Von Daniel Sander
Irgendwann in der Pubertät, gelegentlich auch schon vorher, gelangt jedes Kind an den Punkt, seiner Mutter die Pest an den Hals zu wünschen. Meist ist es nur ein flüchtiger Moment in Augenblicken irrationaler Wut auf wahrscheinlich vollkommen gerechtfertigte Ausgehverbote oder Abwaschbitten, womöglich hält der Hass auch mal ein paar Tage an. Doch dann legt sich das Gefühl wieder, und man erkennt, dass Mama doch die Beste ist, die nur Gutes will, die es auch nicht leicht hat.
Bei Hubert (Xavier Dolan) allerdings, da legt sich das Gefühl nicht. Er ist 16, lebt in Montreal, und er hasst seine ihn allein erziehende Mutter Chantal (Anne Dorval) mit einer Verachtung, wie sie andere nur für Terroristen oder Welpenmörder übrig haben. Die Frau ekelt ihn an.
Denn täglich bereitet sie ihm infernalische Qualen: mit ihren kitschigen Schmetterlingsskulpturen, die an der Wand über ihrem Bett kleben. Mit dem Safari-Tiger-Gemälde über dem Sofa und der passenden Tischlampe im Zebradesign. Mit ihrer Vorliebe für Sonnenstudios, dem Frischkäse, der ihr beim Essen in den Mundwinkeln kleben bleibt und natürlich mit ihrer bescheuerten besten Freundin. Vor allem aber quält sie ihn mit ihrer beharrlichen Ignoranz gegenüber seiner eigenen Genialität. Er, der Künstler und Literat, geschlagen mit einer geschmacklosen Provinzmatrone - Horror!
Outing im Bräunungssalon
Nur fair also, dass er in der Schule behauptet, seine Mutter sei tot. Dass er hysterisch zu schreien anfängt, wenn sie ihn morgens in die Schule bringt und nicht rechtzeitig das plärrende Radio ausmacht. Dass er ihr ständig vorhält, was für eine niveaulose Unperson sie sei. Dass sie nur zufällig im Solarstudio erfährt, dass er schwul ist - und zwar von der Mutter seines Freundes, die ganz begeistert ist, dass die beiden Jungs nun schon zwei Monate zusammen sind und so offen damit umgehen.
Es ist nicht immer ganz einfach, den Schrecken nachzuvollziehen, den der arme Hubert hier zu erdulden glaubt, aber manchmal fällt es einem dann wieder ein, wie das war mit 16, und man versteht ihn doch. So ist der Alptraum Pubertät eben, und Regisseur und Autor Xavier Dolan verfilmt ihn mit einem tiefen Verständnis für seinen jungen Helden, aber auch gerade mit genügend Distanz und Ironie, dass Erwachsene sich nicht ausgeschlossen fühlen müssen. Was kein Wunder ist, denn Dolan war selbst erst 17, als er das Drehbuch von "I Killed My Mother" fertig schrieb (nur teilweise autobiografisch, wie er beteuert) und der Schauspielerin Anne Dorval in die Hand drückte, schwerst pubertierend also. Mit 19 aber, als es an die Verfilmung ging, war er erwachsen genug für einen womöglich etwas gnädigeren Blick.
So geht es hin und her zwischen Mutter und Sohn. Immer wieder gibt es große Schreiduelle und Versuche gegenseitiger Demütigung; der Film kann dann sehr lustig werden, aber auch laut und hysterisch, eine Strapaze für die Nerven. Und dann sind da immer wieder zarte Momente potentieller Versöhnung, unendlich traurig manchmal, oder leicht und verträumt. "Was machst du, wenn ich heute sterben würde?", brüllt Hubert seiner Mutter in einem besonders üblen Streit entgegen und stapft voller Wut davon, während sie leise sagt, für ihn unhörbar: "Dann sterbe ich morgen."
Vollprofi statt Pseudo-Wunderkind
Als Dolan den Film 2009 beim Filmfestival in Cannes vorstellte, mit 20, da nahm der Applaus kein Ende, und er reiste mit drei Preisen im Gepäck nach Hause, was nicht einmal übertrieben war. Jugendliche Künstler werden immer gern als Genies bejubelt, aber handwerklich sieht der Film nach Vollprofi aus und nicht nach experimentierendem Pseudo-Wunderkind. Satte Farben, Tempo, tolle Darsteller (Dolan eingeschlossen) und ein bisschen Spielerei mit Zeitlupe und Montage.
Es gibt heftige Anleihen bei den elegischen Bildern und der getupften Pianomusik in den Filmen von Wong Kar-wai, oder den überdrehten Wendungen der amüsanteren François-Ozon-Werke, was man als Diebstahl oder Hommage verstehen kann, aber auf jeden Fall als gekonnt feiern muss.
Dolan, heute 21, hat mittlerweile übrigens schon einen zweiten Film fertig, der heißt "Heartbeats", ist noch besser als der erste und wurde im vergangenen Jahr auch schon in Cannes bejubelt. Einen dritten dreht er gerade. Seine Mutter dürfte stolz sein.
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