"Feuerwerk am helllichten Tage" Anmutiges, kaputtes China

Bei der Fußball-WM und bei Filmfestspielen gewinnen manchmal doch die Besten: Der nun startende Berlinale-Sieger "Feuerwerk am helllichten Tage" handelt von Morden und fataler Liebe in einer chinesischen Provinzstadt. Ein meisterhafter Thriller.

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Ein ziemlich übel zugerichteter ehemaliger Cop und eine wunderschöne junge Wäschereinigungsfachfrau sind die Helden dieses Kriminalfilms, der auf hinreißende Weise zeigt, wie eng das Kinogewerbe verwandt ist mit der Kunst der Malerei. Der Film "Feuerwerk am helllichten Tage" erzählt die Story eines Bullen und eines bösen Mädchens, das ihm zur Obsession wird. Eine Geschichte aus einem düsteren, verschneiten, in Rot- und Grüntöne getauchten modernen China, die in sensationell anmutig inszenierten Allerweltslandschaften spielt.

Man sieht beispielsweise einem Mann dabei zu, wie er von einer Brücke aus verdächtige Pakete auf Güterzugwaggons wirft; man sieht verlorene Tanzende in einem Nachtclub und grimmig dreinblickende Passagiere in einem überfüllten Bus; und man sieht eine Eislaufbahn, auf der ungelenke Schlittschuhläufer unter freiem Nachthimmel ihre Runden drehen. Die fast hypnotische Wirkung von "Feuerwerk am helllichten Tage" besteht darin, dass man als Kinozuschauer stets von Neuem über die Schönheit der kaputten Welt staunt, in der sich dieses Mord- und Totschlags-Märchen ereignet.

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"Feuerwerk am helllichten Tage": Das Geheimnis der coolen Frau Wu

"Feuerwerk am helllichten Tage" ist ein Werk des 45-jährigen Regisseurs Diao Yinan. Der Film lief im Februar dieses Jahres bei der Berlinale unter dem englischen Titel "Black Coal, Thin Ice" und wurde dort sowohl mit dem Goldenen Bären als bester Film als auch mit dem Silbernen Bären für den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet. Warum? Vermutlich auch, weil sich der Krimi, der hier erzählt wird, als politische Lektion verstehen lässt, als Porträt einer gründlich zerrütteten Gesellschaft.

Poetische Knalleffekte

Mit der abgetrennten Hand eines Toten, die auf dem Fließband einer Kohlehalde ruckelt, geht es los. Im Jahr 1999 werden an diversen Orten in der Provinz Nordchinas Leichenteile gefunden. Zusammen mit zwei Kollegen ermittelt der Kriminalkommissar Zhang Zili (Fan Liao) die Identität des Opfers. Es ist ein Mann, der an der Waage der Kohlehalde arbeitete. Bald findet sich auch ein mutmaßlicher Täter. Doch beim Versuch, den Kerl zu verhaften, werden die Polizisten über den Haufen geschossen. Nur Zhang überlebt. Er verliert seinen Job und seine Frau und verfällt dem Suff.

Als im Jahr 2004 wieder ein Unbekannter Leichenteile auf Kohlewaggons verteilt, darf Zhang den Fahndern trotzdem helfen. Er heftet sich an die Fersen der schönen Witwe des Mordopfers von einst. Das Mädchen heißt Wu Zhizen und steht in einer Reinigung hinterm Tresen. Der Ex-Polizist Zhang schlurft nun fast täglich in den mit Hemden und Mänteln vollgestopften Waschsalon. Dass der Mann nicht nur den Mordfall lösen will, sondern ihr komplett verfallen ist, merkt Frau Wu, die von der taiwanischen Schauspielerin Gwei Lun Mei mit stoischer Coolness gespielt wird, ziemlich schnell.

Mit viel Sinn für poetische Knalleffekte und verdrehte Komik zeigt "Feuerwerk am helllichten Tage" einen brutalen Mord, der mit Schlittschuhkufen begangen wird, und ein Polizeirevier, auf dessen Hausflur plötzlich ein Pferd herumsteht. Zu den überraschenden Wendungen in diesem Film gehört auch das Feuerwerk, das wie im chinesischen Originaltitel nun auch im deutschen Kinotitel genannt wird.

Diao Yinan zeigt lauter existenzialistisch vereinsamte Menschen wie die französischen Gangsterfilme der Fünfziger- und Sechzigerjahre, am Ende aber klärt er die Rätsel seiner Geschichte auf ebenso raffinierte wie altmodisch-gründliche Weise auf. Es ist ein Fall von simpler Geldnot, mit der das Morden in dieser meisterhaft ausgemalten Schauergeschichte seinen Anfang nahm.

Feuerwerk am helllichten Tag

VRC 2014

Originaltitel: Bai ri yan huo

Buch und Regie: Yi'nan Diao

Darsteller: Fan Liao, Lun Mei Gwei, Xuebing Wang

Produktion: Omnijoi Media, Boneyard Entertainment China, China Film Co.

Verleih: Weltkino

Länge: 106 Minuten

Start: 24. Juli 2014

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Seite 1
gott777 22.07.2014
1. Ich habe bereits...
..den Film im chinesischen Original gesehen, es ist keine leichte Kost. Nicht wegen irgendwelcher Gewalt (die dennoch stattfindet) sondern wegen der alltäglichen Tristese und dem banalen Umfeld in dem der Film spielt. Keine spektakulären Landschaften oder bombastische Effekte sondern das tröge Allerweltsleben das beim Zuschauer am Ende des Films durchaus auch mit der Frage nach dem Sinn eines solchen Durchschnittsleben stehen lässt.
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