Film und Nürnberger Prozesse Beweislast im bewegten Bild

Als bei den Nürnberger Prozessen 1945 die Dokumentation "Nazi Concentration Camps" gezeigt wurde, war dies die Geburtsstunde einer höchst problematischen Ikonografie. Wie lässt sich ein unvergleichbares Verbrechen wie der Holocaust bildhaft rekonstruieren?


Wie kein anderer deutscher Staatsmann nach dem Zweiten Weltkrieg verstand es Willy Brandt, symbolische Akte nicht zum Selbstzweck, sondern als glaubwürdigen Ausdruck einer politischen und moralischen Dringlichkeit einzusetzen. So bleibt der Kniefall des Bundeskanzlers Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos am 7. Dezember 1970 ein Schlüsselmoment der bundesrepublikanischen Geschichte.

"Das Urteil von Nürnberg"-Darsteller Maximilian Schell, Richard Widmark: Kritische Zwischentöne
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"Das Urteil von Nürnberg"-Darsteller Maximilian Schell, Richard Widmark: Kritische Zwischentöne

Dabei war bezeichnend, dass Brandt als ehemaliger Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus zu dieser spontanen Geste fand, und nicht wenige aus der damaligen deutschen Gesellschaft, für die er an jenem Tag stellvertretend Schuldbewusstsein und Demut gegenüber den Opfern des Holocaust bezeugte, dankten ihm sein persönliches Bemühen um Versöhnung mit Schmähungen.

Das Wissen um dieses Ereignis lässt sich nicht ausblenden, wenn man einen früheren, weit weniger Aufsehen erregenden Auftritt Brandts betrachtet: Fast genau neun Jahre zuvor, am 14. Dezember 1961, sprach Brandt als Regierender Bürgermeister Berlins in der städtischen Kongresshalle anlässlich einer Filmpremiere von der bleibenden Verpflichtung der Deutschen, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu suchen.

Denn es war Stanley Kramers über dreistündiges Gerichtsdrama "Judgement at Nuremberg" ("Das Urteil von Nürnberg"), das hier unter Beisein Willy Brandts seine Uraufführung in der geteilten Stadt erlebte. Gegenstand der starbesetzten Produktion war jedoch nicht der Hauptkriegsverbrecherprozess, dessen Beginn sich jetzt zum 60. Mal jährt, sondern das spätere Verfahren gegen Vertreter der Nazi-Justiz.

Trotz nicht zu leugnender Längen überzeugt der Film dabei durch seine kritischen Zwischentöne, etwa in der Darstellung des wachsenden politischen Drucks auf die Ankläger, in bestimmten Fällen nicht mit aller Härte vorzugehen, da Deutschland bereits eine Rolle als strategischer Verbündeter im beginnenden Kalten Krieg zugedacht war. Und er illustriert effektvoll den komplizierten Weg der Urteilsfindung, in deren Verlauf die Verteidigung - verkörpert durch Maximilian Schell, der später den Oscar erhalten sollte - das moralische Mandat des Gerichts anzweifelt.

Dennoch lässt Kramers Gerichtsdrama keinen Zweifel daran, dass die in Nürnberg erstmals verwirklichte Idee einer internationalen Gerichtsbarkeit sowie die historisch wegweisende Etablierung des Strafbestands "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" notwendige und bleibende Errungenschaften waren. Diese Position verbindet Kramers Spielfilm mit Stuart Schulbergs 1948 für das Office of Military Government for Germany United States (OMGUS) fertiggestellter Dokumentation "Nuremberg and its Lesson" (Nürnberg und seine Lehre).

Der Film kompiliert Aufnahmen der an der Befreiung der Konzentrationslager beteiligten amerikanischen und sowjetischen Filmeinheiten, sichergestelltes Bildmaterial der Nazis und Aufnahmen aus dem Nürnberger Verfahren zu einer zwingenden Chronologie der deutschen Verbrechen.

Für Ronny Loewy, Mitarbeiter des Deutschen Filmmuseums Frankfurt und Leiter der Datenbankprojekts "Cinematographie des Holocaust" am ebenfalls in Frankfurt ansässigen Fritz-Bauer-Institut, ist Schulbergs Film eines der wichtigsten zeithistorischen Materialien zum Prozess und zur Geschichte des Nationalsozialismus: "Schulbergs Herangehensweise folgt äußerst konsequent der Argumentation Robert H. Jacksons, des Hauptanklagevertreters der Vereinigten Staaten", so Loewy.

Jackson selbst wird am Ende des Films auf einer Texttafel zitiert: "Dieser Gerichtshof dient allen ehrlichen Bemühungen, den Frieden zu sichern. Er bedeutet einen Schritt vorwärts auf dem Wege des Rechtes, das jeden, der einen Krieg beginnt, dafür persönlich zur Verantwortung zieht."

Die Geschehnisse im Schwurgerichtssaal in Nürnberg wurden jedoch nicht nur in bis dahin nie gekanntem Umfang in Wort und Bild aufgezeichnet, das Verfahren selbst war auch ein Präzedenzfall für den Einsatz von Filmmaterial als Beweismittel. In den Sitzungsprotokollen sind die Vorführungen von Filmen des U.S. Signal Corps und der Soviet Army Film Unit ebenso genau dokumentiert wie die Projektionen von NS-Produktionen und Amateurfilmen, die durch Zufall zu erschütternden Zeugnissen der Verfolgung und des Massenmords wurden.

So führte die Anklage am 29. November 1945 im Rahmen ihrer Beweisführung den Film "Nazi Concentration Camps" vor, der vom U.S. Signal Corps unter der Regie von Lieutenant Colonel George Stevens erstellt worden war. Stevens gehörte wie so viele der im Corps tätigen Offiziere - unter anderem John Ford, John Huston und Frank Capra - im Zivilleben zur Filmindustrie Hollywoods und sollte später einen Oscar für das Melodram "Giganten" (1956) erhalten.



Dem Film vorangestellt sind "Affidavits" der Beteiligten, eidliche und beglaubigte Erklärungen, in denen unter anderen Stevens und Kameramann E. Ray Kellog die Authentizität der Aufnahmen versichern. Damit wurde nicht nur formal eine juristische Notwendigkeit erfüllt, sondern auch eine deutliche Abgrenzung zu den infamen Bildmanipulationen der NS-Propaganda vollzogen.

Viele der Bilder, die im Verlauf des Prozesses als Anklage auf der Leinwand im Gerichtssaal flimmerten, sind bis heute tausendfach reproduziert worden. Sie finden immer wieder Verwendung in unzähligen TV-Features und Dokumentationen zur NS-Geschichte und zum Holocaust, und dass zumeist ohne Angaben zu ihrem Ursprung. Schwarzweiße Aufnahmen von Güterzügen und ausgemergelten Körpern werden so in unserer medialen Vervielfältigungs- und Verwertungsmaschinerie im schlimmsten Fall als ahistorische Chiffren verwendet, die, vermeintlich beliebig einsetzbar, das singuläre und nie gänzlich fassbare Ereignis des Holocaust auf die Länge einer Einstellung verkürzen. Angesichts dieser Entwicklung lässt sich aus heutiger Sicht nur mutmaßen, welche Wirkung diese Bilder auf unvorbereitete Betrachter im Herbst 1945 hatten, als sie eine einzigartige Beweislast darstellten.

Auch deshalb sieht Loewy eine der Hauptaufgaben der "Cinematographie des Holocaust" in der Rekonstruktion der Kontexte, in denen die archivierten und dokumentierten Filmmaterialien entstanden sind. Historisch erfüllte der Einsatz des Mediums Film in Nürnberg für ihn eine zweifache Funktion: "Die dort gezeigten Dokumente sowie das bei den Prozessen gedrehte Material dienten zugleich als Pranger für die Angeklagten und als pädagogische Ermahnung der deutschen Bevölkerung."

Dementsprechend setzten die Alliierten Filme zur "Re-Education", zur Umerziehung der deutschen Bürger Filme ein, in der Hoffnung, dass die Auseinandersetzung mit diesen Bildern ein neues politisches und ethisches Bewusstsein fördern würde. Hat sich diese Hoffnung erfüllt? Die Geschichte muss es zeigen, jeden Tag aufs Neue.


Zum Thema

Die von Ronny Loewy betreute, öffentlich zugängliche Datenbank dokumentiert derzeit 1.646 Filme zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, davon viele mit detaillierten Sequenzprotokollen und Quellennachweisen.

Seit den 1990er Jahren beschäftigt sich zudem die Arbeitsgruppe "Cinematographie des Holocaust" auf ihren Jahrestagungen mit der Erforschung und Diskussion von Dokumentar- und Spielfilmen, die unter verschiedensten Vorzeichen die Shoah thematisieren. Der AG gehören neben dem Fritz-Bauer-Institut auch das Deutsche Filminstitut in Frankfurt und Cinegraph - Hamburgisches Centrum für Filmforschung an.

Anfang dieses Jahres widmete sich eine Tagung den Nürnberger Prozessen und unter dem Titel "Nuremberg and its Lesson, Teil 2" wird vom 12. bis 14. Januar 2006 in Frankfurt eine weitere international besetzte Konferenz den Diskurs fortsetzten und die Debatte um weitere Filme, u.a. zu den Auschwitz- und Majdanek-Prozessen erweitern.



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