Film über Alt-Nazi Herrenmensch in Unterhose

Provokanter Film über einen Ex-SS-Offizier: Der österreichische Regisseur Günter Schwaiger porträtiert in "Hafners Paradies" einen unverbesserlichen Alt-Nazi, der vor laufender Kamera den Hitler-Gruß zeigt und den Holocaust leugnet. Darf man das? Nun wird das Werk sogar im Bundestag gezeigt.

Von Manuel Meyer


"Den Holocaust gab es gar nicht. Alles nur Propaganda der Alliierten", behauptet der ehemalige SS-Obersturmführer Paul Maria Hafner vor laufender Kamera. Den Juden sei es relativ gut in den Konzentrationslagern gegangen. Er selbst habe als SS-Offiziersausbilder einige KZs besucht und habe nichts Schlimmes gesehen, sagt der heute 84-Jährige. Er erinnert sich gerne an die Zeit im Dritten Reich. Heute lebt Hafner in Madrid. Wie viele Nazis fand auch der gebürtige Südtiroler in den fünfziger Jahren Zuflucht in Spanien – angekommen ist er immer noch nicht ganz.

Eine Entnazifizierung wie viele andere Nazis in Deutschland hat er nicht durchlebt. Ganz im Gegenteil: In der spanischen Franco-Diktatur genossen eingewanderte Nationalsozialisten noch bis 1975 hohes Ansehen. Doch auch heute noch lebt der unverbesserliche SS-Mann in seinem eigenen "Reich". 13 Monate lang hat Regisseur Günter Schwaiger diese fortdauernde Wahnwelt des Nazismus aufgezeichnet – kritiklos und verharmlosend, wie seine Kritiker meinen.

"Schwaiger fällt es sichtlich nicht leicht, sich als Regisseur nur mit seinen Bildern von den Aussagen, die im Film getroffen werden, zu distanzieren", meinte die österreichische Nachrichtenagentur APA, und die Wiener Tageszeitung "Die Presse" zitierte Efraim Zuroff, einen bekannten Nazi-Jäger und Leiter des Wiesenthal Centers in Jerusalem: "Ich sah den Film nicht, las aber über ihn. Es macht äußerst wütend, einem Nazi wie Hafner zuzuhören und zu wissen, dass es ihm frei steht, seinen Rassismus und Extremismus zu verbreiten. Aber ohne den Beweis von Kriegsverbrechen können wir gegen ihn kein Gerichtsverfahren anstreben."

Schwaigers Langzeitporträt, ein perfider Fall von Sympathiebekundung mit einem Altnazi? Der Film könnte harmloser tatsächlich kaum beginnen: Hafner erscheint wie ein netter Opa, der Witze macht, mit seinem hohen Alter kokettiert und sich damit brüstet, aufgrund guter Ernährung und viel Sport niemals krank gewesen zu sein. Schwaiger zeigt Hafner bei seiner täglichen Morgengymnastik in Unterhose, beim Schwimmen und beim Besuch des deutschen Altersheims in Madrid, wo er regelmäßig mit seinen Altersgenossen Schach spielt. Schon seit Jahren lebt der pensionierte Schweinezüchter alleinstehend im Norden der spanischen Hauptstadt - direkt neben der deutschen Bücherei, ganz in der Nähe der deutschen Schule und der deutschen Kneipe. Das ist kein Zufall: Obwohl er Südtiroler ist, fühlt sich Hafner als "Super-Deutscher".

Viele Kritiker und Zuschauer waren nicht ganz so geduldig

Geduldig lässt ihn Schwaiger das alte Deutschlandlied singen und aus "Mein Kampf" zitieren. Selbst wenn Hafner den Holocaust leugnet und sich mit dem Hitler-Gruß verabschiedet, stellt ihn der 42-jährige Regisseur nicht zur Rede. Hafner selbst wundert sich im Film, dass der aus Salzburg stammende Dokumentarfilmer ihn Dinge sagen lässt, die in Deutschland unter Strafe stünden. Sein größtenteils unkommentiertes Draufhalten brachte Schwaiger, der ebenfalls seit Jahren in Madrid lebt, viele entrüstete Zuschauer ein, seit "Hafners Paradies" im Sommer vergangenen Jahres zur Uraufführung kam. Immer wieder verließen Kinobesucher vorzeitig die Vorführungen.

Schwaigers Pech: Viele Kritiker und Zuschauer waren offenbar nicht ganz so geduldig wie er. Doch was anfangs aussieht, als gäbe Schwaiger einem unverbesserlichen Nazi eine riesige Plattform für sein faschistisches Gedankengut, stellt sich bei näherem Hinsehen nach und nach als intelligente Methode der Demaskierung dar.

Verurteilung sei nicht das Ziel, sondern sein Ausgangspunkt, der ihn den Blick auf die Person frei lässt, verteidigt sich der Regisseur. Ihn interessiere vor allem der Mensch, der hinter dem Nazi steckt. "Ich gehe einfach davon aus, dass unsere Gesellschaft weiß, dass die Nazis für Schrecken und Mord stehen. Wenn ich heute einem Nazi das Wort gebe und befürchten müsste, dass die Bevölkerung auf seine Lügen erneut hereinfiele, dann wäre die antifaschistische Aufklärungsarbeit der vergangenen 60 Jahre gescheitert", sagt Schwaiger im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Der Zuschauer muss sehr genau zuhören und konzentriert zusehen, um Schwaigers Konzept nachvollziehen zu können. Im Verlaufe des Films verstrickt sich Hafner zunehmend in Widersprüche. Gekonnt fängt der Regisseur ohne großes Einwirken auf den Protagonisten kleinste Andeutungen von Zweifel, Trotz und Schuldgefühl ein. Natürlich muss Schwaiger dabei auch nachhelfen. So konfrontiert er Hafner mit historischen Tatsachen, um ihn aus der Reserve zu locken.

Schwaiger zeigt ihm Filme über den Holocaust, bringt sogar Hans Landauer als Gast mit, einen ehemaligen KZ-Häftling aus Dachau – eine Schlüsselszene: Anstatt den Ex-SS-Mann als Mörder zu attackieren, zeigt sich Landauer als ruhiger Gesprächspartner. Auf dem Wohnzimmertisch breitet er Fotos von Dachau aus, spricht sachlich über die Massenmorde. Damit hatte Hafner nicht gerechnet. Hafner fängt an zu scherzen, tut alles als Propaganda ab - und fällt schließlich in tiefes Schweigen.



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