"Fight Club" Heilende Selbstzerstörung

Mit ihrem düsteren Abgesang auf die Zivilisation haben Regisseur David Fincher und Hauptdarsteller Brad Pitt das Clockwork Orange 2000 zum Ticken gebracht.

Von Olaf Schneekloth


Brad Pitt (Tyler Durden) schlägt sich gut
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Brad Pitt (Tyler Durden) schlägt sich gut

Dass der ehemalige Video- und Werbefilmer David Fincher für Hartgesottene dreht, dürfte seit seinem Thriller "Sieben" (ebenfalls mit Brad Pitt) oder "Alien 3" bekannt sein. Aber so weit wie hier ist er tatsächlich noch nie gegangen: Mit hypnotischem Sog zieht Fincher das Publikum in ein kaputtes, visuell atemberaubendes Szenario um Zivilisationskrüppel, die sich in einem Befreiungsakt ihre Gesichter zu Brei schlagen. Sie suchen Seelenheil in der Selbstzerstörung, denn ihre innere Leere ist so groß geworden, dass sie nur noch etwas spüren, wenn sie sich zu den existenziellen Ursprüngen zurückdreschen. Tyler Durden (Brad Pitt) ist Anführer dieser Fight Clubs, ein charismatischer Anarchist, der in Wirklichkeit noch viel radikalere Pläne verfolgt als das brutale Kräftemessen. Schleichend baut er eine Terrorgruppe auf, mit der er das Land ins Chaos stürzen will.

Trotz entfesselter Kamera, bizarrer Einfälle am laufenden Band und verblüffend intelligenter Gesellschaftsanalysen aus dem Off, ist "Fight Club" vor allem eine Tour de Force seiner Hauptdarsteller Brad Pitt und Edward Norton (American History X, Larry Flynt). Pitt hat sein Sonnyboy-Image seit "Kalifornia" nicht mehr so mutig unterwandert und Babyface Norton empfiehlt sich endgültig als einer der wandlungsfähigsten Darsteller seiner Generation. Er spielt den namenlosen Ich-Erzähler, der in einem Vakuum aus IKEA-Nestbautrieb und Schlaflosigkeit vegetiert und Selbsthilfegruppen Todkranker besuchen muss, um sich zu beweisen, dass er noch lebt. Mit anderen Worten: Er verkörpert den typischen emotionsgestörten Lemming des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Das ändert sich, als er zufällig Durden kennen lernt. Chaos trifft auf formbare Materie und die grimmigste Satire seit "Clockwork Orange" hebt ab. Dreck, Verfall und Gewalt sind allgegenwärtig. Anstand und Moral verwesen vor den Augen der Zuschauer, und die Soundterroristen "Dust Brothers" wummern dazu.

Bei dem Master of Darkness David Lynch brannte auch im tiefsten Abgrund wenigstens noch die kleine Funzel Hoffnung. Nichts davon bei Fincher, der Wahnsinn hat perfide Methode und Kontroversen sind vorprogrammiert: Dem gewaltigen Bildersturm wurden auf dem Filmfestival von Venedig gar faschistoide Tendenzen nachgesagt. Eine ebenso verständliche wie unsinnige Unterstellung. Natürlich trägt Durdens Terrorgruppe ganz klar faschistische Züge - eine namenlose, gewaltbereite und gehorsame Masse. Natürlich ist die anarchistische Farce zutiefst zynisch und menschenverachtend - aber nur, weil die Gesellschaft, die sie karikiert, es ist. Dem Film deshalb eine totalitäre Haltung unterjubeln zu wollen, ist im Grunde die größte Pointe dieses aberwitzigen Alptraums. Damit wird der Überbringer mal wieder mit der schlechten Botschaft selbst verwechselt. Und die lautet: Beim nächsten Faustschlag ist es fünf vor zwölf.



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