wettbewerb gezeigt wird? Nun, erstens ist das neue Godard-Werk einer seiner berüchtigten "Essays", eine auf den ersten Blick überwältigende Collage aus Bildern, Musik, Dialogen, Zitaten und Schlagwörtern, die das aktuelle Weltbild des fast 80-Jährigen widerspiegeln. Und zweitens ist es, bei allem Respekt, nicht sein bester Film.

Die Revolution hat Kinder

Aber das muss man in Wahrheit gleich wieder zurücknehmen, denn mit den wertenden Mitteln der Filmkritik kommt man einem Filmkunst-Genie wie Godard natürlich nicht bei. "Film Socialisme" ist weder gut noch schlecht, man kann versuchen zu begreifen, was gemeint ist mit diesem willkürlich scheinenden Strom von Assoziationen, und wenn man nicht versteht, was der Meister sagen möchte, dann ist auch das kein Problem: Jeder nimmt mit, was er sieht oder fühlt, Godard stellt lediglich das Material zur Verfügung.

Der erste Teil des Films ist noch recht zugänglich. Er ist auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeerraum angesiedelt, Stationen sind Barcelona, Griechenland, Ägypten und Neapel. Godard nutzt die Beobachtungen des banalen Alltags auf dem Dampfer für eine weitere seiner bereits gewohnten Attacken gegen Dekadenz und Bourgeoisie, indem immer wieder auf das Meer schneidet, wie es geduldig und weise unter dem ganzen Irrsinn hinwegwogt.

Im zweiten Teil geht es um eine einfache Familie im Süden Frankreichs, die von einem Fernsehteam besucht wird. Hier soll wohl dem Mann auf der Straße - der Vater ist Tankstellenbesitzer - auf den Zahn gefühlt werden. Das Augenmerk liegt vor allem auf der bildhübschen Teenager-Tochter, die sich mit der Ungerechtigkeit des politischen Systems in Europa beschäftigt. Ihr kleiner Bruder ist zu sehen, wie er ein knallrotes T-Shirt mit der Aufschrift CCCP trägt, im einen Augenblick wild ein fiktives Orchester dirigiert, im anderen ein erschöpftes Mittagsschläfchen hält: Die (sozialistische) Revolution hat Kinder - und die formieren sich gerade neu, so könnte man das deuten.

Es ist ein didaktisches Spiel mit Zeichen, Symbolen und Begriffen, das Godard hier treibt, oft ermüdend, manchmal inspirierend, zusätzlich erschwert durch englische Untertitel, die absichtlich nur schlagwortartig übersetzen, was auf Französisch gesagt wird. Auf jeden Fall waren die Diskussionen nach der Filmvorführung lang, wenn auch ergebnislos.

Godards Collagen-Stil, sein Pamphlet-artiges Agitieren gegen Geld, Macht und politische Korruption ist ehrenhaft, bleibt aber bei aller Radikalität stets den alten Dogmen verhaftet. Und folgt einer Filmsprache, die der Regisseur bereits in den sechziger Jahren etabliert hat. Das wirkt neben dem modernen, neo-realistischen Kino eines Alejandro González Iñárritu, der mit poetischem Blick auf eine Welt jenseits politischer Utopien schaut, schon etwas altbacken.

Zum Ausdruck bringen wollen beide Filmemacher ein ganz ähnliches Unbehagen an den ungerechten Zuständen der Welt. Es gibt kaum einen besseren Ort als Cannes, um diesen Unmut zu zeigen.

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