Dokumentarfilm "Die Stadt als Beute" Berlin, deine Miethaie

Gefräßige Investoren gegen ängstliche Mieter - vier Jahre arbeitete Andreas Wilcke an seinem Film über den Berliner Wohnungsmarkt. Sein Fazit ist erschreckend.


Als Helga Brandenburger eines Tages ihre Mietwohnung in Berlin-Moabit betritt, ist ihr Badfenster zugemauert. In der Küche: dasselbe Bild. Seitdem brennen ein paar Glühbirnen mehr, Tageslicht gibt es kaum noch. Der Vermieter, so erzählt die ältere Dame, habe ihr empfohlen, die Abluft vom Herd doch einfach mit einem Rohr durch die Wohnung zu leiten und aus dem Schlafzimmerfenster hinaus.

Skurril wirkt manches in der Langzeitdoku "Die Stadt als Beute". Denn erschreckend sind mitunter die Mittel und Wege von Eigentümern, ihre Häuser für Sanierungen und Modernisierungen zu "entmieten", sich also der alteingesessenen Bewohner zu entledigen. Vier Jahre lang drehte Andreas Wilcke an seinem Film über den hart umkämpften Berliner Wohnungsmarkt, der am Donnerstag im Kino zu sehen ist.

Der Regisseur lebt selbst seit 1991 in Berlin, vor zwei Jahren lief seine Doku "Wem gehört die Stadt?" in der ARD. Auch damals ging es schon um den Bauboom in der Hauptstadt. In seinem neuen Film spricht Wilcke mit Mietern und Immobilienexperten, er lässt Klaus Wowereit und Michael Müller zu Wort kommen und begleitet Londoner Makler auf der Suche nach geeigneten Anlageobjekten für ihre Kunden, Investoren aus dem Nahen Osten oder Russland. "Zurzeit ist London der angesagteste Ort", sagt einer der Makler, "aber Berlin scheint der nächste zu sein." Sein deutscher Kollege erzählt amüsiert, dass ihn mal ein Kunde gefragt habe: "Warum sind die Wohnungen hier so billig? Sind sie radioaktiv verseucht?" In London zahle man gern mal das Zehnfache.

"Wir holen die Entwicklung gerade nach"

Kein Thema treibt Berlin so sehr um wie das Wohnen. Neben den hitzig geführten Debatten über die Mietpreisbremse und das Verbot von Ferienwohnungen zeigt das auch der derzeit tobende Wahlkampf. Am 18. September wird ein neues Abgeordnetenhaus gewählt, und vor allem die Parteien im linken Spektrum haben sich den Kampf für günstigen Wohnraum auf die Fahnen geschrieben, folglich auch auf ihre Plakate: "Berlin bleibt bezahlbar", beschwört die SPD und verspricht neue städtische Wohnungen. Die Grünen wollen "Miethaien Zähne ziehen". Die Linke hievte mit der 95-jährigen "Oma Anni" gleich eine "Mietrebellin" aufs Wahlplakat - auch wenn die nach eigener Aussage SPD wählt.

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"Die Stadt als Beute": Berlin wird immer teurer

Was den Berliner Wohnungsmarkt so speziell macht, erklärt zu Beginn des Films ein Bauherr. Jede Stadt der Welt funktioniere nach dem Prinzip konzentrischer Ringe. So, als werfe man einen Kiesel ins Wasser, der dann seine Kreise zieht: Innen ist es teuer, nach außen hin wird es günstiger. Nur Berlin sei wegen seiner einstigen Teilung anders aufgebaut, "da hat man eine ganze Kiespackung reingeschmissen".

Die daraus erwachsene, reizvolle Diversität innerhalb der Stadtviertel wird als "Berliner Mischung" gefeiert, der Bauherr im Film sieht diesen Sonderstatus naturgemäß nüchterner: "Wir holen die Entwicklung gerade nach", sagt er, "das ist in 50 Jahren komplett erledigt." So funktioniere eben Gentrifizierung, heißt es lapidar. Was sich hinter dem Reizwort konkret verbirgt, wird in Wilckes Film greifbar.

Da prallen dann schon mal Welten aufeinander, etwa im Kreuzberger Bergmannkiez, einem der beliebtesten Wohnviertel der Stadt. Dort führt ein Mieter einen Kaufinteressenten durch seine Altbauwohnung, offenbar eine linke WG, Spannung liegt in der Luft. Schließlich droht mit jedem neuen Eigentümer der Rausschmiss, Stichwort Eigenbedarf, zumindest aber eine saftige Mieterhöhung. Als der potenzielle Käufer etwas wissen will, bügelt ihn der Mieter mit den spitzen Worten ab: "Fragen Sie den Makler, ich verkaufe Ihnen die Wohnung ja nicht."

In Berlin liegen die Durchschnittslöhne niedriger als in anderen deutschen Großstädten, Mietsteigerungen schlagen deshalb deutlicher ins Gewicht. Wozu diese Entwicklung führen kann, orakelt im Film ein Kneipier. In seinem düsteren Schreckensszenario stehen umzäunte Gettos in Randbezirken wie Hohenschönhausen, Marzahn oder Hellersdorf. Für alle, die sich die Innenstadtmieten nicht mehr leisten können. Schnitt, nächstes Bild, Thilo Freiherr von Stechow, Vorstandsmitglied eines Immobilienunternehmens, steht auf einem Podium. "Muss ein Hartz-IV-Empfänger am Potsdamer Platz wohnen?", fragt er rhetorisch in die Runde und erntet zustimmendes Kopfnicken.

Tendenziös und pessimistisch

Es sind harte Schnitte wie dieser, die dem Film seine Haltung verleihen. Zwar verzichtet Wilckes Doku auf lenkende Off-Kommentare und lässt beide Seiten zu Wort kommen, Investoren auf der Suche nach Schnäppchen wie auch Altmieter, die ihre Verdrängung fürchten. Trotzdem ist der Film tendenziös und ziemlich pessimistisch, ein lösungsorientierterer Ansatz hätte ihm gut getan. Seine Stoßrichtung ist schon vom Titel vorgegeben, der wiederum einem Theaterstück von René Pollesch entlehnt wurde: Die Stadt dient hier als Beute gefräßiger Investoren, die an schneller Rendite interessiert sind, nicht aber an einem nachhaltig funktionierenden Stadtgefüge.

Ganz falsch ist dieses Bild sicherlich nicht, und die Realität seines Films gibt Wilcke recht: Manch aalglatter Makler scheint geradewegs dem Klischeebild des Berufsstands entsprungen zu sein, und der Sprachduktus hätte entlarvender nicht gescriptet sein können, wenn etwa Wohnungen nur noch "Einheiten" heißen und Mieter "Eigennutzer". Dass vor laufender Kamera derart unverhohlen und zynisch geredet wird wie in Wilckes Doku, ist erstaunlich - und ein Verdienst des Filmemachers.

Ansonsten pflegt "Die Stadt als Beute" einen liebenswürdigen Dilettantismus. Mal wackelt die Kamera unaufhörlich, dann verschluckt Baulärm die Beschwerden von Mietern - wobei das schon wieder als Statement gelten darf. Oft fehlen Hintergrundinformationen, auch ein paar Zahlen hätten dem Film nicht geschadet. Stattdessen wollen Zwischensequenzen mit lauten, staubigen Baustellen und seelenlosen Neubausiedlungen den Zuschauer emotional auf ihre Seite ziehen - das wirkt dann doch etwas zu wohlfeil.

Entstanden ist Wilckes Film übrigens ganz ohne Fördergelder, die Musik stammt von Rudolf Moser, dem Schlagzeuger der Einstürzenden Neubauten. Wobei der Bandname in diesem Fall eine besondere Ironie birgt, vielleicht sogar einen frommen Wunsch des Regisseurs. Oder, wie der Urberliner sagen würde: "Nachtigall, ick hör dir trapsen."

Im Video: Der Trailer zu "Die Stadt als Beute"

"Die Stadt als Beute"
    Deutschland 2016

    Drehbuch und Regie: Andreas Wilcke

    Verleih: wilckefilms

    Länge: 84 Minuten

    FSK: ab 0 Jahren

    Start: 8. September 2016

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
glasperlenspieler 07.09.2016
1. Realitätsfremd
Der Autor hat scheinbar noch nie über seinen eigenen kleindeutschen Tellerrand hinausgeblickt. Verglichen mit anderen Metropolen ist Berlin ein Paradies für Mieter. Und zwar sowohl was den Preis als auch den Mieterschutz anbelangt.
fin2010 07.09.2016
2. zugemauerte Fenster in Bad und Küche
das kam bereits mehrfach in Reportagen aus Berlin. Offenkundig ein ganz heisses Thema. Dummerweise war es immer dasselbe Gebäude und dieselben zwei Fenster. Ob die ihren Weg nun auch in diesen Film gefunden haben? Oder ob es doch tatsächlich noch einen zweiten solchen Fall in ganz Berlin gibt?
FIFA87 07.09.2016
3. Eigennutzer
Hallo, Nur am Rande, in dem Artikel heist es: "Manch aalglatter Makler scheint geradewegs dem Klischeebild des Berufsstandes entsprungen, und der Sprachduktus hätte entlarvender nicht gescriptet sein können, wenn etwa Wohnungen nur noch "Einheiten" heißen und Mieter "Eigennutzer". " Ein Mieter heisst nicht "Eigennutzer"; so nennt man in der Regel den Wohnungseigentuemer, der seine Bleibe selber bewohnt. Ein Mieter wird eigentlich immer als "Mieter" bezeichnet.
Byrne 07.09.2016
4. Zu einseitig
Der Autor pauschaliert leider sehr. Aber das hat er auch schon in seiner ARD-Doku getan. Der Berliner Vermieter ist nicht immer nur gierig und Mieter sind nicht immer nur arme Schweine. Regulierungen am Wohnungsmarkt haben in der Vergangenheit auch nicht immer zu Erfolgen geführt. In den Siebziger- und Achtziger Jahren wurden massenhaft Sozialwohnungen zu astronomischen Preisen errichtet. Sowas passiert offenbar leider oft, wenn öffentliche Gelder im Spiel sind.
car-lover 07.09.2016
5. is doch logisch
ein investor will investieren und sein geld und zins zurück...dieses verhalten ist zwar z.T. unwürdig und gierig in individueller ausprägung von verhaltensmustern, aber jeder normalbürger mit einer lebensversicherung nimmt in kauf dass sein versicherer aktien kauft ungeachtet ob dort gerade leute enntlassen werden etc. Die Stadt Berlin muss das steuern. Bei jedem Verkauf hat die Stadt ein Vorkaufsrecht und davon muss sie halt gebrauch machen. Wien hat seine Immobilen nie versilbert und hat deutlich weniger dieser Probleme. Mann muss vielleicht die Negativzinsen nutzen, um kleineren Bürgern günstige staatliche Kredite geben. Wir verschlimmern die Kreditaufnahmemöglichkeit für Normalbürger und wundern uns über Investoren. der staat will nicht investierne und dann dürfen wir nicht über investoren schimpfen....wie können wir eigentlich immer noch akzeptieren dass Immofonds meist keine grunderwerbssteuer zahlen?? diese ganzen konzernorientierten politikmuster treiben die leute in die verunsicherung und merkwürdiges wahlverhalten...politik stellt die weichen und genau da zieht sie sich raus....
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