Kinostar Emmanuelle Bercot "Ich zicke nicht herum"

2015 war ihr Jahr in Frankreich, 2016 wird ihr Jahr in Deutschland: Die französische Schauspielerin und Regisseurin Emmanuelle Bercot spielt in "Mein Ein, mein Alles" wunderbar intensiv.

Ein Interview von Mariam Schaghaghi

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Zur Person
  • AFP
    Emmanuelle Bercot, 48, spielte unter anderem in "Poliezei" und "Zwischen den Wellen" mit. Sie führte auch selbst Regie wie bei "Kleines Herz", "Backstage" und vor allem "Madame empfiehlt sich". 2015 eröffnete ihr Sozialdrama "La Tête Haute" das Filmfestival in Cannes, und Bercot gewann die Goldenen Palme als beste Darstellerin für "Mein Ein, mein Alles".
SPIEGEL ONLINE: Frau Bercot, "Mein Ein, mein Alles" erzählt die Geschichte einer sterbenden Ehe. Bei aller Traurigkeit und Dramatik zaubern Sie immer wieder Humor in Ihre Darstellung. Haben Sie viel improvisiert?

Bercot: Die Dialoge waren alle improvisiert. Die Regisseurin Maïwenn hat uns Darstellern vorher extrem präzise Situationen vorgegeben, die wir füllen mussten. Wir warfen uns mit voller Kraft in die Szene, ohne zu wissen, was das Gegenüber sagen wird und wie weit wir gehen dürfen. Den Humor hat Vincent Cassel geprägt, das ist seine Art, mit der er einem auch im Alltag begegnet. Wenn ich mich hier vor Lachen ausschütte, ist das nicht gespielt - ich wusste nie, womit Vincent nun wieder um die Ecke kommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst Regisseurin. Können Sie sich als Schauspielerin noch blind leiten lassen - oder inszenieren Sie immer mit?

Bercot: Ich weiß, wie schwierig es ist, einen Film zu inszenieren. Daher würde ich mir nie erlauben, das Leben eines Regisseurs schwerer zu machen. Ich stelle mich uneingeschränkt in seinen Dienst. Er kann mit mir anstellen, was er will. Ich zicke nicht herum, komme nicht zu spät ans Set, gebe nicht die Diva.

SPIEGEL ONLINE: Dem französischen Film wird unterstellt, andersartig zu sein. Gibt es Ihrer Meinung nach etwas wirklich typisch Französisches im europäischen Film?

Bercot: Die Autorenfilme sind meist stilisiert, sehr realistisch und geradezu romantisch. Viele der französischen Sozialdramen erinnern mich an das britische Kino von Ken Loach oder das türkische, die kommerziellen Filme hingegen ähneln den amerikanischen Filmen. Nein, ich finde, es gibt eher Stile und Filmtypen, keine nationalen Charakteristika.

SPIEGEL ONLINE: Maïwenn legt in ihren Regiearbeiten viel Wert auf Realismus. Vor welche Schwierigkeiten stellt Sie das als Schauspielerin?

Bercot: Der gesamte Film war eine Herausforderung, eine Kampfansage. Mit den Amateuren zu drehen, war einfach, sie haben sich sehr engagiert, waren lebensnah, dadurch erhielten die Szenen viel Leichtigkeit. Das war fast wie Freizeit! Die Szenen mit Vincent Cassel dagegen waren die Kolosse. Die Herausforderung besteht darin, so viel von sich zu geben, bis der Regisseur die beabsichtigte Gefühlsintensität erreicht. Sonst muss man halt so lange wiederholen, bis es für alle stimmig ist.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Nouvelle Vague des Realismus, für den Maïwenn und Sie die Fahne hochhalten?

Bercot: Das realistische Kino existiert ja schon seit der Nouvelle Vague. Ich drehe realistische und sozialkritische Filme, seit ich 17 bin, und Maïwenn seit ihrem ersten Film "Pardonnez-moi" 2006. Das ist zufällig die Art von Kino, auf die wir beide große Lust haben.

SPIEGEL ONLINE: Welche politischen Themen sind Ihnen wichtig, wenn Sie Filme machen?

Bercot: Ich verteidige gern. Wenn es ein heißes soziales Eisen gibt wie in "La Tête Haute" , in dem Catherine Deneuve eine engagierte Jugendrichterin spielt, die sich bemüht, einen kindlichen Delinquenten nicht abstürzen zu lassen, dann hat das für mich eine besondere Relevanz. Aber das ist kein Joch, dem ich meine künstlerischen Entscheidungen unterwerfe. Ich kann auch nur Spaß haben, ganz ohne politischen Hintergrund.

SPIEGEL ONLINE: Liebesfilme erzählen meist, wie eine Liebe endet - und sind damit Tragödien. Hier ist es eine Tragödie, dass die beiden sich weiterhin lieben, obwohl ihre Beziehung zerbrochen ist. Ist das die wahre Tragödie?

Bercot: Das ist die höchste aller Tragödien. Eine Liebe, die endet, ist schon grausam genug. Selbst sich von jemandem zu trennen, den man nicht mehr liebt, ist schwierig: Familien zerbrechen, Kinder leiden, man flüchtet sich zu oft in die Nostalgie der schönen Momente. Aber die schlimmste Tragödie ist für mich, wenn zwei Menschen sich lieben, aber nicht zusammen sein können. "Nicht mit dir und nicht ohne dich", wie es bei uns heißt.

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"Mein Ein, mein Alles": Hang zu Gefühlsfeuerwerk
SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie sich auf die Geschichte der Liebe einer Frau zu einem vermeintlichen Sonnengott vorbereiten?

Bercot: Ich kenne genügend Situationen, die der Film erzählt, aus meinem eigenen Leben. Ich musste also "nur" in meinem eigenen Erfahrungsbereich nach Emotionen und Erinnerungen suchen, die ich in meine Figur Tony einfließen lassen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Der Partner ihrer Figur, der Narziss Georgio, sagt in dem Film: "Du wusstest, wen du bekommst. Du kanntest mich genau." Entliebt man sich aus demselben Grund, aus dem man sich verliebt?

Bercot: Ja, das trifft zu. Vincent entschlüpfte dieser Satz beim Improvisieren und ich fand sofort, dass er völlig recht damit hat. Das, was einem zuerst an einem Menschen gefällt, ist das, was einen später dazu bringt, ihn zu verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie nach "Mein Ein, mein Alles" die Männer besser?

Bercot: Mais non. Außerdem geht es hier nur um einen Mann, nicht die Männer. Und ich kenne keinen einzigen Mann wie Georgio. Über diesen Typ Mann habe ich vielleicht eine Menge gelernt, aber über die Männer weiß ich längst nicht alles.

SPIEGEL ONLINE: Sie bewegen sich seit 25 Jahren in der Branche - bis Cannes 2015 "Ihr" Festival wurde. Wie werten Sie die explosive Überpräsenz von Emmanuelle Bercot?

Bercot: Ein Wendepunkt ist es sicher, aber keine Explosion. Ich war schon immer sehr exponiert, auch wenn ich da keine große Sache daraus gemacht habe. Natürlich ist es in dieser Branche wichtig, gesehen zu werden und sich auch den Medien zu präsentieren. Trotz Cannes 2015 wird sich mein kleines Leben nicht ändern. Ich bin ein ganz einfaches Mädchen. Nur weil man fünf Tage über mich geredet hat, bin ich morgen kein anderer Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten Sie nonstop oder genehmigen Sie sich auch mal Regenerationszeit?

Bercot: Genau das beschäftigt mich gerade sehr. Denn ich habe die letzten vier Jahre durchgearbeitet. Ich habe keinen dieser Momente mehr gehabt, in denen man tief durchatmet, beobachtet, Energie tankt und vor allem zu neuen Ideen inspiriert wird. Das belastet mich sehr. Ich habe ein reiches Leben, aus beruflicher Sicht. Aber reicht das? Nach meiner nächsten Regie in "La Fille de Brest", das habe ich schon fest entschieden, werde ich mal anhalten. Und leben.

Im Video: Der Trailer zu "Mein Ein, mein Alles"

"Mein Ein, mein Alles"

Frankreich 2015

Regie: Maïwenn

Drehbuch: Maïwenn, Etienne Comar

Darsteller: Vincent Cassel, Emmanuelle Bercot, Louis Garrel, Isild Le Besco, Patrick Raynal, Paul Hamy

Verleih: StudioCanal

Produktion: Les Productions du Trésor

Länge: 124 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 24. März 2016

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