Kultur

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Filmförderung umstrukturieren

Wie wir Flops mit Ansage vermeiden können

Die Filmförderung fördert konsequent am Publikum und an den Kinos vorbei, findet Kinobetreiber und AG-Kino-Vorsitzender Christian Bräuer. Mit einigen Maßnahmen könnte sich die Krise abwenden lassen.

Constantin

Filmszene aus "Tiger Girl" mit Ella Rumpf

Montag, 06.08.2018   14:34 Uhr

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Wenn die Geschichte des Films erzählt ist, wenn schon einige - manchmal alle - den Kinosaal verlassen haben, wenn die Namen von Kreativen, Produzenten, Maskenbildern usw. im Abspann genannt sind, dann kommt der Augenblick, in dem noch den Förderern - meist sehr vielen Förderern - gedankt wird.

"Mit gutem Grund!", möchte man meinen, denn die Filmproduktion befindet sich im Wachstum - in Deutschland wie in ganz Europa. Nahezu alle hier hergestellten Werke werden zumindest zum großen Teil, oftmals fast ausschließlich, durch die wachsenden staatlichen Filmförderungen finanziert. 2016 wurden in Europa 2.124 und damit 47 Prozent mehr Filme produziert als zehn Jahre zuvor.

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Für die Produzenten, Studios und Filmschaffenden sicherlich ein gutes Zeichen. Aber wer will das alles sehen?

Das Filmwachstum führt offenbar nicht zu einem Besucherwachstum: In Deutschland werden für alle Filme ab Rang 100 jedes Jahr in etwa dieselbe Anzahl an Tickets verkauft, nur dass die Anzahl der aufgeführten Werke jährlich steigt. Auch bei den großen Festivals hat man nicht den Eindruck, dass diese sich vor Einreichungen künstlerisch herausragender Filme kaum retten können. Bei aller Freude über Erfolge wie "Toni Erdmann" und "Aus dem Nichts" beklagen Brancheninsider und Kritik, dass zu viel Mittelware hergestellt wird, Filme, die man ebenso gut sehen wie auch verpassen kann, die nicht überraschen oder Neues bieten.

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Also was läuft schief? Warum beschleicht manchen das Gefühl, dass allein Amazon- oder Netflix-Serien Innovationen wagen? Warum laufen Filme, die Kennerinnen und Kenner empfehlen, in Deutschland oft weit unter ihrem Potenzial? Warum erreicht zum Beispiel Valeska Grisebachs beeindruckender und in Cannes gefeierter Film "Western" nicht mehr Zuschauer?

Analysen gibt es hierzu inzwischen zuhauf, jedoch kreisen sie, wie auch die Filmförderung, zu sehr um den Akt der Produktion und insbesondere um die Sicherstellung der Finanzierung. Natürlich könnte man sich einiges anders und manches besser wünschen, zum Beispiel ein konzertiertes Zusammenwirken der Förderer, mehr Engagement der Sender und vor allem eine massive Stärkung der Ideenentwicklung.

Und die Zuschauer?

Publikum aber, das die Filme sehen soll, taucht in den Überlegungen meist nur am Rande auf. Dabei ist nichts so entscheidend wie der Start im Kino. Denn auch im digitalen Zeitalter ist das Kino die Herzkammer eines Films. Es ermöglicht Aufmerksamkeit, gesellschaftliche Relevanz und wirtschaftlichen Erfolg. Nur was auf der großen Leinwand reüssiert, hat auch eine Chance auf dem kleinen Schirm. Dies gilt besonders für europäische Autoren- und Dokumentarfilme jenseits des Mainstreams. In diesem Sinne gilt: Kino ist nichts ohne gute Filme, aber der Film ist auch nichts ohne das Kino!

Die Kardinalfrage muss daher lauten: Wie können die Kinos eine so große Anzahl Filme an die Zuschauer bringen, vor allem an die jüngeren? Wie ein Publikum gewinnen, das in zunehmenden Maße von allen Unterhaltungsmedien umworben wird und seine kulturellen Aktivitäten diversifiziert? Wer Filmförderung betreibt (und damit nicht allein die Auftragsbücher der Studios füllen möchte), muss neben einem starken Fokus auf Qualitätsfilme auch den Förderanteil für die Sichtbarmachung der Filme massiv erhöhen.

Notwendig wäre daher eine ganzheitliche Ausrichtung der Filmförderung von der Ideenentwicklung bis zum Start im Kino. In Hollywood wäre es undenkbar, dass die Studios (oder Netflix) Filme produzieren, nicht aber zugleich deren Vermarktung mitdenken. In Europa ist dies anders: Während die Budgets der Filmproduktion steigen, sinken die Herausbringungsetats der einzelnen Filme. Das System ist außer Balance. Filme werden so immer öfter halbherzig in die Kinos gebracht, Marketing beschränkt sich auf Plakate und Trailer. Flops mit Ansage sind die Folge.

Die Filme brauchen Marketingbudgets, die eine echte Herausbringungsstrategie ermöglichen und die gesamte Bandbreite der Medien- und Kommunikationskanäle erfassen. Das heißt: Die Filme müssen sowohl online ausgesteuert auf die Zielgruppen sichtbar sein, als auch in Zeitungen, Funk, Fernsehen oder auf der Straße oder den Menschen auffallen. Unabhängige Kritiken und Berichterstattung sind dabei unverändert von herausragender Bedeutung - gerade für Werke jenseits der Blockbuster.

Marketing? Bitte online und vor Ort!

Nötig ist auch der massive Ausbau des lokalen Marketings, da in Zeiten der Angebotsvielfalt die unmittelbare Aufmerksamkeit vor Ort von entscheidender Bedeutung ist. Angesichts der Vielzahl der Filmstarts ist es zudem wichtig, dass bei einem Erfolg nicht nur die Kopien-Zahl verstärkt, sondern auch im Marketing nachgelegt werden kann, denn Kinos im ländlichen Raum bekommen die Filme oftmals erst Wochen nach Bundesstart.

Obwohl dem Kino eine Schlüsselrolle zukommt, findet es in der Debatte zur Förderung des deutschen Films bislang kaum Beachtung. Und wenn dann ohne Blick auf die kulturelle Relevanz des Ortes und die Wirtschaftlichkeit der Betriebe. Dabei müssten die Abspielmöglichkeiten in den Kinos im Verhältnis zur Produktion der Filme gleichwertig in den Fokus der Förderung genommen werden. Denn mit der Digitalisierung haben sich auch die Investitionserfordernisse verschoben.

Die Studios und Verleiher haben sich mit dem Auslaufen der Virtual-Print-Fees, also dem Beitrag, den sie zur Erstumrüstung der Kinos geleistet haben, von weiteren Investitionen verabschiedet. Die Lasten der teuren und kurzlebigen digitalen Filmprojektoren tragen nunmehr allein die Filmtheater. Doch ihre Erlösstruktur ist nicht ausreichend, um gleichsam die Gebäude zu erhalten und die technische Ausstattung zu erneuern, denn über die Hälfte des Ticketpreises geht an den Filmverleih sowie für Steuern und Abgaben drauf. Verleihförderung gibt es ja zuhauf. Nur fließt diese in einem viel zu geringem Anteil in die Bewerbung der Filme. In ihrer jetzigen Form entbehrt sie damit jeglicher Grundlage. Verbunden mit einer Aufstockung muss sichergestellt sein, dass 70 Prozent der Mittel der Reklame zugutekommen.

Mit einem Zukunftsprogramm Kino will die neue Bundesregierung dem nun begegnen. Klug konzipiert würde es die Kinos bei diesen Anstrengungen beistehen und sie bei Innovationen in Gestaltung, Programm und Publikumseinbindung unterstützen. Verbunden mit der exklusiven Erstauswertung, die Kinos für den Kinofilm ebenso wie TV oder Netflix für Eigenproduktionen benötigen, würde dies gerade für Filmkunsttheater und Kinos in der Fläche Freiraum erzeugen, um noch stärker filmkulturelle Angebote zu schaffen und zu bewerben.

Ein Stück Heimat

Bleibt zu hoffen, dass das Zukunftsprogramm bald kommt und entsprechend ausgestattet wird. Mit 30 Millionen Euro jährlich über fünf Jahre aus dem Bundeshaushalt - ergänzt um eine idealerweise gleichhohe Förderung der Länder - ließe sich die Modernisierung von fast 1.000 Kulturorten mitfinanzieren und damit Programmplätze für den deutschen Film erhalten und ausbauen. Damit flöße in die Kinos in fünf Jahren in etwa die Summe, die der Bund in einem Jahr in die Herstellung von Filmen investiert.

Der Standorteffekt der Förderung wäre durch die ökonomischen Verflechtungen der Kinos am Ort und als Anker der Filmwirtschaft allenfalls weit höher und nachhaltiger als bei der nun geforderten Ausweitung der Serienförderung, die kulturelle Vielfalt begrenzen und nicht befördern würde. Er bliebe zudem nicht auf die Studioregionen Berlin, München und Köln beschränkt.

Für jeden, der Filme wirklich liebt, kann eine Musealisierung des Kinos, können Festivals und nischige Streaming-Plattformen allein nicht ausreichende Legitimation für staatliche Filmförderung sein. Filme erhalten wie andere Kunstformen auch ihre Relevanz durch Rezeption. Das Kino zählt flächendeckend zu den selten gewordenen kollektiven Räumen. Mit gut gemachten und gut beworbenen Programmen sind sie für die Menschen ein Stück Heimat und bereichern die lokale Lebensqualität.

Auf Dauer reicht dem deutschen Film ein "Weiter so!" nicht aus. Ein Moment der Selbstvergewisserung - warum, für wen und mit welchem Ziel fördern wir - wäre notwendig. Im besten Fall führt dies zu einem ambitionierteren Ansatz der Filmförderung. Allein wird staatliche Filmförderung allerdings nie ausreichen, um guten Filmen ein viel breiteres Publikum zu bescheren. Dazu braucht es eine viel stärkere Vermittlung und Verankerung von Filmkultur, die mit der Filmförderung sinnvoll verzahnt ist.

Denn gute Filme hören mit dem Abspann nicht auf. Sie bewegen oder unterhalten, sie erfreuen oder erschüttern, und regen damit zum gesellschaftlichen Diskurs an. Oder wie Godard es sagte: "Ich mache keine Filme, ich mache Kino!"

Video: Die Zukunft des Kinos - Kirsten Niehuus und Tom Tykwer im Gespräch

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