Katastrophendrama "Mord in Pacot" Der kurze Winter der Anarchie

Helfen hilft nicht: In seinem karibischen Kammerspiel zeigt der haitianische Regisseur Raoul Peck, wie nach der Erdbebenkatastrophe einheimische Eliten und internationale Helfer soziale Veränderungen abwehren.

Von Jörg Schöning


Man fragt auf Haiti nicht nach Abwesenden. "Das ist die neue Höflichkeit", erklärt der Mann seiner Ehefrau, als er aus der Innenstadt von Port-au-Prince in sein zerstörtes Haus im Villenviertel Pacot zurückkehrt. Zu schmerzlich könnten die Antworten der Befragten sein. Mehr als eine Viertelmillion Haitianer kamen nach dem Erdbeben im Januar 2010 ums Leben. 1,2 Millionen wurden obdachlos. Was im ersten Moment zartfühlend wirkt, hat jedoch auch eine andere Seite: Was ist angesichts dieser Zahlen das Leben des einzelnen Menschen noch wert? Wer fragt danach, wenn noch ein weiterer verschwindet? Verbirgt sich in der "neuen Höflichkeit" nicht auch die Einladung zum Mord?

Der haitianische Regisseur Raoul Peck hat keinen Krimi gedreht. Und doch ist in seinem Film die Spannung mit Händen zu greifen. In "Mord in Pacot" zeigt er uns eine Karibik fernab der Urlaubsprospekte. Statt mit blauem Himmel und weißem Strand präsentiert die "Perle der Karibik" sich in gespenstischem Grau, bei starkem Dauerregen und mit knöcheltiefem Schlamm. Kein Piratenschiff nimmt uns mit hinaus auf das offene Meer. Stattdessen verweilt der kammerspielartige Film ausschließlich im Haus und im Garten des - namenlos bleibenden - Ehepaars. Aber Freibeuter gibt es auch hier.

Dem einstmals prächtigen Anwesen droht der Abriss; zu starke Risse durchziehen das vom Einsturz bedrohte Mauerwerk. Um die moderne, nun aber nur noch marode Villa reparieren zu können, sieht sich das Paar zur Untervermietung gezwungen. Während es selbst in der leerstehenden Dienstbotenwohnung unterkommt, zieht in das noch halbwegs intakte Gästeapartment ein Besucher aus Europa ein. "Jetzt sind wir die Diener", müssen sich der Mann (Alex Descas) und die Frau (gespielt von der deutschen Sängerin Ayo) dabei eingestehen.

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"Mord in Pacot": Der kurze Winter der Anarchie
Der agile Franzose Alex (Thibault Vinçon) ist Katastrophenhelfer, und er bringt, neben einem Gastgeschenk in Form mehrerer Packungen Cornflakes, auch noch seine knapp der Minderjährigkeit entkommene Freundin mit. Hat man nachts bislang nur das Gekläff herrenloser Hunde gehört, die auf der Suche nach Leichen die Straßen durchstreifen, sind es nun auch die Lustschreie der lebenshungrigen Andrémise (Lovely Kermonde Fifi), die das Ehepaar am Einschlafen hindern.

In seinem Dokumentarfilm "Tödliche Hilfe" hat Raoul Peck die vielen internationalen Hilfsprojekte, die in Haiti tätig wurden, heftig angeklagt - wegen absehbarer und erwiesener Wirkungslosigkeit. Wenn Andrémise nun das Engagement ihres europäischen Freundes "Selbstbefriedigung" nennt und dies mit einer obszönen Geste illustriert, deckt sich das mit seiner Meinung wohl so ziemlich. Wie auch manch anderer hellsichtiger Satz, den das vitale Mädchen ihrem französischen Gönner beim abendlichen Dinner an den Kopf wirft.

Ein weiteres Nachbeben

Dass sie sich trotzdem von Alex aushalten und im SUV umherchauffieren lässt, in der Hoffnung, von ihm eines Tages nach Europa mitgenommen zu werden, findet ebenso Pecks Einverständnis wie ihr selbstbewusstes Auftreten als Gastgeberin in der okkupierten Villa.

Nicht nur bewirtet sie das Vermieterpaar üppig. Mit einer "Housewarming Party" für die niederen Stände beglückt sie auch all jene Kinozuschauer, die das von Peck gemeinsam mit Pascal Bonitzer ("Gemma Bovery") in französischer Autorenfilmtradition verfasste Drehbuch womöglich als zu wortlastig empfinden: Zum hippen "Rap Kreyòl" von Sisy & Dutty feiern mit Andrémises Freunden nun jene in der bourgeoisen Bauruine, die zuvor die Ausgegrenzten waren.

Es ist das soziale Koppheister infolge des Bebens, das Raoul Peck in erster Linie interessiert. Und der befreiende Moment, den dieser kurze Winter der Anarchie mit sich brachte: "In einer Zeitspanne von etwa zehn Tagen nach dem Erdbeben spürten wir alle, dass sich etwas ändern konnte", hat Peck zu seinem Film erklärt. "Eine der Figuren sagt: ,Zum ersten Mal in unserer Geschichte schlafen Reiche und Arme unter freiem Himmel.' Und dann stellt man fest - ich habe da einen sehr marxistischen Standpunkt -, dass letzten Endes die herrschenden Strukturen doch stärker sind und jeder wieder seinen angestammten Platz einnimmt."

Denn es sind nicht etwa bloß leicht zu verputzende Risse, die sich zwischen Ober- und Unterschicht, Stadt- und Landbevölkerung, Jugendlichen und Arrivierten auftun. Vielmehr nimmt der Regisseur als Folge der Kolonialzeit und Diktatur schwerwiegende tektonische Verwerfungen im Fundament der haitianischen Gesellschaft wahr. Daran ändert internationale Hilfe nichts. Im Gegenteil: "Eine Geldlawine überrollte plötzlich unser Land und riss wie ein Sturzbach tiefe Furchen, die mit hundertprozentiger Sicherheit in Zukunft zu noch mehr Gewaltsituationen führen werden", hat Peck in einem Interview prophezeit.

Sein "Mord in Pacot" nimmt sie nur vorweg. Gegen Veränderungen wehrt sich in Pecks Spielfilm ein Konsortium der Macht, mit einer Gewalt, so eruptiv wie ein weiteres, letztes Nachbeben.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Mord in Pacot":

Mord in Pacot

Haiti, Frankreich, Norwegen 2014

Regie: Raoul Peck

Drehbuch: Raoul Peck, Pascal Bonitzer, Lyonel Trouillot

Darsteller: Alex Descas, Joy Olasunmibo Ogunmakin, Thibault Vinçon, Lovely Kermonde Fifi, Albert Moleón, Zinedine Soualem

Produktion: Velvet Films

Verleih: EZEF

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 17. September 2015

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
wintergreen 16.09.2015
1. Dieser Film
war vor einigen Monaten auf ARTE zu sehen, unter dem Titel "Mord in Haiti". Wirklich sehenswert, sehr eindringlich, ein Film, der lange nachwirkt, mit guten Schauspielern. Habe ihn zweimal angesehen, was selten vorkommt.
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