Film-Epos "The Fountain" Wer's glaubt, wird selig

Heiliger Himmel! Regisseur Darren Aronofsky will uns mit "The Fountain" zum Glauben bewegen. In welche Richtung die metaphysische Mobilmachung allerdings gehen soll, bleibt unklar. Trotz jeder Menge Effekte erkennt man: nichts.

Von Birgit Glombitza


Eine Nacht im Dschungel vor 500 Jahren. Die Konquistadoren brummeln etwas und bekreuzigen sich. Ihre Helme glänzen malerisch durch ein rembrandtsches Helldunkel. Kein Zweifel, ihre Mission muss groß sein. Größer als ein kleines Ritterleben, größer als die feindlichen Heerscharen und die Inquisition, die ihrer Königin Isabel daheim das Reich streitig machen. Dann stürmen sie die übergroßen Steinstufen eines Tempels im guatemaltekischen Tikal hoch.



An seinem höchsten Punkt soll der Baum des Lebens wurzeln. Der verheißt nicht nur in der Genesis, sondern auch im Glauben der Mayas das ewige Paradies. Nur sein Geheimnis, so Isabels Strategie, kann ihren Thron noch retten. Denn die Verräter der spanischen Krone sind nur noch mit der Ewigkeit zu beeindrucken.

Fantasy ohne Phantasie

Wer die Schwerter der Unbesiegbaren aus dem Stein ziehen kann, wer den Gral mit echtem Christi Blut oder das Tor zur Unendlichkeit kennt, hat die Macht. Das war schon immer so in den Ritter-Legenden, und die Blechbüchsenarmee des Kinos hat sich seitdem längst eine eigene Fantasy-Abteilung aus Hauen, Blut und Zaubernebel geschmiedet.

Doch Darren Aronofsky, den man spätesten seit „Requiem for a Dream" als eigenwilligen Plot- und Realitäten-Tüftler in guter Erinnerung behalten hat, geht es natürlich nicht um rumpelige Ritterunden und die Schauwerte einer düsteren Mittelaltermystik.

Dabei sieht das Ganze erst einmal verdächtig genau danach aus: Grimmige Wilde stellen sich den Konquistadoren in den Weg, Isabels Reinheit und ihre königlichen Umrisse leuchten mit dem Kirchengold um die Wette. Ihr ergebener Lieblingsritter Tomas lässt bei seinem Auftrag, die Rezeptur der Ewigkeit nach Spanien zu bringen, sein Leben. Dafür findet der Treue aber nach zwei Inkarnationen zu seinem Astralkörper am Fuße eines galaktischen Lebensbaums und zu einem Gesichtsausdruck voll seliger Selbstüberschätzung.

Mit ihm, seiner unaufhörlichen Liebe zu seiner Königin und seiner kosmischen Initiation beginnt Aronofskys Eso-Trip durch Raum und Zeit. Ein Bilder-Erguss, der dem Zuschauer seine vermeintliche Spiritualität förmlich entgegenbrüllt. Ein Kino, das eine Erfahrung sein möchte, gar unser Bewusstsein erweitern will und uns jedes seiner Bilder als eine letzte, heilige Membran zum großen Ganzen andient. Jede Träne, jeder Blick zum Himmel ist hier kostbar. Jedes Lächeln eine Offenbarung. Und das ist auf die Dauer so banal und nervig, wie es anmaßend ist.

Hugh Jackman, der zurzeit auch in „The Prestige" und damit in dem ungleich spannenderen Versuch über die Magie der Kinobilder zu sehen ist, vermag als Tomas, später als Astralmönch auch nichts mehr zu retten. Mit aller Macht legt er Melancholie und Weisheit in sein Gesicht oder lässt, je nach Situation, seine Unterlippe in Agonie beben. Rachel Weisz gibt als Königin ganz die holde Schönheit und als sterbende Izzy die schlagfertige, ach so tapfere Kämpferin, die wir schon so oft von ihr gesehen haben.

Spirituelles Nichts

Das Verstörendste an „The Fountain" ist, dass Aronofsky bei seinem großen Unterfangen, die durchleuchteten Bilder des Kinos mit einer religionsübergreifenden Erleuchtung zu kreuzen, eigentlich mit leeren Händen dasteht. Er präsentiert nur ein paar Effekte des Abenteuer- und Fantasy-Kinos, dazu gibt's die abgenutzten Fototapeten-Motive von Sonnenuntergängen und Bäumen und ein paar alberne Tricks mit einem lächelnden, weise gewordenen Erdling, der im Lotossitz mit seiner Luftblase durch den Weltraum schwebt.

Und dann diese haarsträubend pathetische Geschichte von Tomas, dem Ritter, der als Ausnahmemediziner Tommy Creo (spanisch: „Ich glaube"!) ins 21. Jahrhundert wieder geboren wird. Dort ist seine Situation zwar weniger von Kriegen und Entbehrungen gezeichnet, doch um seine todkranke Frau Izzy zu retten, muss er immerhin auf die Schlachtfelder des Geistes ziehen.

Es gelingt ihm schließlich, aus dem Extrakt eben jenes lateinamerikanischen Baumes ein Mittel gegen den Tumor zu gewinnen. Während seine Frau sich in ihren letzten Tagen daran macht, einen Roman über die Odyssee des Konquistador Tomas zu verfassen. Der Titel: "The Fountain". Hier muss sich der Kreis schließen, soll der vergängliche Mensch in den Zyklus des Unaufhörlichen treten.

Staunen sollen wir, mit Aronowsky an was auch immer glauben. Sein esoterischer Mix mag sich da nicht genauer festlegen. Zu sehen gibt es außer Kitsch und Hokuspokus: nichts.



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