Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Fickende Fische": Was Sie schon immer nicht über Sex wissen wollten

Von Daniel Haas

Mutig im großen Stil, ehrlich bis ins Detail: Almut Gettos Film "Fickende Fische" erzählt wunderbar unaufgeregt von Krankheit, Pubertät und Liebe.

"Fickende Fische", Darsteller Rogall (l.) und Mewes: Realität HIV-positiver Kinder
DDP

"Fickende Fische", Darsteller Rogall (l.) und Mewes: Realität HIV-positiver Kinder

Gäbe es ihn, den deutschen Film, und ließe er sich auf eine Kurzformel bringen, dann könnte sie vielleicht so lauten: schlechte Komödien, passable Dramen, exzellente Pubertätsgeschichten. Ob "Crazy", "alaska.de" oder "Herz im Kopf": Die deutschen Filmkreativen haben ein beachtliches Gespür für die Nöte Heranwachsender.

"Fickende Fische" markiert einen weiteren Höhepunkt in dieser Entwicklung hin zu einer genuinen Filmkultur. Mutig, kritisch und präzise schildert die Regisseurin Almut Getto in ihrem ersten Spielfilm die Begegnung zweier Teenager, deren Liebe gleich mehrfach bedroht ist: von der Ignoranz der Erwachsenen, von der eigenen Unsicherheit und von einer bisher unheilbaren Krankheit - AIDS.

Die Helden in diesem kleinen feinen Film sind Jan (Tino Mewes), ein 16-jähriger Junge aus wohlhabender Familie, und Nina, ein Mädchen, das sich, vernachlässigt vom allein erziehenden Vater, größtenteils um sich selbst kümmert. Jan hat sich in ein Phantasiereich zurückgezogen: Bedrängt von der überfürsorglichen Mutter träumt er sich in schummrige Meerestiefen. Sein Zimmer wird beherrscht von einem gigantischen Aquarium - einer Welt, in der es still und friedlich ist, weitab vom realen Schrecken der Krankheit, denn Jan ist HIV-positiv.

Jan (T. Mewes) und Nina (S. Rogall): Zufallsbekannschaft mit Folgen
DPA

Jan (T. Mewes) und Nina (S. Rogall): Zufallsbekannschaft mit Folgen

Nina (Sophie Rogall) vermisst ihre Mutter, die angeblich in Kenia lebt. Dass ihr Vater eine Geliebte hat und ihr Bruder nur an Autos und Mädchen denkt, gehört zu den vielen Kränkungen, mit denen sie täglich fertig werden muss. Aber Nina lässt sich nicht unterkriegen. Sie ist kess, selbstbewusst und direkt. Und damit das genaue Gegenteil zu Jan, den sie auf der Straße buchstäblich überrollt.

Schnörkellos und mit großer Selbstverständlichkeit entwickelt "Fickende Fische" aus dieser Konstellation seine Krisen und Konflikte. Wie kann sich Jan verlieben, wo er doch fürchten muss, wie einer seiner besten Freunde zu sterben? Wie kann er sich abnabeln von einer Mutter, deren Ängste er doch nur allzu gut versteht, weil sie letztlich auch seine eigenen sind? Und wie soll Nina vertrauen, wenn sie zu Hause meistens belogen und betrogen wird?

Alles, was Sie schon immer nicht über Sex wissen wollten und deshalb auch nicht gefragt haben: Die Realität HIV-positiver Kinder und Jugendlicher war bisher kein Filmthema. Überhaupt werden die an der Immunschwäche Erkrankten oft in enge Klischees asyliert: der promiske Homosexuelle, die gewissenlose Drogensüchtige. Dass die Krankheit eine enorme soziale und moralische Herausforderung nicht nur für so genannte Randgruppen darstellt, wurde und wird gern ausgeblendet.

Nina und ihre Freundin Angel (Angelika Milster): Hilfe gegen Verdrängung, Abschottung und Verharmlosung
DDP

Nina und ihre Freundin Angel (Angelika Milster): Hilfe gegen Verdrängung, Abschottung und Verharmlosung

Die klassischen Initiationsthemen wie Konfrontation mit dem Tod und erste sexuelle Erfahrung werden hier im Kontext einer ganz konkreten gesellschaftlichen Realität noch einmal zugespitzt: Der beim diesjährigen Max-Ophüls-Festivals prämierte Film erzählt deshalb neben einer zarten und bewegenden Romanze auch einiges über die gegenwärtige kulturelle Lage.

Die wird immer noch bestimmt von Tendenzen der Verdrängung, Abschottung und Verharmlosung. Das andere, so der Gedanke, existiert in Form von Krankheit an den Rändern unserer Gemeinschaft, die sich im Kern als intaktes Ganzes wähnt. Diese Opposition zumindest teilweise aufzulösen gelingt Getto und ihrem Team auf wunderbar unprätentiöse Art. Zweierlei ist den "Fickenden Fischen" deshalb zu wünschen: viele Zuschauer und zahlreiche Nachkommen.

"Fickende Fische". Buch und Regie: Almut Getto. Darsteller: Sophie Rogall, Tino Mewes, Annette Uhlen, Hans-Martin Stier, Ferdinand Dux, Angelika Milster; Produktion: Icon Film; Verleih: Ottfilm; Länge: 103 Minuten; Start: 15. August 2002.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: