Doku-Film über Beltracchis Der Hochstapler in Dreiecksbadehose

Dreiste Verbrecher oder sympathische Nutznießer eines gierigen Kunstmarkts? Im Kino wird die Geschichte der Beltracchis als charmantes Gaunermärchen erzählt. Das ist schlicht und einseitig, aber auch entlarvend amüsant.

Senator

Von Johan Dehoust


Jetzt also auch noch im Kino. Als wäre die Geschichte der Beltracchis in den vergangenen Jahren nicht schon oft genug erzählt worden. Zahlreiche epische Interviews, in denen das 2011 verurteilte Fälscherpaar berichtete, wie es ihm gelang, die Kunstwelt zu narren. Natürlich, es war spannend zu erfahren, wie Helene und Wolfgang Beltracchi biografische Lücken großer Maler nutzen, um zu Millionären aufzusteigen. Wie sie Gemälde erschufen, die diese großen Maler angeblich genau in diesen Lücken gemalt hatten und diese für viel Geld an gierige Auktionatoren verkauften. Aber: Braucht es dazu jetzt wirklich auch noch einen Film?

In der Doku "Beltracchi - Die Kunst der Fälschung" wird alles noch einmal aufgerollt. Wolfgang Beltracchi darf abermals erzählen, wie er von Jugendtagen an Gemälde im Stil großer Meister malte und wie er später gemeinsam mit seiner Frau auf die Idee kam, sie durch eine märchenhafte Geschichte zu verkaufen: Sie machten der Kunstwelt glaubhaft, dass Helene Beltracchi diese Bilder von ihrem Großvater, einem leidenschaftlichen Sammler, geerbt habe. Entstehen konnte dieser Film, weil das Ehepaar sich nach seinem Urteil noch ein halbes Jahr frei bewegen durfte und auch danach im offenen Vollzug büßte. Der Regisseur Arne Birkenstock hat sich mit den Beltracchis auf ihren ehemaligen Anwesen in Südfrankreich, Köln und Freiburg getroffen. Zugang zu den Verurteilten erhielt Birkenstock über seinen Vater Reinhard Birkenstock, der einer der Verteidiger der Beltracchis war.

Experten als Karikaturen

Nun könnte man erwarten, dass die Doku für diejenigen sehenswert ist, die die Berichte rund um die Beltracchis bisher kaum verfolgt haben und sich nun mit dem Fall auseinandersetzen wollen. Das allerdings muss verneint werden. Dafür ist das vermittelte Bild zu einseitig und schlicht. Rekonstruiert wird der Fälscherskandal durch sehr lange Interviewpassagen mit den Tätern und sehr kurze mit den Opfern. Sechs Jahre für ihn, vier Jahre für sie - Birkenstock findet das offensichtlich mehr als ausreichend. Er lässt die Betrogenen, die Experten, Käufer und Auktionatoren wie Karikaturen erscheinen. Als scherenschnittartige Vertreter einer kommerzialisierten Welt, die ihr Geld mit der gottgleichen Einzigartigkeit von Kunst verdienen, zu Recht in ihrer Gier bloßgestellt.

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Doku über Beltracchis: Backe, backe Kunst
Die Beltracchis dagegen treten als charmante Gauner auf. Als lebensbejahende Sympathieträger. Zwischen den Interviewsequenzen erscheinen immer wieder alte Film- und Fotoaufnahmen aus dem Familienbesitz der Protagonisten, auf denen sich der langhaarige Wolfgang Beltracchi vorzugsweise nur mit einer Dreieckbadehose bekleidet an Palmenstränden oder auf Yachten herumtreibt. Ein Traum von einem vogelfreien Leben, für den ja wohl jeder ein bisschen betrügen würde, oder? Diese Haltung kann man natürlich haben, sie ist aber zu flach, um eine tiefgründige Geschichte abermals wirklich gewinnbringend aufzufüllen.

Anschauenswert wird der Film nur, wenn man ihn als launige Hochstaplerkomödie betrachtet. Dann wirkt es lustig und entlarvend, wie Wolfgang Beltracchi für die Kamera nachstellt, wie er aus wertlosen Bildern vom Trödelmarkt Millionenwerke fabrizierte - Schritt für Schritt und dabei ein humoriges Zitat nach dem anderen zwitschernd. Der Jahrhundertfälscher erscheint als Kleinkind im Sandkasten, sein Baggermatsch sind die Farben. Backebackekuchen. Matisse? Picasso? Leonardo? Kein Problem, einfach die Zutaten ein bisschen anders mixen und fertig ist die ach so große Kunst.


Beltracchi - Die Kunst der Fälschung. Regie: Arne Birkenstock. Kinostart: 6. März.


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Seite 1
olddreamer 06.03.2014
1. Neid der Ahnungslosen
Ganz ohne Zweifel ist Beltracchi ein hervorragender Maler und auch ein Künstler. Schon die Tatsache, dass er so zu malen wusste, dass man seine Werke lange nicht von den "Originalen" zu unterscheiden konnte, hat ihn dafür qualifiziert. Hier steht die Verärgerung der Getäuschten einem unzweifelhaft vorhandenen grossen Können gegenüber. Das er dieses ordentlich vermarktet hat und weiter vermarktet, wer wollte es ihm verdenken? "Kriminell" ist allenfalls, dass er seine Arbeit als die Anderer ausgegeben hat, um höhere Preise zu erzielen. Die Plagiatoren von heute sind genau andersherum vorgegangen: Sie haben die eigene Arbeit als eigenständig erklärt, obwohl sie von Anderen abgekupfert haben. Wer hat also das grössere "Verbrechen" begangen?
tz88ww 06.03.2014
2. Liebe Spiegler
War da nicht sogar was mit Filmförderung und so??
spon_2318831 06.03.2014
3. der Künstler,
Betracci leidet an dem Umstand, dass die Intension, also dasWohl und Wehe weswegen man Kunst macht, sich bei ihm in die falsche Richtung entwickelte. Dazu wurde diese Entwicklung natürlich durch die Gier der Umwelt begünstigt. Der Unterschied zwischen Kunsthandlung und Galerie ist der des kunstpolitischen und sozialen Auftrages, den eine Galerie zu erfüllen hat. Und Dass eben passiert nur in einer von hundert Etablissements die Galerie draufzustehen haben. Bei uns stimmt das KunstSystem nicht. Es benachteiligt Künstler schon sozial an der Basis. Wer das nicht glaubt sollte mal versuchen eine Wohnung als Künstler zu mieten. Insofern habe ich durchaus Verständnis für den Weg von HerrnBetracci. Gleichfalls würde ich gernmal eine Ausstellung mit "echten" Betraccis besuchen können.
maxffm 06.03.2014
4. Kunst?
Zitat von olddreamerGanz ohne Zweifel ist Beltracchi ein hervorragender Maler und auch ein Künstler. Schon die Tatsache, dass er so zu malen wusste, dass man seine Werke lange nicht von den "Originalen" zu unterscheiden konnte, hat ihn dafür qualifiziert. Hier steht die Verärgerung der Getäuschten einem unzweifelhaft vorhandenen grossen Können gegenüber. Das er dieses ordentlich vermarktet hat und weiter vermarktet, wer wollte es ihm verdenken? "Kriminell" ist allenfalls, dass er seine Arbeit als die Anderer ausgegeben hat, um höhere Preise zu erzielen. Die Plagiatoren von heute sind genau andersherum vorgegangen: Sie haben die eigene Arbeit als eigenständig erklärt, obwohl sie von Anderen abgekupfert haben. Wer hat also das grössere "Verbrechen" begangen?
Mit diesem Kommentar zeigen Sie höchstens, daß Sie nicht die geringste Ahnung von Kunst haben. Beltracchi ist vielleicht ein guter Handwerker, aber mehr ganz sicher nicht. Und weil ihm das in seiner Eitelkeit nicht genug war, weil er geldgierig war, hat er eben andere Menschen betrogen. Die Medien konstruieren jetzt daraus ein lustiges Gaunerstück und erheben ihn zum sympathischen Narren, der der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Hätte er mit dem Geld etwas Sinnvolles angestellt, dann könnte ich ihn vielleicht sympathisch finden. So erscheint er nur als geltungssüchtiger pubertärer Krimineller, der es geschaftt hat, dass ihm die Kunstwelt auf den Leim geht - und jetzt gleich hinterher die Medien. Soll man das etwa gut finden?
mcmercy 06.03.2014
5.
Zitat von maxffmMit diesem Kommentar zeigen Sie höchstens, daß Sie nicht die geringste Ahnung von Kunst haben. Beltracchi ist vielleicht ein guter Handwerker, aber mehr ganz sicher nicht. Und weil ihm das in seiner Eitelkeit nicht genug war, weil er geldgierig war, hat er eben andere Menschen betrogen. Die Medien konstruieren jetzt daraus ein lustiges Gaunerstück und erheben ihn zum sympathischen Narren, der der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Hätte er mit dem Geld etwas Sinnvolles angestellt, dann könnte ich ihn vielleicht sympathisch finden. So erscheint er nur als geltungssüchtiger pubertärer Krimineller, der es geschaftt hat, dass ihm die Kunstwelt auf den Leim geht - und jetzt gleich hinterher die Medien. Soll man das etwa gut finden?
Darüber kann man sicherlich streiten. Beltracchi ist aber kein Kopist, er malt ja nicht einfach Bilder handwerklich geschickt ab, sondern kreiert eigene Werke, wenn auch im Stil anderer. Insofern kann man in mehr mit jemanden, der die Fortsetzung von z.B. Herr Der Ringe schreibt vergleichen, er hätte halt einfach nicht Tolkien unter das Werk schreiben sollen. Aber wenn man sich schon über Kunst streitet, dann entlarvt es doch die Käufer noch mehr, die kaufen das Bild ja nicht weil sie große Kunstliebhaber sind, sondern das Kunstwerk dient hier lediglich als Geldanlage und Handelsgut, auf die künstlerische Aussage kommt es dem Händler gar nicht an, sondern nur auf den Namen der in der Signatur steht.
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