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Film über Selbstmordattentäter: Das Paradies in der Hölle

Von Henryk M. Broder

Hany Abu-Assads "Paradise Now" ist ein palästinensischer Film über Selbstmordattentäter - gedreht in Nablus, finanziert mit Geld aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Bei der Premiere in Ramallah ging es nicht nur um Filmkunst.

Mit zwei palästinensischen Selbstmordattentätern in der Abenddämmerung übers Land zu fahren ist eine Erfahrung, die man nur einmal im Leben machen kann. "Bei Kalandia kommen wir nicht durch", sagt Hassan, der Fahrer, "ich versuche es mal über Bir Zeit". Und tatsächlich, er findet eine Straße ohne Sperren, ein großes, passierbares Loch in der Mauer, die Israel rund um die besetzten Gebiete baut, um sich vor Terroranschlägen zu schützen. Kais und Ali freuen sich, so einfach haben sie sich die Sache nicht vorgestellt.

Film-Attentäter Said, Khaled (Kais Nashef, Ali Suliman): "Der Pass ist doch nur ein Stück Papier mit deinem Bild drauf"
CONSTANTIN FILM

Film-Attentäter Said, Khaled (Kais Nashef, Ali Suliman): "Der Pass ist doch nur ein Stück Papier mit deinem Bild drauf"

Auf der anderen Seite, im Zentrum von Ramallah, wartet schon Hany, den sie nur "the director" nennen. Auf diesen Tag hat Hany Abu-Assad, 44, lange hingearbeitet. Vor sechs Jahren begann er mit den Vorbereitungen für die Operation "Paradise Now". Hany steht auf und begrüßt die 150 Besucher der Cinemathek von Ramallah. "Guten Abend, liebe Freunde, willkommen zur Premiere von 'Paradise Now'."

Neben ihm stehen seine beiden Hauptdarsteller, Kais Nashef, 27, und Ali Suliman, 28. Sie spielen die Palästinenser Said und Khaled, zwei biedere Automechaniker in Nablus, die sich eines Tages in tickende Zeitbomben verwandeln. "Paradise Now" hat bei den Berliner Filmfestspielen den Preis für den besten europäischen Film gewonnen. Hier in Ramallah, dem Sitz der palästinensischen Autonomie-Behörde, geht es nicht primär um Filmkunst, um ästhetische Ktiterien oder den Unterhaltungswert einer holländisch-deutsch-französischen Koproduktion, die in Palästina spielt. Es geht um mehr.

"Ich beglückwünsche dich zu diesem Film", sagt nach der Vorführung Michael Tarazi zu Hany Abu-Assad, "ich bin glücklich, dass du auf unserer Seite stehst". Tarazi, 38, ein Exil-Palästinenser, der aus den USA in seine alte Heimat zurückgekommen ist, um beim Aufbau eines palästinensischen Staates zu helfen, hat als "corporate lawyer" für große Firmen in New York, Paris, Helsinki, Istanbul und Budapest gearbeitet. Jetzt berät er den neuen Präsidenten Mahmud Abbas.

Regisseur Hany (M.), Hauptdarsteller: "The director"
Alexander Gorski

Regisseur Hany (M.), Hauptdarsteller: "The director"

Tarazi muss immer und überall erreichbar sein, deswegen trägt er um den Hals zwei Mobiltelefone, ein palästinensisches und ein israelisches. Sie sehen volkommen gleich aus. Auch Tarazi kann sie nur am Klingelton unterscheiden. Seine beiden Nokias symbolisieren auch das Verhältnis zwischen den Israelis und den Palästinensern. Sie sind sich ähnlicher, als sie es wahrhaben wollen.

Hany Abu-Assad, "the director", ist Palästinenser und Israeli. Er spricht Hebräisch genauso gut wie Arabisch. 1961 in Nazareth geboren, hat er das israelische "bagrut" (Abitur) gemacht und ging mit 19 Jahren nach Holland, um in Delft und Haarlem "Luft- und Raumfahrttechnik" zu studieren. Mit 29 und dem Ingenieur-Diplom im Gepäck kehrte er nach Nazareth zurück. "Ich hatte keine Lust, mein Leben mit technischen Problemen zu verbringen." Er lernte zufällig den palästinensischen Regisseur Rashid Masharawi kennen, der ihm das Filmemachen beibrachte. 1992 realisierte er seinen ersten eigenen Kurzfilm ("Paperhouse"), 1995 ging er wieder nach Holland wo er "Das 14. Huhn" drehte, eine Komödie über ein Paar in Amsterdam.

Szene aus "Paradise Now": Anständige Filmprosa
CONSTANTIN FILM

Szene aus "Paradise Now": Anständige Filmprosa

"Es wurde ein ordentlicher Film, aber kein großer Erfolg", sagt Hany. Fünf Jahre später drehte er den Film, mit dem er endlich bekannt wurde: "Ranas Hochzeit", eine palästinensische Liebesgeschichte. Längst hat Hany die holländische Staatsangehörigkeit, er lebt in einem Grachtenhaus in Amsterdam, kommt aber immer wieder nach Nazareth zurück, um Mutter und Freunde zu besuchen. Auch den israelischen Pass hat er nicht zurück gegeben. "Warum sollte ich?" So führt Hany Abu-Assad ein Leben wie ein typischer Israeli, mit einem Bein im Land und mit dem anderen immer unterwegs. Seine Hauptdarsteller stehen dagegen erst am Anfang ihrer Karrieren. Beide sind, wie Hany, arabische Israelis, beide haben die Theaterschule in Tel Aviv besucht. Ali Ali Suliman bekam eine kleine Rolle in der "Syrischen Braut" und war auch in einer beliebten Sitcom im israelischen TV zu sehen. Zur Zeit spielt er im "Arab-Hebrew-Theater" in Jaffo den Ferdinand im "Sturm" von Shakespeare. Den "Nathan" hat er schon als 23-Jähriger gegeben, eines Tages möchte er den "Shylock" rezitieren.

Darsteller Kais (r.) in "Paradise Now": "Warum etwas zeigen, das alle kennen?"
CONSTANTIN FILM

Darsteller Kais (r.) in "Paradise Now": "Warum etwas zeigen, das alle kennen?"

Unter normalen Umständen könnten Hany, Ali und Kais das Scharnier zwischen zwei Kulturen sein: israelische Araber oder arabische Israelis, die beide Seiten kennen und beide aus einer gewissen Distanz betrachten. Aber weil die Umstände nicht normal sind, fühlen sich die drei mehr als Palästinenser denn als Israelis. Sie möchten, dass die Palästinenser in den besetzten Gebieten einen eigenen Staat bekommen, aber sie würden ihre israelischen Pässe nicht gegen palästinensische tauschen. "Der Pass ist doch nur ein Stück Papier mit deinem Bild drauf", sagt Kais.

Für die Palästinenser zu beiden Seiten der Grenze ist "Paradise Now" ein palästinensischer Film über Palästinenser. Ein guter, ein wichtiger Film, der die Welt aufklären soll, wie sie leben und leiden. Um freilich ein großer oder großartiger Film zu sein, ist die Geschichte zu pädagogisch und streckenweise zu pathetisch - anständige Filmprosa, der man die Mühe anmerkt, mit der sie hergestellt wurde.

Lubna Azabel in "Paradise Now": "Stark und mutig"
CONSTANTIN FILM

Lubna Azabel in "Paradise Now": "Stark und mutig"

Weil er keine israelischen Opfer der Terroranschläge zeigt, musste sich Hany gegen den Vorwurf verteidigen, er sympathisiere mit den Terroristen. Aber Hany zeigt auch nicht die Folgen der israelischen Besatzung: keine Toten, keine Krüppel, keine zerstörten Häuser. "Warum sollte ich etwas zeigen, das alle kennen, das man jeden Tag im Fernsehen sehen kann?"

Er habe "eine tragische Komödie" gedreht, "einen ruhigen Thriller", sagt Hany Abu-Assad. Natürlich sei der Titel eine Anspielung auf Coppolas "Apocalypse Now!", allerdings: "Coppola ging in ein Paradies, um einen Film über die Hölle zu machen. Ich war in der Hölle und habe einen Film über das Paradies gemacht." Über ein fiktives Paradies, das den beiden Selbstmordattentätern Said und Khaled versprochen wird, wenn sie ihren "Auftrag" ausgeführt haben.

"Es ist kein Film über Politik", versichert Hany, "es ist ein Film über Leben unter extremen Bedingungen. Bei uns ist schon der Weg zum Laden an der nächsten Ecke ein Abenteuer." Dennoch bleibt unklar, warum Khaled und Said eines Tages beschließen, ihr Leben zu opfern. Auch der Filmemacher bietet nur die übliche Erklärung an. "Sie werden täglich gedemütigt, sie wollen keine Feiglinge und keine Schwächlinge sein, sie wollen einen Moment lang fühlen, dass sie stark und mutig sind." Und wenn es der letzte Moment in ihrem Leben ist.

Szene aus "Paradise Now": "Ruhiger Thriller"
CONSTANTIN FILM

Szene aus "Paradise Now": "Ruhiger Thriller"

Vorbild der Attentäter sei eine biblische Gestalt: Simson, der Gott anfleht, ihn zusammen mit seinen Feinden sterben zu lassen. "Er war der erste Selbstmord-Aktivist in der Geschichte, weil er sich nicht demütigen lassen wollte. Das ist heute unsere Realität." Aber gäbe es heute nicht andere Optionen als zur Zeit von Simson, weniger blutig und mehr erfolgversprechend? "Es liegt in der Natur des Menschen, dass er sich wehrt."

Am späten Abend, im Garten von "Sangria's", gibt es das "Making of..." als Privatissimum. Hany erzählt, wie er "Paradise Now" in Nablus gedreht hat, wie er sich mit verschiedenen konkurrierenden Milizen arrangieren musste, die unbedingt wissen wollten, worum es in dem Film geht; wie eines Tages der Location-Manager entführt und erst nach einer Intervention aus Arafats Büro wieder freigelassen wurde. Auch das ist palästinensische Realität, aus der man eine tragische Komödie machen könnte.


Paradise Now

Deutschland/Niederlande/Israel/Frankreich 2005. Regie: Hany Abu-Assad. Buch: Hany Abu-Assad, Bero Beyer. Darsteller: Kais Nashef, Ali Suleiman, Lubna Azabal. Produktion: Razor Film Production, Augustus Film, Lama Productions, Lumen. Verleih: Constantin. Länge: 91 Minuten. Start: 28. September 2005

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