Film "Lost in Beijing" China übt nackte Zensur

Pekings Saubermänner räumen vor den Olympischen Spielen auf: Die Zensurbehörde erachtet den Berlinale-Beitrag "Lost in Beijing" als pornografisch und verbietet den Film endgültig. Nun droht auch im Internet verschärfte Zensur.


Peking - Vorgeblich, um das positive Image Chinas vor den Olympischen Spielen 2008 nicht zu gefährden, hat die chinesische Zensurbehörde das Rotlichtdrama "Lost in Beijing" einen Monat nach der Premiere verboten. Auch die zensierte Kinoversion dürfe weder im Kino noch Internet gezeigt werden. Teile des Films verstießen gegen die Regelungen über sexuelle Darstellungen, heißt es auf der Website der Kontrollbehörde für Radio, Film und Fernsehen (SARFT).

Szene aus "Lost in Beijing" von Li Yu: Unter Pornographie-Verdacht
berlinale.de

Szene aus "Lost in Beijing" von Li Yu: Unter Pornographie-Verdacht

"Lost in Beijing" spielt vor dem Hintergrund der Masseneinwanderung von Arbeitern in die chinesische Hauptstadt. Der Hongkonger Star Tony Leung gibt darin den Besitzer eines Massagesalons. In einer besonders strittigen Szene, die für die zensierte Fassung herausgeschnitten wurde, vergewaltigt er eine Angestellte, die von ihm schwanger wird. Der Film, der im vergangenen Jahr im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Berlin lief, ist durch einen für China ungewöhnlichen schwarzen Humor geprägt.

Weil herausgeschnittene "pornografische Szenen" für die Werbung benutzt worden seien, wurde nicht nur ein Leinwandverbot verhängt, sondern der Produktionsfirma Laurel Film für zwei Jahre untersagt, neue Projekte anzugehen. Regisseurin Li Yu und die Darsteller sollten Selbstkritik äußern.

Zugleich kündigten die chinesischen Behörden ein härteres Vorgehen gegen Filme, Podcasts und andere Audioangebote im Internet an, die die Zensoren als pornographisch, gewalttätig oder politisch sensibel erachten. Nur staatlich kontrollierte Einheiten dürften künftig Webseiten mit audiovisuellen Inhalten unterhalten, hieß es in einer Behördenerklärung. Noch ist unklar, was die Ankündigung für Webseiten ausländischer Anbieter wie Yahoo oder Google bedeutet.

In einer ersten Reaktion kritisierte Regisseurin Li Yu die Entscheidung der Behörde als "Ungerechtigkeit". Das Problem mit den beanstandeten Szenen, die im Internet aufgetaucht seien, sei "allein durch Raubkopien entstanden".

lw/AFP/dpa



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