Beziehungsfilm "Eltern" Anarchie und Alltag

Vater, Mutter, zwei Kinder, zwei Jobs, ein Hamster, großes Chaos: Will man im Kino wirklich sehen, wovor man dank Babysitter endlich mal für einen Abend geflohen ist? Ja, unbedingt - wenn es so pointiert erzählt ist wie in Robert Thalheims Kinofilm "Eltern".

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Der Filmtitel sagt sehr schlicht und direkt, an wen sich dieser Film richtet: "Eltern". Und zwar an solche, die keine Zeit haben, das gleichnamige Magazin mit all den schönen Tipps, wie man sich eine perfekte Familie bastelt, zu lesen, weil sie mit der Praxis mehr als genug zu tun haben.

Christine (Christiane Paul) ist Ärztin in einem Krankenhaus, Konrad (Charly Hübner) ist Theaterregisseur, wegen der gemeinsamen Töchter Emma, 5, und Käthe, 10, aber seit mehreren Jahren Hausmann. Jetzt will er wieder in seinen Beruf einsteigen, also hat man ein Au-pair-Mädchen engagiert: die schöne Isabel (Clara Lago) aus Argentinien. Die ist ziemlich schweigsam, und bald findet die Familie auch heraus, warum: Isabel ist schwanger. Weil sie mit der Frage, was sie jetzt tun soll, und ihrer regelmäßig auftretenden Übelkeit genug beschäftigt ist, fällt sie als Kindermädchen erst mal aus; stattdessen haben die Eltern plötzlich ein drittes Kind, um dessen Probleme sie sich kümmern müssen.

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Beziehungsfilm "Eltern": Noch ein Kind? Bitte nicht!
Klar, dass mit zunehmendem Stress der Ton zwischen Christine und Konrad rauer wird: Konrad hat als Regisseur mit seinen Schauspielern Autoritätsprobleme, Christine hat Patienten, deren Krankheiten sich nicht nach Dienstplänen richten. Wessen Arbeit hat Vorrang? Kann man den einen Job gegen den anderen aufrechnen? Wer muss wem zuhören, wenn er seinen Frust loswerden will? Der Kampf in Großstadtfamilien wie der, die Thalheim in "Eltern" zeigt, geht heute nicht mehr ums Geld. Die Währung, um die gestritten wird, heißt Aufmerksamkeit. Zeit.

Dann stirbt auch noch der Hamster

Thalheim zeigt das mit einer Genauigkeit, die weh tut. Es sind scheinbare Kleinigkeiten, die den Alltag der Familie über den Haufen werfen: der Arztbesuch, bei dem Christine mit der quirligen Emma im überfüllten Wartezimmer sitzt. Das Kind, das auf dem Gewohnten besteht und nicht plötzlich von der Mama ins Bett gebracht werden will. Und dann stirbt auch noch der Hamster.

Man merkt dem Film an, dass da einer aus Erfahrung spricht - wie schon in "Am Ende kommen Touristen", in dem Thalheim seine Erlebnisse als Zivi in der Internationalen Begegnungsstätte in Auschwitz verwendet hat, verarbeitet der Regisseur ausgiebig das Selbsterlebte. Thalheims Film ist so nah an der Realität - einschließlich der lebensecht unaufgeräumten Wohnung, die mal wirklich bewohnt und nicht nur sorgfältig ausgestattet aussieht -, dass man schon beim Zuschauen Stresshormone ausschüttet.

Warum man sich das trotzdem anschauen sollte? Weil der Wiedererkennungswert etwas Tröstliches und Provokatives zugleich hat. Weil Thalheim seine Zuschauer nicht mit billigen Lösungen abspeist. Weil es so einen Spaß macht, den Schauspielern zuzuschauen. Großartig etwa der Moment, wenn Charly Hübner als Konrad die Wohnungstür hinter sich zuzieht, obwohl die Tochter hinter ihm herschreit: Er bricht auf ins Theater, um sich endlich mal wieder nur auf sich und seine Arbeit zu konzentrieren, ganz wie früher. Auf dem ersten Treppenabsatz hält er inne, blickt zurück - und kapiert: Das Früher gibt es einfach nicht mehr. Auch Christiane Paul als Christine ist toll, wenn ihr energiegeladener, strahlender Blick plötzlich ganz müde und kalt wird. Auch die Kinder sind phantastisch: die Weisheit der so erstaunlich ernsthaften Käthe, der Anarcho-Charme der kleinen Emma.

Dass das alles auch seine komischen Seiten hat, zeigt Thalheim ebenfalls, obwohl sein Film keine Komödie ist. Tempo und Hysterie sind die klassischen Methoden, mit denen er die Chaosszenen auf die Spitze treibt. Dass das Au-pair-Mädchen erst einen Tag vorher anreist, bevor der Vater wieder arbeiten geht, ist da ein wirkungsvoller dramaturgischer Trick. Aus großen staunenden Augen guckt sie sich an, in was sie da hineingeraten ist - aber erst, als alle rumschreien, fühlt sie sich wohl: "Jetzt klingt es wie eine argentinische Familie."


"Eltern". Start: 14.11. Regie: Robert Thalheim. Mit Christiane Paul, Charly Hübner, Clara Lago, Paraschiva Dragus, Emilia Pieske.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 14.11.2013
1.
Zitat von sysopDCMVater, Mutter, zwei Kinder, zwei Jobs, ein Hamster, großes Chaos: Will man im Kino wirklich sehen, wovor man dank Babysitter endlich mal für einen Abend geflohen ist? Ja, unbedingt - wenn es so pointiert erzählt ist wie in Robert Thalheims Kinofilm "Eltern". http://www.spiegel.de/kultur/kino/film-eltern-regie-robert-thalheim-mit-christiane-paul-charly-huebner-a-933314.html
Der Film sollte allen gezeigt werden, die mit dem Gedanken spielen sich Kinder anzuschaffen. Andererseits ist es sehr unüberlegt diesen Film in den Kinos zu zeigen, jammert der deutsche Staat (und seine Frauen) seit Jahrzehnten darüber, dass zu wenig Kinder geboren werden.
kenterziege 14.11.2013
2. Ich , Jahrgang 1942 ...
Zitat von sysopDCMVater, Mutter, zwei Kinder, zwei Jobs, ein Hamster, großes Chaos: Will man im Kino wirklich sehen, wovor man dank Babysitter endlich mal für einen Abend geflohen ist? Ja, unbedingt - wenn es so pointiert erzählt ist wie in Robert Thalheims Kinofilm "Eltern". http://www.spiegel.de/kultur/kino/film-eltern-regie-robert-thalheim-mit-christiane-paul-charly-huebner-a-933314.html
.....frage mich immer wieder, wie unsere Eltern das trotz Krieg mit uns und wir mit unseren Kindern geschafft haben! Hier vor unserem Haus werden jetzt um 8:00 gerade wieder die lieben Kleinen gesammelt, die dann in einem ruhigem Wohnviertel der oberen Mittelstandsebene von einer dieser Mütter zur Schule ( 0,5 km) begleitet werden. Wir hätten uns mit Händen und Füssen gegen eine solche Übermutterung , mit den Worten :" Ich will kein Mamasöhnchen sein!" gewehrt. Die Überforderung der Eltern liegt in einem kollektiven Erziehungsversagen dieser Einzelkindgesellschaft!
atemlos9 14.11.2013
3. Soso
Zitat von !!!Fovea!!!Der Film sollte allen gezeigt werden, die mit dem Gedanken spielen sich Kinder anzuschaffen. Andererseits ist es sehr unüberlegt diesen Film in den Kinos zu zeigen, jammert der deutsche Staat (und seine Frauen) seit Jahrzehnten darüber, dass zu wenig Kinder geboren werden.
In Ihrem Gedankenkosmos werden also Kinder "angeschafft". Wie viele haben Sie denn bisher so?
Sharoun 14.11.2013
4. Wie - zu Fuß etwa?!
Zitat von kenterziege.....frage mich immer wieder, wie unsere Eltern das trotz Krieg mit uns und wir mit unseren Kindern geschafft haben! Hier vor unserem Haus werden jetzt um 8:00 gerade wieder die lieben Kleinen gesammelt, die dann in einem ruhigem Wohnviertel der oberen Mittelstandsebene von einer dieser Mütter zur Schule ( 0,5 km) begleitet werden. Wir hätten uns mit Händen und Füssen gegen eine solche Übermutterung , mit den Worten :" Ich will kein Mamasöhnchen sein!" gewehrt. Die Überforderung der Eltern liegt in einem kollektiven Erziehungsversagen dieser Einzelkindgesellschaft!
..seien Sie froh, wenn die Distanz von 500 Metern noch ohne Auto bewältigt wird. Vor der Schule eine Straße weiter und am Kindergarten um die Ecke herrscht vormittags und nachmittags jeweils reger 'Lieferverkehr', da die neudeutschen Eltern ihre Gewohnheiten 1 zu 1 auf den Nachwuchs übertragen und man es Kindern heutzutage nicht mehr zumuten kann/ darf/ will, auch nur einen Schritt zuviel zu laufen. Völlig krank!
Olaf 14.11.2013
5.
Zitat von sysopDCMVater, Mutter, zwei Kinder, zwei Jobs, ein Hamster, großes Chaos: Will man im Kino wirklich sehen, wovor man dank Babysitter endlich mal für einen Abend geflohen ist? Ja, unbedingt - wenn es so pointiert erzählt ist wie in Robert Thalheims Kinofilm "Eltern". http://www.spiegel.de/kultur/kino/film-eltern-regie-robert-thalheim-mit-christiane-paul-charly-huebner-a-933314.html
Das sind natürlich Dramen. Und am schlimmsten ist, dass man dadurch von der Arbeit abgehalten wird. Manoman, haben die alle Probleme.
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