Film-Biennale Casanovas, Freaks und Patrioten

Es gewitterte über dem Lido am Wochenende, aber drinnen in den Kinosälen ging es fast zu freundlich zu: Selbst für Durchgeknalltes wie Werner Herzogs Science-Fiction-Mär "The Wild Blue Yonder" gab es freundlichen Applaus. Von den Kritikern beschimpft wurde allenfalls Cameron Crowes neuer Film "Elizabethtown".


"Elizabethtown"-Stars Dunst, Bloom: Patriotische éducation sentimentale

"Elizabethtown"-Stars Dunst, Bloom: Patriotische éducation sentimentale

Das Wasser der Lagune von Venedig ist immer noch ein wenig grüner und aufgewühlter als sonst, weil es am Wochenende ordentliche Gewittergüsse gab. Wer sich trotzdem auf eines der schaukelnden Linienboote hinüber in die Stadt traut und für ein paar Stunden den Rummel vorm Festivalpalast verlässt für einen Besuch der Kunstbiennale, der kann dort in einen magischen Hollywood-Zerrspiegel blicken: das Kino als Phrasendreschmaschine.

Die aus Südafrika stammende Künsterlin Candice Breitz hat in zwei Kammern des Giardini-Hauptgebäudes eine Doppelinstallation namens "Fathers"/"Mothers" aufgestellt. Im Raum der "Mothers" sprechen auf in Kopfhöhe nebeneinander gebauten Bildschirmen Hollywoodschauspielerinnen wie Meryl Streep, Susan Sarandon oder Julia Roberts Sätze wie "Ich war nie eine gute Mutter" oder "Meine Eltern haben mich immer abgelehnt", nebenan bei den "Fathers" reden Dustin Hoffmann, Donald Sutherland oder Harvey Keitel logisch über ihre Not mit der Sohnes- und der Vaterrolle. Und der Witz ist: Alle Statements sind herausmontiert aus echten Kinofilmen wie zum Beispiel "Kramer gegen Kramer".

Wenn man dann zurückgekehrt ist ins Festivalkino, reden Susan Sarandon und Orlando Bloom als Mutter und Sohn tatsächlich ähnlich vorgestanzte Blödsinnssätze, und zwar in Cameron Crowes hochinteressantem Film "Elizabethtown". Der ist toll besetzt - und ein ideologisch befrachtetetes romantisches Komödienmachwerk, über das fast alle Kritiker auf dem Lido wütend ablästern. Dabei startet der Film gar nicht im Wettbewerb.

"Wild Blue Yonder"-Darsteller Dourif: Außerirdischer aus dem Andromeda-Nebel

"Wild Blue Yonder"-Darsteller Dourif: Außerirdischer aus dem Andromeda-Nebel

Der samtäugige Sonnyboy Bloom ("Herr der Ringe") spielt einen Jungkarrieristen und Turnschuhdesigner, der einen grässlichen Flop produziert hat und sich umbringen will; aber dann muss er zur Beerdigung seines Vaters runter in den schönen alten Süden der USA. Dort lernt er, dass die Leute in Amerikas Provinz noch Herz haben, dass sie patriotisch von der Militärakademie West Point schwärmen, dass die USA mit großartigen und wunderschönen Landschaften gesegnet sind und dass nicht tolle Karrieresprünge, sondern Familienwerte dem Leben einen Sinn geben. Klar kriegt er dort unten auch ein süßes blondes Mädchen (Kirsten Dunst).

Zugegeben wirkt es grotesk reaktionär, was Cameron Crowes in "Elizabethtown" (an dem Tom Cruise mitproduziert hat) erzählt; aber oft ist es auch zum Schreien komisch, wie da Rock'n'Roll und ein süß flirtendes Paar plötzlich in den Dienst einer amerikanischen Vaterlandspredigt gestellt werden - und ausgerechnet die Anti-Irak-Kriegs-Kämpferin Sarandon, die im realen Leben für ihr Engagement böse angefeindet wurde, ist mittenmang dabei. In diesem Sinne: Absolut interessanter Film!

Außerdem ist Moralprediger Crowe selbst in seinen widerlichsten Momenten aufregender als der brave Aufklärer Steven Soderbergh: Der bietet in "Bubble", gleichfalls nicht im Wettbewerb, ganz strenges Unterschichten-Kino ohne Witz und Verstand, aber mit guten Absichten. Die Story geht so: Eine leider sehr unansehnliche und sehr gut genährte junge Frau (Debbie Doebereiner) arbeitet mit einem jungen, hübsch-lässigen Arbeitskollegen (Dustin Ashley) in einer Fabrik in einem hässlichen US-Provinznest - und als eines Tages eine durchtriebene junge Frau sich den Kerl angelt, wird das dicke alternde Mädchen zur Mörderin. Das alles versucht Soderbergh ganz kalt zu zeigen, als wolle er französischen Realisten wie Bruno Dumont Konkurrenz machen. Heraus kam aber nur kalter amerikanischer Kaffee.

"Casanova"-Star Ledger: Bedenkenloser Flachsinn

"Casanova"-Star Ledger: Bedenkenloser Flachsinn

Seltsam ist es schon, dass sich hier in Venedig so wenige Filmemacher in den Wettbewerb trauen. Im Hauptprogramm außer Konkurrenz zum Beispiel startet auch Lasse Hallströms "Casanova": ein hinreißender, rasanter, bedenkenloser Flachsinn, mit Riesenaufwand großteils in Venedig gedreht. Neben Heath Ledger in der Titelrolle spielen Sienna Miller und Jeremy Irons mit.

Ein bisschen ähnelt das Bauprinzip dieses "Casanova" dem der netten Kostümkomödie "Shakespeare in Love". Alles folgt dem Motto: Wir protzen mit schönen Menschen, schönen Kleidern und einer schönen Gegend in einer ohne historische Rücksichten zusammenfabulierten Knutsch-und-Degenstory, und die Barockmusik jauchzt dazu.

Gleichfalls durchgeknallt, aber doch mit weniger Charme gesegnet ist Werner Herzogs Film "The Wild Blue Yonder", der in der Nebenreihe "Orizzonti" zu sehen ist: Der Regisseur pappt Nasa-Aufnahmen von Astronauten in der Schwerelosigkeit und allerlei Tiefsee-Bilder zu einer, wie er es nennt, "Science-Fiction-Phantasie" über durchs Weltall irrende Raumfahrer zusammen. Als Erzähler stellt er einen böse blickenden älteren Herrn (Brad Dourif) in eine amerikanische Müll-Landschaft; der Kerl sagt, er sei ein Außerirdischer aus dem Andromeda-Nebel. Tatsächlich gab es dafür sogar freundlichen Applaus.

Und im Wettbewerb? Auch hier ist leider viel Kunstgewerbe zu bestaunen, weswegen in den Kritikerumfragen immer noch George Clooneys Mc-Carthy-Film "Goodnight, and Good Luck" als Favorit für den Goldenen Löwen gilt.

Krzysztof Zanussis "Persona non grata" zeigt einen alten, frisch verwitweten Mann, der Walter Ulbricht sehr ähnlich sieht, als polnischer Botschafter in Uruguay lebt, mal Dissident war und zwei Kinostunden lang dem Wahnsinn und dem Tod entgegenpoltert. Also echt schlimmes Methusalem-Kino aus Polen, in dem über Eifersucht, Verrat, Religion und Kommunismus immer nur geredet wird.

Szene aus "Sympathy For Lady Vengeance": Auf äußerliche Eleganz getrimmt

Szene aus "Sympathy For Lady Vengeance": Auf äußerliche Eleganz getrimmt

Patrice Chereaus "Gabrielle" präsentiert Isabelle Huppert in der sehr edlen, ziemlich gewitzten, aber auch sehr theaterhaften Verfilmung einer Joseph-Conrad-Novelle, die wohl so Ende des 19. Jahrhunderts spielt: Reiche Frau hinterlässt ihrem ahnungslosen Mann einen Brief, dass sie durchbrennt mit einem anderen, doch dann bringt sie's doch nicht fertig und kehrt zurück - und die beiden liefern sich vor ihren zahlreichen Dienstboten, zwischendurch auch vor Dinnergästen, ein böse Abrechnung.

Während Chereau am ehesten noch durch die Schroffheit seiner Bildersprache überzeugt, bietet der Koreaner Park Chan-wook in "Sympathy For Lady Vengeance" schiere Eleganz. Gezeigt wird der Rachefeldzug einer Frau, die wegen Kindermords 13 1/2 Jahre im Gefängnis saß. In Wahrheit trug sie nur eine Mitschuld an der Tat. Jetzt macht sie sich auf die Jagd nach dem echten Mörder, einem Serienkiller.

Park Chan-wook, der für Filme wie "Old Boy" verehrt wird, glänzt auch hier mit aberwitzigen Einfällen, tollen Bildern und verwegenen Grausamkeiten - aber wenn er dann die Eltern aller getöteten Kinder zu einem Kollektiv-Lynchmord am Killer antreten lässt und sie mit Videos der gefesselten Kids zur Tat aufpeitscht, ist man auch ziemlich abgestoßen von der reißerischen Moral des Films. Für einen Löwen-Trophäe ist "Sympathy For Lady Vengeance" vielleicht dann doch eine Spur zu sehr auf rein äußerliche Eleganz getrimmt.



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