Film-Drama "Simons Geheimnis": Das ganze Leben ist ein Memory-Spiel

Von David Kleingers

Was ist wirklich geschehen? Und was bloße Einbildung? In seinem neuen Film wendet sich der Kanadier Atom Egoyan der Brüchigkeit menschlichen Erinnerns zu. "Simons Geheimnis" ist ein so stilles wie fesselndes Drama, das vom Terror und Trost des Gedenkens erzählt.

Fordernde Kunst oder selbstreflexiver Krampf? Das Kino Atom Egoyans hat seit jeher polarisiert, und Publikum wie Kritik wahlweise begeistert oder frustriert. Über die Jahre haben sich die Filme des Kanadiers, der 1960 als Sohn einer armenischen Familie in Kairo geboren wurde, dabei von mancher Seite den Vorwurf des Prätentiösen eingehandelt. Ebenso vehement lässt sich jedoch der Ansatz Egoyans verteidigen, der die Repräsentationen auf der Leinwand immer wieder hinterfragt und so zu komplexen, oft faszinierenden Betrachtungen über das flüchtige Wesen von Identität und Erinnerung gelangt.

Das gilt auch für "Simons Geheimnis", in dem Egoyan zu bestimmenden Themen seiner früheren Filme zurückkehrt, um sie im Licht einer veränderten Medien- und Lebenswelt neu zu beleuchten.

Am Anfang steht eine Tragödie, die - wie so oft in Egoyans intimen Versuchsanordnungen - schmerzlich aus der Vergangenheit in die Gegenwart ragt. Der junge Simon (Devon Bostick) aus Toronto schildert im Französischunterricht den erschütterten Mitschülern und Lehrerin Sabine (Arsinée Khanjian), wie sein Vater einst einen Bombenanschlag auf ein israelisches Passagierflugzeug plante: Er wollte Simons ahnungslose, hochschwangere Mutter mit Sprengstoff im Reisegepäck in den Tod schicken, und nur weil das perfide Verbrechen durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen vereitelt wurde, hat sie überlebt und konnte Simon zur Welt bringen.

Der schockierende Vortrag verfehlt nicht seine Wirkung und wird zum Gegenstand hitziger Diskussionen im Internet. Auch Simon selbst sitzt stoisch vor seiner Webcam und nimmt an den Chatroom-Sitzungen teil, die immer weitere Kreise ziehen. Seine scheinbare Gefasstheit ist jedoch eine doppelte Fassade: Denn die Geschichte vom Vater als gewissenlosem Terroristen hat Simon einer alten Zeitungsmeldung entliehen und mit Hilfe von Sabine als Teil seiner Biografie inszeniert.

Und das tatsächliche Schicksal seiner Eltern Sami (Noam Jenkins) und Rachel (Rachel Blanchard), die vor Jahren bei einem Autounfall starben, bewegt den verschlossenen Jungen weit mehr, als sein gefasstes Äußeres vermuten lässt.

Terrorismus, Fremdenhass, Familientragödien und die digital beschleunigte Auflösung des kollektiven Gedächtnisses - würde man Egoyans Film sträflicherweise auf bloße Handlungsmotive herunterbrechen, käme ein ziemlich sensationalistischer Schlagworthaufen dabei heraus. Das stille Drama touchiert zwar all diese Komplexe, entspinnt dabei aber doch eine ganz andere, eigentümliche Geschichte.

Ausgehend von der bizarren Fiktion, die Simon immer mehr als legitime Erklärung für den nie verstandenen Verlust der Eltern dient, werden die Menschen in seinem Leben vom verdrängten Leid heimgesucht. Das betrifft insbesondere seinen Onkel Tom (Scott Speedman), der den Neffen alleine großzieht, sich als Fahrer eines Abschleppwagens durchschlägt und zwischen Trauer um die Schwester und Zorn auf den despotischen, verstorbenen Vater aufgerieben wird. Das herrische Familienoberhaupt selbst existiert nur noch als digitales Abbild auf Simons Handy-Kamera, doch die Hasstiraden seines Großvaters gegen den ungewollten Schwiegersohn Sami hallen im Replay unentwegt fort.

Bleibt noch die enigmatische Lehrerin Sabine aus dem Nahen Osten, die nicht allein pädagogisches Interesse mit Simon verbindet. Nicht nur befördert sie den biografischen Bluff ihres Schülers, sie fordert auch den wortkargen Tom heraus: Verkleidet als traditionelle Muslimin mitsamt Burka steht sie plötzlich in Toms Vorgarten, und zwingt ihn so auf das vermeintlich bedrohliche Fremde zu reagieren. Warum sich Sabine, verkörpert von Egoyans Ehefrau und Stammschauspielerin Arsinée Khanjian, in dieser Maskerade in das Leben der Anderen einklinkt, ist indes ein weiteres Geheimnis.

So bleibt es bis zum Schluss ein kunstvolles Memory verdeckter Lebenskarten, das der wohl strengste und zugleich sensibelste Strukturalist des kanadischen Kinos hier ausbreitet. Das hypnotische Vexierspiel abweichender Wahrnehmungen und Wahrheiten ist von "Family Viewing" (1987) über "The Adjuster" (1991) und "Exotica" (1994) bis "The Sweet Hereafter" (1997) eine eigene Qualität von Egoyans eindrucksvollsten Filmen geblieben.

Zwar erreicht "Simons Geheimnis" nicht über die ganze Zeit die narrative Intensität und ästhetische Konsequenz der Vorläufer, doch mit Blick auf Egoyans jüngere, sonderbar mäandernde Kinoerzählungen wie "Where The Truth Lies", zeitigt er eine fulminante Rückbesinnung des Filmemachers auf jung gebliebene Stärken.

Der letzten, für Egoyan überraschend tröstlichen Wendung in diesem Familienkonflikt zwischen individuellem Gedenken und kollektiver Erinnerung vorzugreifen, verbietet sich hier natürlich. Stattdessen sei als Hinweis nur der ungleich treffendere Originaltitel "Adoration" erwähnt. Denn nicht zuletzt geht es um den Unterschied zwischen Verehrung, die auch immer Verklärung und Verfälschung in sich trägt, und Liebe. Und um deren Geheimnis zu lüften, braucht es in einer scheinbar nur noch medial erfassbaren Welt mehr als je zuvor die Unmittelbarkeit des Herzens.

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