Komödie "Ausgerechnet Sibirien" Spießer auf Sinnsuche

Reisen bildet: Ein vermuffter deutscher Reihenhauspedant wird in "Ausgerechnet Sibirien" emotional und spirituell umgekrempelt. Produziert hat das Esoterik-Märchen Minu Barati, Frau von Ex-Außenminister Joschka Fischer.

Von Andreas Banaski


Matthias Bleuel (Joachim Król) ist auf einem langen Lauf zu sich selbst. Erstmal joggt er zwar nur durch die rheinische Landschaft, mental driftet er aber schon in andere Sphären ab. Über Kopfhörer lässt er sich beim Trimm-Trab allerlei Quatsch über Schamanen und Tiergeister einflüstern. Mit dem Diesseitigen und allzu Menschlichen kommt er gerade nicht so klar - seine Frau (Katja Riemann) hat ihn im Reihenhaus sitzen lassen. Mysteriös bleibt, was die Ex, die irgendwas mit Tanzstudio macht, jemals an dem kleinkarierten Bürokraten aus einem Leverkusener Modeversandhandel gefunden haben mag.

Genauso wenig leuchtet ein, warum ihn sein Chef (Michael Degen) unbedingt zu einer sibirischen Verkaufsstelle des Unternehmens schicken will. Dort, in einer tristen Großstadt, soll Bleuel ein bisschen am vorsintflutlichen Computer rumfummeln. Mit dem Verkaufspersonal liegt der Pedant aus Deutschland natürlich schnell über Kreuz, denn die russischen Kollegen lassen gerne mal fünfe gerade sein. Dafür, dass es nicht zu größeren Irritationen kommt, sorgt Dolmetscher Artjom (Vladimir Burlakov), der den Kulturzusammenstoß durch kreative Übersetzungen abfedert.

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Król in Minu Baratis Komödie: Kindskopf im Höhenrausch
Dieser Artjom ist denn auch die patenteste und sympathischste Figur unter den vielen Verhaltensauffälligen in diesem Film. Bei Bleuel hingegen klopft bald wieder die Metaphysik an. Dass ihm eine Libelle erscheint, deutet er bereits als Zeichen. Wofür? Irgendwas Spiritistisches, egal. Als er dann bei einem Straßenfest die Sängerin Sajana (Yulya Men) entdeckt, sieht er die Welt mit anderen Augen. Ihrem Kehlkopfgesang (Artjom: "etwas gewöhnungsbedürftig") lauscht Bleuel mit entrücktem Kindergartenblick, verschiebt seine Rückreise und überredet Artjom zu einer Odyssee in die unendlichen Weiten Sibiriens.

Klamauk und Gefühlsseligkeit

Happy End und Moral kann sich jetzt jeder denken, denn "Ausgerechnet Sibirien" folgt jener Holzschnitt-Dramaturgie, die schon seit den Heimat- und Fernwehfilmen der fünfziger Jahre erprobt ist: Zivilisationskranker wird in freier Wildbahn kuriert. Das Pressematerial besitzt immerhin genug Humor, selbst drauf hinzuweisen, dass die Aussteiger von einst mit ihrem Esoterik-Fimmel genauso kleinkariert wie ihre Wirtschaftswunder-Eltern denken: "die Art Selbstfindungsgeschichte, die klassischerweise in der Toskana oder der Provence angesiedelt ist".

Raffinesse der Regie hätte da bloß verunsichert. Und so spult Spielleiter Ralf Huettner, dessen Wohlfühl-Movie "Vincent will Meer" letztes Jahr den Deutschen Filmpreis gewann, risikolos sein Repertoire ab, mixt etwas Klamauk mit etwas Gefühlsseligkeit und blättert urige Naturpanoramen auf.

Diverse werbebegleitende Maßnahmen für den Film konzentrierten sich übrigens auf die Produzentin, die mit Michael Ebmeyer, dem Autor der Romanvorlage, auch das Drehbuch schrieb: "die bezaubernde Minu Barati". So wurde die Ehefrau von Joschka Fischer zumindest in der Kuschel-Talkshow "3 nach 9" angekündigt, wo ihr dann Duzfreund Giovanni di Lorenzo wortreich schmeicheln durfte. Barati verkaufte ihr Produkt allerdings eher zurückhaltend und touchierte nur diskret das Thema Fischer. Dabei gibt es zwischen Filmfigur Bleuel und dem Ex-Außenminister durchaus Gemeinsamkeiten. Der ehemalige Aufrührer fand nach langem Lauf ja mal auch zu sich selbst.


Ausgerechnet Sibirien. Start: 10.5. Regie: Ralf Huettner. Mit Joachim Król, Yulya Men, Vladimir Burlakov.

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insgesamt 2 Beiträge
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hatem1 10.05.2012
1. Remake?
Zitat von sysopMajesticReisen bildet: Ein vermuffter deutscher Reihenhauspedant wird in "Ausgerechnet Sibirien" emotional und spirituell umgekrempelt. Produziert hat das Esoterik-Märchen Minu Barati, Frau von Ex-Außenminister Joschka Fischer. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,832107,00.html
Klingt wie ein Remake von "Zugvögel-Einmal nach Inari" ebenfalls mit Joachim Krol in der Hauptrolle.
gekreuzigt 10.05.2012
2. ja,
Zitat von hatem1Klingt wie ein Remake von "Zugvögel-Einmal nach Inari" ebenfalls mit Joachim Krol in der Hauptrolle.
klingt wie schon mal gesehen. Aber wenn´s dem Fischer sine Fru produziert ..... Muss ich wohl nicht ins Kino gehen.
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