Film "Die Welle" Wie sich Schüler freudestrahlend in Faschisten verwandeln

Graffiti, Gras, Gemeinschaftsdrang: Der Kinofilm "Die Welle" zeigt, wie leicht auch heute Wiedergänger der Hitler-Jugend geschaffen werden könnten. Jürgen Vogel überzeugt als linker Lehrer, dessen Schüler sich am Autoritäts-Experiment berauschen.

Von Christoph Cadenbach


Kinofilme, die auch im Schulunterricht funktionieren sollen, sind eine schwierige Sache: Ist der Film zu direkt, zu großgestenhaft, verpufft die Aussage wie luftige Erdnussflips zwischen kauenden Zähnen. Ist er dagegen zu subtil, in seiner Zeichensprache zu David-Lynch-lastig, schalten die meisten Schüler ab. Der deutsche Regisseur Dennis Gansel hat mit "Die Welle" einen Kompromiss geschafft. Der Film über eine Schulklasse, die sich freudestrahlend in Faschisten verwandelt, ist Aufklärung im schnell geschnittenen MTV-Gewand - ohne dabei peinlich zu sein.

Szene aus "Die Welle" mit Jürgen Vogel (von hinten): Anfällig für totalitäre Ideologie
Constantin Film

Szene aus "Die Welle" mit Jürgen Vogel (von hinten): Anfällig für totalitäre Ideologie

Eine vermasselte Schultheaterprobe, auf der sich keiner an den Text hält; ein verlorenes Wasserballspiel, bei dem keiner abspielt; eine Party, die im Bierdunst dahindümpelt - drei Szenen, mit denen "Die Welle" beginnt und die erklären sollen, warum deutsche Gymnasiasten auch im Jahr 2008 noch anfällig für totalitäre Ideologie sind. Keine Führung, kein Teamgeist, kein Ziel. Die Szenen zeigen das, schreien es aber nicht heraus. Schließlich soll man selbst die Probleme erkennen und damit kein Lehrer sie verpasst, wird ihre Symbolkraft in der filmbegleitenden Broschüre "Material für den Unterricht" aufgeschlüsselt.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, deren Romanversion von Morton Rhue ("The Wave") zum Schullektüre-Klassiker geworden ist. Schon einmal wurde der Stoff für das US-Fernsehen verfilmt ("The Wave", 1981).

Die Handlung: Ein Lehrer will seine Klasse spüren lassen, wie schnell man sich von den verführerischen Mächten der Disziplin und der Gemeinschaft vereinnahmen lässt. Ausgangspunkt ist die Frage, warum sich die Deutschen im Dritten Reich nicht gegen das autoritäre, brutale Naziregime gewehrt haben. Erst lässt der Lehrer seine Schüler strammstehen. Dann gibt er der Gruppe einen Namen - "Die Welle" - und führt einheitliche Kleidung samt Handgruß ein. Die Schüler reagieren überraschend positiv auf seinen strengen Befehlston. Sie sind motivierter, ihre Leistungen werden besser. Nach kurzer Zeit verselbstständigt sich das Experiment. Immer mehr Schüler wollen der "Welle" beitreten. Diejenigen, die Kritik üben, werden ausgeschlossen und bedrängt. Die "Welle" mutiert zu einem Wiedergänger der Hitler-Jugend. Dennis Gansel hat die Geschichte ins heutige Deutschland übersetzt.

Straßenslang, der nicht peinlich ist

Jürgen Vogel spielt den Lehrer Rainer Wenger, einen Punkfan im "Ramones"-Shirt. Von den Schüler wird er geduzt, von den Kollegen schief angeschaut. Von der ersten Szene an zieht dieser sympathische Kerl den Zuschauer auf seine Seite. Man ärgert sich mit ihm, dass nicht er den Kurs über Anarchie in der Schulprojektwoche leiten darf, sondern ein verspießter Lehrer im Anzug. Wenger bekommt dafür das Thema "Autokratie" aufs Auge gedrückt und der alte Hausbesetzer entscheidet sich, das Thema unkonventionell anzugehen. Die "Welle" nimmt ihren Lauf.

Gansels Film hält sich nicht immer an die Originalvorlage. Vor allem zahlt der Regisseur der Popkultur ihren Tribut. Versinnbildlicht wird diese entertainige Überzeichnung der Ursprungsstory im Welle-Wappen, einem der Erkennungszeichen der Gruppe. Im Buch ist es ein schlichtes, auf die Seite gedrehtes "S". Im Film eine zackige Tsunami-Welle wie aus einem Manga-Comic, die von den Schülern an jede Hauswand gesprüht wird. Der Film feiert die jugendlichen Feierabend-Exzesse mit Begeisterung, es wird pausenlos getaggt und um die Wette gekifft.

Dass ist zwar offensichtliche Effekthascherei und verwässert ein wenig die fortschreitende Hörigkeit der Nachwuchs-Faschisten, sieht aber erstaunlich gut - weil realitätsnah - aus. Dennis Gansel hatte mit seiner Teenie-Komödie "Mädchen, Mädchen!" ja schon mal gezeigt, wie es nicht geht und wie leicht ein Jugendfilm dank gestelztem Straßenslang und stereotyper Schülerblödelei ins Peinliche abdriften kann. In "Die Welle" nimmt man den Schauspielern ihre Jugendlichkeit ab, was natürlich an ihrer Leistung, aber auch an der guten Ausstattung des Films liegt.

Das mit Zeitschriftenbergen, Flaschen und Essensresten vollgestopfte Kifferzimmer von Kevin (Maximilian Mauff), die Party am Strand zwischen Autowracks, die Rotzsprache der Protagonisten ("Ey, du Opfer!") - viele Szenen sind für eine Mainstream-Kinoproduktion angenehm rau und rotzig.

Schüler mit Killerblick

Am meisten beeindruckt vom Strammstehen im Klassenraum ist Tim, ein Außenseiter, den die reichen Eltern kaum beachten und dem der Schauspieler Frederick Lau einen apathischen Killerblick gegeben hat. Tim sehnt sich danach, Teil einer Gruppe zu sein. Die "Welle" umarmt ihn wohlig. Sehnsüchte spielen eine große Rolle in der Geschichte, sie treiben die Protagonisten voran und sind die Leerstellen, in die sich der Faschismus eingräbt.

Sinan (Elyas M'Barek) will nicht mehr "der Türke" sein. Die "Welle" macht ihn gleich. Hip Hop-Homie "Bomber" (Maximilian Vollmar) ist gelangweilt vom Rumhängen und der Spaßgesellschaft. Marco (Max Riemelt), ein Plattenbaukind, lebt in der "Welle" seinen Reihenhaus-Traum vom bodenständigen Leben in schmalen, sicheren Bahnen aus, den seine Freundin Karo (Jennifer Ulrich), eine angehende Karrierefrau, die in Barcelona studieren möchte, nicht mit ihm teilt.

Der Außenseiter, der Ausländer, der Hedonist und der Unterschichtler. Sie alle sind anfällig für das Gemeinschaftsversprechen der "Welle". In dieser Aufzählung fehlt, und das muss man dem Film ankreiden, die Figur des getriebenen Teenagers, dem Kind des Neoliberalismus, der sich den marktwirtschaftlichen Zwängen angepasst hat und vom Praktikum ins Fitnessstudio in die Theaterprobe eilt, weil er weiß, dass nur er allein dafür verantwortlich ist, was aus ihm wird. Auch dieser gehetzte Karrierist hätte ein Bad im Welle-Wasser wohl genossen. Am nächsten kommt Karo, die eitle Klassenprima, an diese Figur heran. Aber gerade sie ist es, die den Widerstand gegen die totalitäre Schülergruppe initiiert.

Damit gibt der Film dem status quo seine Absolution. Er verhält sich unkritisch gegenüber der heutigen Realität, die eine Realität der Marktwirtschaft ist und in der Leistungsdenken zur unhinterfragten Maxime geworden ist.

"Die Welle", ab 13. März im Kino

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