Film-Flop "A Sound of Thunder" Mit den Dinos kamen die Tränen

Stars wie Ben Kingsley, ein namhafter Regisseur, ein Budget von fast 80 Millionen Dollar - und trotzdem einer der größten Flops der jüngsten Kinogeschichte: Warum das deutsch-amerikanische Dinosaurier-Spektakel "A Sound of Thunder" hierzulande nur verschämt als DVD veröffentlicht wurde.

Von Jörg Isert


Es gibt einen Film, zu dem niemand etwas sagen will. Heike Makatsch jedenfalls nicht - schließlich sei sie erst kürzlich Mutter geworden, so ihre Agentin. Armin Rohde will lieber über seinen neuen Film "Herr Bello" sprechen. Beim Filmunternehmen Apollo Media hält man sich genauso bedeckt. Und der amerikanische Time Warner Konzern reagiert erst gar nicht auf Anfragen.

Saurier-Szene aus "A Sound of Thunder": Godzilla lässt grüßen
Paramount Pictures

Saurier-Szene aus "A Sound of Thunder": Godzilla lässt grüßen

Es geht um den Film "A Sound of Thunder". Das Science-Fiction-Werk, das nie in den deutschen Kinos lief, kam dieses Jahr heimlich, still und leise auf DVD heraus. Seitdem steht er in der untersten Videotheken-Reihe. Ein-, höchstens zweimal.

Die Lautlosigkeit hat Gründe: "A Sound of Thunder" ist ein Debakel. Dabei hatten die deutschen Beteiligten noch Glück. Heike Makatsch und Armin Rohde sind nach einer Viertelstunde aus dem Film verschwunden. Und Jörg Westerkamp ist nur als ausführender Produzent gelistet, weil er beim Filmstart Geschäftsführer von Apollo Media war. Angeleiert wurde das Projekt noch unter seinem Vorgänger.

Noch vor fünf Jahren galt die deutsch-britisch-tschechische Co-Produktion, einer der größten US-Kinoflopps 2005, als ein "hot thing". Fast 80 Millionen Dollar teuer. Mit Stars wie Ben Kingsley und einem renommierten Hollywood-Regisseur am Steuer. Zu den Filmen des 63-jährigen Peter Hyams gehören das Schwarzenegger-Spektakel "End of Days" und der Horror-Klassiker "Das Relikt".

Die Handlung: Im Jahr 2055 bietet die Agentur "Time Safari" reichen Geschäftsleuten Trips in die Zeit der Dinosaurier an. Sicherheitstipp vorab: Bloß nichts anfassen! Schließlich kann jeder Eingriff in die Vergangenheit Auswirkungen auf die Zukunft haben. Der sogenannte Schmetterlingseffekt. Einer der Time Traveller tappt natürlich ausgerechnet auf einen Schmetterling. Als Folge nimmt die Evolution eine Auszeit, tausende unbekannte Dino-Kreaturen springen munter durch das dritte Jahrtausend.

Vor allem die Spezialeffekte machen "A Sound of Thunder" zum Rohrkrepierer. Zum Beispiel sorgt am Anfang ein Tyrannosaurus Rex für Gelächter, weil er aussieht wie ein Plastik-Spielzeug, das einem japanischen Horrorfilm der sechziger Jahre entstiegen sein könnte. Godzilla lässt grüßen. Und das 14 Jahre nach "Jurassic Park". Wie konnte es dazu kommen?

"Kingsley hat sich professionell verhalten"

Finanziell war die Produktion gut ausgestattet. Das Gesamtbudget lag bei 73 Millionen Euro, 21 Millionen Euro davon flossen in die deutsche Filmwirtschaft. Zum Vergleich: Das Actionspektakel "300" kostete etwa 60 Millionen Dollar - und sieht um einiges besser aus.

Auch die Dreharbeiten im Sommer 2002 in Prag verliefen normal - sieht man vom damaligen Jahrhunderthochwasser ab, das zwei Filmsets ruinierte. Die interessanteste Anekdote, von der ein Crew-Mitglied zu berichten weiß, das lieber anonym bleiben will: "Es gab Probleme mit Edward Burns." Für seine Rolle in "Der Soldat James Ryan" war Burns 1998 für mehrere Filmpreise nominiert worden, bei "A Sound of Thunder" schien er aber eine eher lasche Einstellung gehabt zu haben. "Schon nach wenigen Tagen wurde er am Set von Ben Kingsley zusammengefaltet." Gerüchte, dass der mit einer albernen Perücke ausgestattete Kingsley absichtlich wie ein Knallcharge agierte, weil ihn die Story anödete, seien hingegen falsch: "Kingsley hat sich professionell verhalten."

Der Haken war, dass das Drehbuch eine ganze Reihe aufwändiger Sequenzen beinhaltete, die massiven Finanzeinsatz voraussetzten. Normalerweise werden die Kosten eines Films vor Drehstart kalkuliert. Reicht das zur Verfügung stehende Geld nicht aus, machen die Filmkreativen Zugeständnisse. Selbst ein Steven Spielberg streicht üblicherweise vorab einige Szenen aus seinen Drehbüchern. Anders bei "A Sound of Thunder". Obwohl viele Mitarbeiter erkannten, dass das zur Verfügung gestellte Geld nicht ausreichen würde, um alle Dino-Sequenzen in hoher Qualität umzusetzen, wurde fast keine Szene gestrichen.

Stattdessen wurde in jede Einstellung nur eine festgelegte Summe investiert - und kein Cent mehr. "Es sind damals viele, auch deutsche Firmen angefragt worden, ob sie die Effekte machen wollen", meint Thomas Hägele, der das Institut für Animation an der Filmakademie Baden-Württemberg leitet. "Der Unterton war immer: Macht uns doch einen guten Preis - ihr habt dann ja den Vorteil, eine große amerikanische Produktion auf dem Showreel zu haben." Hägele kennt einige Deutsche, die bei "Sound of Thunder" dabei waren: "Die haben unter ungünstigen Produktionsbedingungen das Beste gemacht."

"Teilweise nur noch gelacht"

Aber: "Jeder, der sich auskannte, wusste, dass ein solch ambitioniertes Projekt bei dem Budget zu den üblichen Qualitätsstandards nicht machbar war", meint Dietrich Hasse. Der 41-jährige Computeranimator hat an den Oscar-prämierten Effekten von "King Kong" mitgewerkelt, gerade ist er mit dem Animationsfilm "Lissi und der wilde Kaiser" von Bully Herbig beschäftigt.

Ein anderer Effekteschmied meint: "Bei dem, was manche Firmen anlieferten, haben wir teilweise nur noch gelacht." Dietrich Hasse hat sich nur unter bestimmten Voraussetzungen in den Credits des Films nennen lassen, "so dass im Abspann eindeutig erkennbar ist, woran ich gearbeitet habe. " Er ist von Kollegen schon mehrfach auf den Film angesprochen worden: "Die wundern sich, wie das alles kommen konnte." Hasse meint: Bei "A Sound of Thunder" hatten wir bei vielen Einstellungen, die "final shots" - also fertig - genannt wurden, das Gefühl: Mensch, da ist doch noch ein Haufen Arbeit nötig. Aber die Produktionsfirma hat keine Resourcen mehr dafür freigemacht."

Dass der Film floppte, liegt jedoch nicht nur an den unzulänglichen Schauwerten. Ein Mitarbeiter auf Produktionsseite meint: "Selbst mit einem mittelmäßigen Film kann man in US-Kinos noch 15 bis 20 Millionen Dollar erwirtschaften - wenn er entsprechend beworben wird." Üblich sei bei einem Film wie "A Sound of Thunder" ein Werbebudget zwischen 20 und 30 Millionen Euro - und ein Kinostart mit etwa 3000 Kopien. "Das Problem ist: Das Filmstudio, das den Film in den USA verlieh, hat nur erfüllt, was vertraglich festgelegt war: 800.000 Euro für die Werbung, ein Filmstart mit 800 Kopien und eine Laufzeit von zwei Wochen. Danach haben sie den Film sofort aus den Kinos genommen." Der Grund für die - rechtlich nicht zu beanstandende – Zurückhaltung von Warner Brothers: Die US-Gelder, die in den Film investiert wurden, kamen von dem Produktionsunternehmen Franchise Pictures. Die Firma ging wegen Betrügereien vor Filmstart in die Insolvenz.

"Warner hat die Franchise-Filme immer unterstützt", so der Insider, "aber nach den Negativ-Schlagzeilen haben sie das Engagement gedrosselt, um nicht mehr mit der Firma in Verbindung gebracht zu werden." Immerhin steckte Warner am Ende sogar noch Geld in die Postproduktion. Dennoch spielte der Film nur magere 1,8 Millionen Dollar in den USA ein. Der Produktionsmitarbeiter meint: "Das Abschneiden in den USA ist entscheidend für die weltweiten Rückerlöse. Der Film war ein ziemlich großes Investment für Apollo, 12 Millionen Euro. Nun sind auch die Verluste entsprechend." Beim US-Filmkonzern Warner will man sich nicht zu dem Film äußern, mehrere Interviewanfragen blieben unbeantwortet.

Ein weiteres Crewmitglied resümiert: "Ich habe noch keine Produktion erlebt, die so unglücklich organisiert war." Dass der Regisseur Peter Hyams seinen Namen nicht aus dem Film nahm, wundert ihn: "Vielleicht hat er nicht mehr mitbekommen, wie der Film am Ende aussah." Zumindest in Spanien und Osteuropa hat der Film sein Publikum gefunden. Die US-Fachzeitschrift "Hollywood Reporter" bescheinigte der Trash-Perle unlängst sogar ein gewisses Kultpotential.



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