"Feuchtgebiete" im Kino: Schamloses Zauberwesen

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Majestic/ Peter Hartwig

Jetzt bitte tief durchatmen: Ja, in der Verfilmung von "Feuchtgebiete" wird Gemüse eingeführt und mit Sperma gespritzt. Doch Regisseur David Wnendt versucht, aus der dürftigen Vorlage mehr als ein paar Aufreger zu ziehen. Das Ergebnis ist besser als das Buch.

Dass Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete" bei Regisseur David Wnendt in guten Händen ist, merkt man ab dem ersten Bild. Da wird der Kommentar eines "Bild.de"-Nutzers eingeblendet: "Dieses Buch sollte weder gelesen noch verfilmt werden. Das Leben hat doch so viel mehr zu bieten als solch ekelhafte Perversitäten. Wir brauchen Gott!"

"Feuchtgebiete", das hat Wnendt verstanden, war kein Skandalroman, den jeder lesen wollte, sondern eine Diskussion, bei der jeder mitreden wollte. Mitgeredet, das wurde dann auch, in Online-Foren, Kantinen und Feuilletons: Über Analsex und Intimrasuren, Feminismus und Voyeurismus, über Tabus und Anstand. Je länger und hitziger geredet wurde, desto klarer wurde: "Feuchtgebiete" war eine Diskussion, die für Deutschland offensichtlich überreif war. Aber wie aus einer Diskussion einen Film machen?

Dildo-Test mit Gemüse

Wnendt kann sich zunächst vor der Frage drücken, indem er eine furiose Bilderkanonade startet (bitte beachten Sie auch unser Interview-Video, in dem Regisseur Wnendt exklusiv eine Szene selbst kommentiert). Wir sausen mit der 18-jährigen Hauptfigur Helen (Newcomerin Carla Juri in ihrer ersten großen Hauptrolle) auf dem Skateboard durch Berlin und landen mit ein paar schnellen Schnitten auch schon bei ihrem blumenkohlartigen Problem: fies juckende Hämorrhoiden. Gegen die hilft zum Glück Zinksalbe, aber da sind ja noch die feinen Härchen rund um den Anus, die beim Sex nicht stören sollen. Schlafestrunken setzt Helen morgens unter der Dusche den Rasierer an - und schneidet sich so heftig, dass sie notoperiert werden muss.

Im Krankenhaus hat Helen Zeit, sich nicht nur über ihre körperlichen Bedürfnisse Gedanken zu machen, sondern auch um ihre emotionalen. Die Trennung der Eltern, der pathologisch verschlossene kleine Bruder, die beste Freundin, die sich von ihr zu entfernen scheint: Eigentlich ist bei Helens Verletzung nur ein kleiner Eingriff nötig. Aber als sie merkt, dass sie die Zeit im Krankenhaus unabhängig von der ärztlichen Versorgung für sich braucht, entschließt sie sich zu einer drastischen Maßnahme, um noch ein bisschen länger bleiben zu können - und auch den süßen Pfleger Robin (Christoph Letkowski) noch etwas um sich zu haben.

Fotostrecke

8  Bilder
"Feuchtgebiete" im Kino: Brüste, Beine, Klo
Just in dem Moment, als Helen ihr Schicksal in die Hand nimmt, entgleitet Wnendt und Co-Autor Claus Falkenberg jedoch der Film. Bis dahin war es ihnen gelungen, die Zuschauererwartungen mit im deutschen Kino bislang nicht gesehenen Gewagtheiten - auf Dildo-Potential getestetes Gemüse, genauestens inspiziertes Vaginalsekret, vollgeblutete Tampons - zu befriedigen und gleichzeitig der erzählerisch äußerst dürftigen Buchvorlage eine Handlung abzuringen. Dass Helen vor keiner Schamgrenze halt macht, weil die Eltern ihr kein Urvertrauen vermittelt haben, wird von der drangeklatschten Küchenpsychologie zum alles erklärenden Trauma ausgebaut.

Der Kraftakt, den diese Arbeit am Roman bedeutet, sieht dank richtig guten Handwerks zunächst gar nicht so berserkerhaft aus. Das ist vor allem Wnendts phantastischem Gespür für Bilder geschuldet. Ob beim Oralsex oder auf dem OP-Tisch: Gemeinsam mit Kameramann Jakub Bejnarowicz findet er Einstellungen, die explizit genug sind, um ungehemmt zu wirken, aber nicht zum Gaffen einladen. Ja, es sind Brüste, Schamhaare und Genitalien zu sehen, und ja, auch mehrfach.

Zu viel Liebe tut nicht gut

Explizit erotisch wird es aber nur ein einziges Mal. Bei einem Aushilfsjob spricht ein Kollege Helen darauf an, ob er sie mal rasieren dürfe. Kurze Zeit später lässt sie bei ihm zu Hause die Hüllen fallen und spreizt für seine Klingen die Beine. Ebenfalls nackt und mit halberigiertem Penis macht er sich ans Werk, setzt den Rasierer sicher und behutsam an. Als ihn Helen nach getaner Arbeit halb atemlos fragt, ob er jetzt mit ihr schlafe, antwortet er jedoch entschieden: "Nein, du bist mir zu jung." Unter deutschen Regisseurinnen und Regisseuren wird man lange nach jemandem suchen, der es wie Wnendt versteht, beiden Figuren in dieser Szene ihr Begehren und ihre Würde zu lassen.

Wnendts Respekt für die Filmfiguren ist überall zu spüren. Marlen Kruse erhält als beste Freundin Corinna jede Menge Möglichkeiten, um das Publikum mit ihrer Neugier, Loyalität und Begeisterungsfähigkeit hinzureißen. Axel Milberg kommt als Helens Vater, der vor Problemen mit dem Motorrad wegbraust, sympathisch verschreckt daher. Und selbst Meret Becker als hochgradig gestörte Mutter, die ihrer kleinen Tochter im Schlaf die langen Wimpern abschneidet, damit sie sich nichts auf ihr Äußeres einbildet, taugt in ihrer existentiellen Orientierungslosigkeit nicht als Sündenbock.

Zu viel Liebe tut dem Film nur leider nicht gut. Je länger Helen mit sich selbst (oder dem Gewebe, das ihr bei der ersten Operation aus dem Analbereich entfernt wurde) spielt, desto unklarer ist, wen ihre Rebellion gegen den guten Geschmack provozieren soll. Im Film stößt sie eigentlich nur auf Verständnis. Selbst Edgar Selge als ignoranter Chefarzt zieht irgendwann den Hut vor Helens entwaffnender Offenheit gegenüber allem Körperlichen.

Also sollen mit Sperma garnierte Pizzen und vaginal eingeführte Avocadokerne wohl das Kinopublikum auf den Plan rufen. Doch was schocken soll, nutzt sich schnell ab, schlimmer noch: Im letzten Drittel langweilt es sogar. Schließlich haben Wnendt und Juri zuvor alles daran gesetzt, die Zuschauer auf Helens Seite zu ziehen und ihre Eskapaden entweder als Lebenslust gutzuheißen oder als Folge ihrer traumatischen Kindheit zu verstehen. Leider hilft es auch nicht, dass der gebürtigen Schweizerin die Konsonanten manchmal so butterweich geraten, dass ihre Helen ins Mädchenhaft-Verspielte kippt. Wer soll diesem Zauberwesen eigentlich was übelnehmen?

Ohne echten Gegner wirken die kämpferischen Posen von "Feuchtgebiete" wie ein Fehdehandschuh, den niemand aufnimmt. Von der Hitzigkeit und intellektuellen Schärfe der Diskussion um den Roman ist nichts zu spüren. Aus der Buchvorlage macht der Film sicherlich das Beste und setzt mit tollen Bildern und Schauspielern noch mal eins drauf. Nur war an "Feuchtgebiete" eben nie das Buch das Interessanteste, und für dieses Problem findet der Film bei allen Stärken leider keine Lösung.

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insgesamt 96 Beiträge
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1.
ecce homo 19.08.2013
"Wer soll diesem Zauberwesen eigentlich was übel nehmen" Was sollte man ihr denn auch übelnehmen?
2. Untergehende Kulturen ....
dunnhaupt 19.08.2013
... verlieren zuerst das Maß" (Adalbert Stifter). Man kennt überhaupt nicht mehr die Grenzen dessen, was sich ziemt.
3.
Olaf 19.08.2013
Zitat von sysopJetzt bitte tief durchatmen: Ja, in der Verfilmung von "Feuchtgebiete" wird Gemüse eingeführt und mit Sperma gespritzt. Doch Regisseur David Wnendt versucht, aus der dürftigen Vorlage mehr als ein paar Aufreger zu ziehen. Das Ergebnis ist besser als das Buch. Feuchtgebiete von Charlotte Roche von David Wnendt verfilmt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/feuchtgebiete-von-charlotte-roche-von-david-wnendt-verfilmt-a-916900.html)
Ich habe mich ja immer dagegen gewehrt, aber es sieht so aus, als hätten die amerikanischen Forscher recht und die Deutschen sind tatsächlich analfixiert. DER SPIEGEL*10/1985 - Zwanghafte Neigung (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13511651.html) Wenn ich da dazu noch an die Hype um die Behandlung mit Eigenurin denke. Die goldene Fontäne - Gesundheit - Welt - Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/die-goldene-fontaene/504108.html)
4.
Karl_Lauer 19.08.2013
Für mich persönlich ist der eigentliche Skandal die grenzenlose Prüderie mit der auf diesen harmlosen Film reagiert wird..
5.
blurps11 19.08.2013
In der Diskussion um das Buch gab es also eine "intellektuelle Schärfe" ? Habe ich da was verpasst, oder ist diese Meinung von Frau Pilarczyk, höflich ausgedrückt, eine Frage der Masstäbe ? Ich erinnere mich nämlich nur an die übliche Beschäftigung des Feuilletons mit sich selbst und der Schinken wurde dabei an Niveau selten übertroffen.
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Feuchtgebiete

D 2013

Regie: David Wnendt

Buch: Claus Falkenberg, David Wnendt

Darsteller: Carla Juri, Marlen Kruse, Axel Milberg, Meret Becker, Christoph Letkowski

Produktion: Rommel Film, ZDF

Verleih: Majestic

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16. Jahren

Start: 22. August 2013