Neues griechisches Kino: Zwei Mädels küssen die Krise weg

Von Jörg Schöning

Arm, aber sexy - jetzt auch in Athen! Griechenlands Filmemacher kontern den wirtschaftlichen Niedergang ihres Landes mit künstlerischen Höhenflügen. Ein Schlüsselwerk des jungen griechischen Kinos ist die schräge und lustvolle Mädchenromanze "Attenberg".

Rapid Eye Movies

So intensiv geküsst wurde lange nicht mehr auf der Leinwand. Dass es zwei junge Frauen sind, deren Zungen sich hier in Großaufnahme verknoten, ist noch das Normalste an der Angelegenheit. Merkwürdiger ist, wie dem Austausch der Körpersäfte immer gleich ein Gedanke folgt: "Wenn es nicht feucht ist, geht gar nichts", sagt Bella, die Erfahrenere. "Du bist so schleimig", kriegt sie von Marina zu hören, die das Küssen von ihr lernen will. "Ich übergebe mich gleich."

Normalerweise endet Film ja mit einem Kuss. "Attenberg" aber fängt mit einem an. Spielerisch und systematisch zugleich sprengt Athina Rachel Tsangari von vornherein die Konventionen. In ihrem zweiten Spielfilm erzählt die griechische Regisseurin die Geschichte eines Erwachsenwerdens, die sie als ein bewusstes Versuchsprogramm angelegt hat. Marina, deutlich älter als 20, ist wild entschlossen, endlich den Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen. Praktisches Wissen erwirbt sie bei Bella. Theoretisches erfährt sie aus intimen Gesprächen mit ihrem krebskranken Vater, den sie auf seiner Bettstatt betreut.

Zwar handelt "Attenberg" von Liebe und Tod. Doch hat die Regisseurin Eros und Thanatos, die üblichen Ingredienzen griechischer Tragödien, in ihren Film so phantasievoll eingebunden, dass die schräge Mädchenromanze - ihrem ödipalem Potential zum Trotz - eher als Komödie rüberkommt. Musikalisch flott akzentuiert von der französischen Pop-Chanteuse Françoise Hardy, ist bei den langen Einstellungen und langsamen Kamerafahrten die Nouvelle Vague der Sechziger immer präsent.

Richard Attenborough oder Monty Python?

So Frankreich-freundlich wie das Blau-Weiß-Rot der Badehandtücher bei einem Strandausflug wirkt denn auch das truffautsche Bestreben, auf der Leinwand "schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen". So wie bei den Balztänzen und fröhlichen Imponierparaden der beiden Freundinnen, die irgendwie an Monty Python erinnern, aber bei denen auch Sir David Attenborough (den Bella zum titelgebenden "Attenberg" verkürzt) mit seinen Wildlife-Dokumentationen Pate gestanden zu haben scheint. Dessen hehres zoologisches Streben wird hier jedoch gewitzt profanisiert - die Suche nach anthropologischem Wissen führt die Forscherin Marina ("Wir Frauen sind das wunderbare Mysterium der Fauna") bis in die Damenumkleide eines Hallenbads.

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"Attenberg" und "Alpen": Neue Filmwelle aus Griechenland
Über alledem gerät in "Attenberg" die soziale Wirklichkeit nicht aus dem Blick. Schauplatz des Geschehens ist ein kleiner, leerer Küstenort. Die enge Bucht gewährt nicht mal Ausblick aufs Meer. Hier jobbt Marina als Gelegenheitskraftfahrerin, die mit dem Firmen-Volvo die Gäste eines ansonsten verwaisten Hotels in die veralteten Industrieanlagen eines Steinbruchs chauffiert. Der wirtschaftliche Niedergang lässt sich nicht übersehen. Kein Wunder, dass Alan Vegas No-Wave-Projekt Suicide Marinas Lieblingsband ist.

Auch gibt es familiäre Notlagen, die sich leicht verallgemeinern ließen: So hängt beispielsweise Marinas Vater am Tropf. "Es ist, als hätten wir Trümmer entworfen", sagt der todgeweihte Architekt resignierend zur Tochter. Und hinterlässt ihr nach seinem Ableben eine Rechnung: Der Klinikfernseher ist nicht bezahlt, die Glotze kam auf Pump.

Abschied von "Alexis Zorbas"

Als tagesaktueller Kommentar zur Krise ist "Attenberg" nicht angelegt. Ariane Labed, die Darstellerin der Marina, hat schon im Jahr 2010 bei den Filmfestspielen in Venedig den Preis als beste Schauspielerin erhalten. Seither ist "Attenberg" auf mehr als 50 internationalen Festivals gelaufen - daraus spricht nicht zuletzt die Erleichterung der Festivalkuratoren, endlich mal jemand anderen einladen zu können als immer wieder den griechischen Grantler Theo Angelopoulos.

Entschlossen hatte sich der große alte Mann des griechischen Kinos, der im Frühjahr durch einen Unfall ums Leben kam, in den Sechzigern von der Sirtaki-Folklore, wie sie "Alexis Zorbas" und "Sonntags nie!" auf die Leinwand bannten, abgewandt. Nun wendet sich eine ganze Generation von - untereinander vernetzten - Filmemachern geschlossen von seinen pathetischen Landschafts- und Historien-Epen ab. Dabei kommt ihnen zugute, dass ihr Minimalismus mit seinen lakonischen Auslassungen der unter Festivalmachern gerade angesagten Ästhetik absolut entspricht.

"Attenberg" ist das Schlüsselwerk dieser griechischen Film-Moderne - das Berliner Kino "Arsenal" stellt sie zurzeit in einer umfassenden Auswahl erstmals dem deutschen Publikum vor. In der visuell verblüffendsten Szene des Films sind Marinas zuckende Schulterblätter in Großaufnahme zu sehen. Wie die viel zu kurzen Flügel eines jungen Vogels, der das Fliegen lernen will, sehen sie aus. Hier will ein Kino flügge werden. Und der Abschied vom Vater, von dem "Attenberg" erzählt, ist auch der Abschied der jungen griechischen Kino-Autoren von allem Altmeisterlichen.

"Neue Welle" erreicht die Oscars

Dass die Regisseurin Athina Rachel Tsangari dafür eine Coming-of-Age-Geschichte gewählt hat, passt natürlich. Sehr viel weniger heiter präsentiert sich der neue griechische Film mit Giorgos Lanthimos' exzentrischem Trauer-Spiel "Alpen", das im Juni in die Kinos kommt. Sein verrätseltes Werk, für das er 2011 in Venedig zusammen mit Efthymis Filippou den Drehbuchpreis gewann, ist schroffer. Exaltiert schon die Kameraführung: Sprechende Protagonisten zeigt Lanthimos gern im Anschnitt von hinten, die Adressaten ihrer Rede unscharf im Bildhintergrund. Auch die Handlung tritt erst allmählich hervor: Es geht dabei um einen ominösen "Alpen"-Verein, dessen Mitglieder sich nach Berggipfeln benennen und das Leid Hinterbliebener lindern, indem sie in deren Alltag die Leerstellen verstorbener Angehöriger ausfüllen.

Deutlicher lässt sich in "Alpen" erkennen, wie eng die Filmemacher verflochten sind. Die Schauspielerin Ariane Labed ist auch hier dabei. Regisseur Lanthimos gehörte zu den Produzenten von "Attenberg". Und dessen Regisseurin Athina Rachel Tsangari wiederum hat die "Alpen" mitproduziert - wie zuvor "Dogtooth" (2009), das gefeierte Spielfilmdebüt von Giorgos Lanthimos, mit dessen Oscar-Nominierung 2011 die "Neue Welle" Griechenlands auch jenseits der Festivals internationale Anerkennung fand.

In "Attenberg" ist Lanthimos sogar persönlich präsent: Er spielt den reisenden Mechaniker, bei dem Marina schließlich in die Beischlaflehre geht. Wie sie da bei der Fellatio gleichzeitig ihren "Forschungsbericht" aus den Niederungen der männlichen Anatomie abliefert, hätte Sir David Attenborough aus dem afrikanischen Hochland nicht emphatischer berichten können.

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Alpen

Originaltitel: Alpeis

GRN 2011

Regie: Giorgos Lanthimos

Buch: Giorgos Lanthimos, Efthymis Filippou

Darsteller: Aggeliki Papoulia, Aris Servetalis, Johnny Vekris, Ariane Labed

Produktion: Haos Films, Faliro House Productions, Hellenic Radio and Television (ERT)

Verleih: Rapid Eye Movies

Länge: 93 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 14. Juni 2012