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18. Dezember 2012, 15:16 Uhr

"Beasts of the Southern Wild"

Sie war sechs, als die Welt unterging

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Der Film war spottbillig, die Stars sind Laien - doch "Beasts of the Southern Wild" ist ein Meisterwerk, das Poesie mit Politik vereint. Es handelt von einer Sechsjährigen, Hurrikan "Katrina", einer Gemeinschaft in Not und einem Staat, der erst eingreift, als alles verloren ist.

"Ich verstehe, dass ich ein kleiner Teil eines großen, großen Universums bin, und deshalb ist alles in Ordnung", sagt die sechsjährige Hushpuppy. "Wenn ich sterbe, werden die Wissenschaftler der Zukunft alles entdecken. Sie werden erkennen, dass es einmal eine Hushpuppy gab und dass sie mit ihrem Vater im Bathtub lebte." Sind das die Worte eines Mädchens, das wie jedes Kind seinen Platz in der Welt sucht? Oder zwingt eine tatsächliche physische Bedrohung sie dazu, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen?

Bis zum Ende von "Beasts of the Southern Wild" werden wir darauf keine abschließende Antwort bekommen haben, werden wir nicht wissen, was der Film eigentlich erzählt: die Geschichte eines Kindes, das sich vor dem Verlust der Eltern fürchtet. Oder die Geschichte von Jahrhundertsturm "Katrina", der 2005 die Golfküste der USA verwüstet und dabei die Isle de Jean Charles, das Vorbild für die im Film Bathtub genannte Insel, überfluten lässt und über 1800 Menschen das Leben kostet. Beide handeln aber letztlich von derselben Sache: der Erfahrung, dass man der Welt und ihren Kräften allein ausgesetzt ist.

Die großartige Leistung von Regisseur und Co-Autor Benh Zeitlins ist es, diese Erfahrung in einen Film zu übersetzen, der genauso erschütternd, überwältigend und mitreißend ist wie sein Thema selbst - den man also schlicht nicht verpassen darf. Auf den internationalen Festivals des Jahres wurde "Beasts of the Southern Wild" entsprechend gefeiert: Unter anderem gewann der Film in Sundance den Hauptpreis und wurde in Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet.

Wer schmeißt hier den Laden?

Für einen Debütfilm ist das schon erstaunlich genug. Für einen Film, der weniger als zwei Millionen Dollar gekostet hat und nur auf Laiendarsteller setzt, umso mehr. Noch erstaunlicher ist allerdings, mit welcher Souveränität Zeitlin und seine Crew den Film in der Schwebe halten zwischen harschem Realismus und wilder Poesie. Wo im einen Moment noch die Bathtub-Community eine ausgelassene Party mit Feuerwerk feiert, liegen im nächsten Moment leblose Körper herum, von denen man nicht weiß, ob sie der Alkohol oder die Fluten dahingerafft haben.

In dieser Welt versucht sich Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) zu behaupten. Zwar wächst sie bei ihrem Vater Wink (Dwight Henry) auf. Doch er versorgt sie weniger mit Geborgenheit als mit dem Selbstbewusstsein, sich zur Not auch allein durchschlagen zu können. Aus der Perspektive der Sechsjährigen nimmt man denn auch die ganze Geschichte mit all ihren Katastrophen und hoffnungsvollen Augenblicken wahr.

Mit Hushpuppy versorgt man eine Horde halb wilder, halb domestizierter Tiere, von denen so ziemlich jedes das nächste Frühstück sein kann. Mit ihr fährt man mit dem Boot zur improvisierten Schule und lauscht den Erzählungen der Lehrerin von der Entstehung der Erde. Man streitet sich mit dem Vater und lässt die eigene Hütte aus Trotz abfackeln, versteckt sich vor dem drohenden Sturm unter einem Karton und steht schließlich vor den Resten einer Heimat, die aus kaum mehr als verwüsteten Häusern und schlammigen Gewässern besteht.

Sechs Jahre alt war Hauptdarstellerin Wallis, als die Dreharbeiten begannen. Die Verantwortung, letztlich den ganzen Film zu tragen, scheint ihr nichts ausgemacht zu haben. Im Gegenteil. Wie alle Darsteller weiß sie den ungeheuren Vertrauensvorschuss in funkensprühende Energie umzuwandeln. "Who's the muscle?", wer schmeißt hier den Laden?, hat ihr der Vater Wink so lange entgegengebrüllt, bis er die richtige Antwort bekommen hat. Natürlich schmeißt Hushpuppy den Laden.

Mensch gegen Mensch

Allein Wallis' und Zeitlins Leistungen herauszuheben, hieße aber, sowohl der Entstehungsgeschichte als auch dem Geist von "Beasts of the Southern Wild" nicht gerecht zu werden. Der Film ist in jahrelanger Gemeinschaftsarbeit aus einem Theaterstück von Lucy Alibar heraus entwickelt worden, die Darsteller wurden vor Ort in Louisiana rekrutiert, Zeitlins Schwester zeichnet für das Setdesign verantwortlich, er selbst wiederum hat die sinnlich-pathetische Musik komponiert.

Vor allem feiert der Film aber den Zusammenhalt in der Bathtub-Community. Die kleine Aussteigergemeinschaft lebt eine Utopie, die die Konfliktlinien der US-amerikanischen Gesellschaft vergessen macht, wo religiöse, ethnische, ja selbst familiäre Zugehörigkeiten nichts sind, was nach einem Glas Selbstgebrannten und einer Hand voll frisch gerösteter Krebsscheren noch sonderlich Bedeutung hätte.

Auf den ersten Blick ist es der Sturm, der diese Gemeinschaft bedroht. Doch der wahre Horror entsteht erst, als die Bewohner des Bathtub zwangsevakuiert werden. In anonymen Rettungszelten auf dem Festland wird die Gruppe auseinandergerissen und Hushpuppy von ihrem kranken Vater getrennt. Schnell zeigt sich hier, dass es für Zivilisiertheit und Anstand mehr bedarf als weiße Laken und hygienisch abgepacktes Essen. Die Bathtub-Bewohner entschließen zu fliehen. Doch was erwartet sie zu Hause auf der zerstörten Insel?

Indem "Beasts of the Southern Wild" nicht Mensch gegen Natur, sondern Mensch gegen Mensch stellt, wird er auch zu einem politischen Film. Wo Staatsgewalt erst einschreitet, wenn es nichts mehr zu retten und nur noch zu trennen gibt, dann stellt sich die Frage nach ihrer Legitimität. In der Fiktionalisierung der Ereignisse um Hurrikan "Katrina" geht der Film zwar weiter als selbst David Simons HBO-Serie "Treme", doch wahrscheinlich wird es dieser Film sein, der das Gedenken an den Sturm und seine Folgen weitertragen wird. Eben weil er halb Märchen und halb Wahrheit ist und beides gleichermaßen eindrücklich zu erzählen weiß.

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