"Amour" in Cannes: Alles stirbt, nur die Liebe nicht

Aus Cannes berichtet

Bis dass der Tod sie scheidet: Mit Michael Hanekes ungewöhnlich liebevollem Sterbedrama "Amour" hat das Filmfestival in Cannes einen ersten Anwärter auf die Goldene Palme. Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva begeistern als altes, einander verschworenes Ehepaar.

"Amour" von Michael Haneke: Zwischen Ehehafen und Hospiz Fotos
Festival Cannes/ Les films du losange

Es ist genau ein Jahr her, dass Dutzende Fimkritiker aus aller Welt weinend im Kino saßen. Andreas Dresen hatte sein rührendes, soeben zu Recht mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnetes Sterbedrama "Halt auf freier Strecke" im Cannes-Nebenwettbewerb "Un certain regard" gezeigt - und die Geschichte eines urplötzlich von einem Hirntumor heimgesuchten Familienvaters ließ beim Profi-Publikum des Festivals jede Distanz verloren gehen.

Solche Szenen gab es in der Wettbewerbspressevorführung von "Amour" nicht. Dabei ist das Thema des neuen Films von Cannes-Stammgast und Palmen-Gewinner Michael Haneke ("Das weiße Band") ein ganz ähnliches. Aber der frankophile Österreicher Haneke ist normalerweise niemand, der große Emotionen ohne Abgründe oder Brutalität inszeniert.

Umso erstaunlicher, von Haneke nun eine für seine Verhältnisse sehr sanftmütige Geschichte des Sterbens alter Leute präsentiert zu bekommen. Die Irritation im Kinosaal war mindestens ebenso groß wie der spontan aufbrandende Applaus. Der große Verstörer Haneke kann auch anders, so die Erkenntnis, aber er behält dabei seine Exaktheit, seine bisweilen kalte Beobachtungsgabe und sein Gespür für Tabuthemen. Und das macht "Amour" zum ersten echten Palmen-Anwärter in diesem Cannes-Jahrgang.

Schatten auf dem Altersidyll

Was geschieht mit unserer Liebe, wenn wir gemeinsam alt werden? Diese fast schon banale, aber eben doch elementare Frage ist das Grundthema von "Amour": Georges und Anne, beide um die 80, aber noch recht rüstig, haben bereits ihr ganzes Leben miteinander verbracht. Ihre großzügige Altbauwohnung in Paris ist Spiegel einer interessanten, abwechslungsreichen und kulturell erfüllten Zweisamkeit, gefüllt mit vergilbten Sedimenten, aus der Mode gekommenen Möbeln, staubigen Büchern, alten Katalogen, einer antiken Stereoanlage und einem kleinen Konzertflügel. Anne war früher Pianolehrerin, und gemeinsam sehen wir sie und Georges stolz in einem Konzert von Alexandre sitzen: einst Schüler von Anne, heute ein Klassik-Star.

Doch Haneke legt von Anfang an den Schatten kommender, sehr unguter Ereignisse über seine Geschichte. Eine Anfangssequenz, die wie aus einer Krimi-Serie entnommen wirkt, macht klar, dass das Altersidyll von Georges und Anne akut bedroht ist. Polizeibeamte brechen die Wohnung auf, schrecken vor einem offensichtlich unausstehlichen Gestank zurück und machen in einem verriegeltem Zimmer eine aufwühlende Entdeckung.

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Solche Horrorfilmelemente behält Haneke auch beim Rücksprung in die unmittelbare Vergangenheit bei. Es beginnt damit, dass Anne eines Nachts stocksteif im Bett sitzt und vor sich hin starrt. Georges wird davon wach und ist besorgt, doch Anne kann ihn beruhigen: alles in Ordnung. Anderntags wird es allerdings noch unheimlicher.

Harmonisch wie wahrscheinlich jeden Morgen sitzen die beiden zusammen in ihrer etwas rumpeligen Küche, über Eck hinter einen kleinen Holztisch geklemmt. Georges isst sein Frühstücksei, als ihm auffällt, dass Anne geradezu katatonisch ins Leere starrt und partout nicht mehr ansprechbar ist. Alarmiert hastet er aus dem Zimmer, um sich etwas anzuziehen, Hilfe zu holen. Doch während er sich noch die Schuhe bindet, hört er Geräusche aus der Küche. Anne ist wieder zum Leben erwacht und erklärt ihren Ehemann für verrückt, es sei doch nichts gewesen!

Der Arzt diagnostiziert dann bei Anne aber doch die Verstopfung einer Halsschlagader, und nach einem Schlaganfall, der sie halbseitig lähmt, sieht sich Georges damit konfrontiert, seine geliebte Frau, intellektuelle Gesprächspartnerin und Lebensfreundin auf ihrem letzten Weg begleiten zu müssen. Das Apartment wird nach und nach zum Hospiz, zu dem Freunde und Verwandte nur noch begrenzten Zugang haben. Allen voran Annes nervöse Tochter Eva (Isabelle Huppert), mit der Georges immer feindseliger umgeht, je schlechter es Anne geht. Auch ein Besuch von Ex-Schüler Alexandre gerät zum Debakel. Als er sich nach Annes Zustand erkundigt, wird er brüsk abgewiesen: Man möge doch lieber über etwas anderes reden. Auch eine Tagesschwester, die mit Anne etwas rüde umgeht, findet vor dem resoluten Georges keine Gnade.

Mit aller Kraft auf dem letzten Weg

Bis der Tod uns scheidet, so direkt und konsequent hat wohl noch kein Regisseur diese Hochzeitsformel in ein filmisches Requiem verwandelt. Mit aller Kraft bemüht sich Georges, das erlöschende Leben für Anne so angenehm wie möglich zu machen, er hievt sie, selbst schon etwas klapperig, in den Rollstuhl, wäscht sie, wechselt ihre Windeln, als sie das Bett nicht mehr verlassen kann. Denn Annes Kräfte und wache Momente schwinden schnell, und als Georges eines Tages versucht, ihr mit einer Schnabeltasse Wasser zuzuführen, gelangt er an die Grenzen seiner Liebe.

Zu renitent und mit bockig verzerrtem Gesicht lehnt Anne die Flüssigkeit ab. Das einzige Wort, was sie mit enervierender Klage nurmehr von sich gibt, ist das französische "mal" - schlecht. Es tut weh. Und sie mag nicht mehr. Aber wie soll Georges mit diesem Todeswunsch umgehen. Kann er anders, als ihn seiner Geliebten zu erfüllen? Ist er es ihr nicht schuldig nach all den Jahren der engen Partnerschaft? Ist er nicht sogar der einzige, der diese Entscheidung treffen darf?

Hanekes Film hätte nur halb so viel Wucht, hätte er nicht zwei französische Superstars als Hauptdarsteller, die in "Amour" beide ein beeindruckendes Alters-Comeback feiern. Emmanuelle Riva hatte ihren Durchbruch einst als verführerische Schönheit in Alain Resnais' "Hiroshima, mon Amour" und ist als 85-Jährige eine würdevolle, sehr attraktive Dame. Umso erschütternder wirkt ihr Verfall im Film.

Jean-Louis Trintignant wurde in den fünfziger Jahren von Roger Vadim entdeckt, hatte eine Affäre mit Brigitte Bardot und wurde zu einem der Stars des französischen Kinos der Sechziger und Siebziger. Heute, 81-jährig, mit weißem Fusselhaar und tief eingekerbten Gesichtszügen, sieht der zarte Beau von einst aus wie Pablo Picasso in seinen letzten Jahren - kräftig, physisch präsent und unerbittlich, immer aber auch ein wenig undurchschaubar, wie so oft in seinen Rollen als zwielichtiger Lover, Mörder oder verschlagener Polizist in nahezu hundert Filmen, darunter auch Claude Lelouchs "Ein Mann und eine Frau" und Costa-Gavras' Polit-Thriller "Z".

Zusammen zeigen diese beiden grandiosen Darsteller ohne Kitsch und Prätention, wie die große Liebe endet, wenn das Lebensende erreicht ist - unfairerweise bei dem einen Partner zuerst. Wie verzweifelt der Kampf darum ist, den anderen noch nicht zu verlieren, ihn aber unaufhaltsam schwinden zu sehen, davon erzählt "Amour" in langen, wohldurchdachten Einstellungen. Michael Haneke, der große Mahner des europäischen Kinos, hält seine manchmal zwanghaft wirkende Pädagogik hier wohltuend zurück. Er zeigt, und er zeigt auch drastisch, aber er malt hier seine Botschaft nicht auf Plakate.

Gerührt ist man am Ende dann schon. Aber eher ernüchtert als in Trauer aufgelöst: Es ist wie es ist, irgendwann ist das Leben zu Ende. Wie man seinen Partner aus Jahrzehnten auf den letzten Etappen begleitet, daran zeigt sich letztlich, wie stark die Liebe des Lebens sein kann - und wie sehr sie alles um sie herum negieren und verdrängen kann. Allein, zu zweit, bis in den Tod.

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1. Amour, Liebe - Premiere in Berlin
louikr 12.09.2012
Wie anders als sonst, das hartgesottene Premierenpublikum fängt erst eine halbe Stunde nach Filmende über den Regisseur und sein die Schauspieler umschmeichelndes und die Subalternen knechtendes Verhalten zu lästern. Ungewöhnlich. Eigentlich wird schnell zur Insidertagesordnung übergegangen. Nicht bei diesem Film. Kritiken sind über ihn genügend geschrieben worden. Ja, das erhabene Spiel der beiden Darsteller, chapeau pour Huppert, dass sie sich in dieser eher unsympathischen Nebenrolle Platz verschafft, ist herausragend. Aber Filme ruhen nicht in sich. Jeder, wirklich jeder, den ich nach Filmende gesprochen habe, sprach von seinen Eltern, Großeltern oder eigenen Ängsten, auch die ganz Jungen. Was will man mehr von einem Film? Für mich,Mitte 60, hat sich ein Bogen gespannt von der "Brücke", dem Sterben der ganz Jungen zu dem Sterben der ganz Alten. Resumée? Wen die Götter lieben, lassen sie vielleicht nicht ganz jung aber keinesfalls betagt sterben
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