Filmdrama "An ihrer Seite": Liebe, selbstvergessen

Von David Kleingers

Zwei Liebende, und einer verliert langsam das Gedächtnis: Kann es eine schmerzvollere Art der Entzweiung geben? Mit ihrem furiosen Regiedebüt gibt die Kanadierin Sarah Polley eine faszinierende, anrührende Antwort.

Die Spuren zweier Skifahrer im Schnee, parallel und makellos in die winterliche Landschaft gezeichnet. Es ist eine der ersten Einstellungen in "An ihrer Seite", und das Motiv des Einklangs wird gegen Ende dieses Films von Sarah Polley erneut zu sehen sein. Dazwischen liegt eine Liebesgeschichte, in der das Sinnbild einer harmonischen, in die Ewigkeit gleitenden Zweisamkeit mit schmerzlichen Realitäten konfrontiert wird. Denn was geschieht, wenn der Partner plötzlich aus der Spur gerät und unwiederbringlich verloren scheint?

An solche Fragen denken Fiona (Julie Christie) und Grant Andersson (Gordon Pinsent) nicht bei ihren Langlauftouren durch die Weite der kanadischen Provinz Ontario. Seit 45 Jahren sind sie verheiratet und haben dabei zu einer beneidenswerten Innigkeit gefunden. Der Alltag des pensionierten Universitätsprofessors und seiner Frau ist geprägt von den Gesten einer wissenden Liebe, die keine Erklärungen mehr braucht.

Deshalb nimmt Grant eher amüsiert Fionas neuerdings auftretende Aussetzer zur Kenntnis: Mal stellt sie gedankenverloren die Bratpfanne in den Kühlschrank statt ins Topfregal, bei anderer Gelegenheit fällt ihr partout ein bestimmtes Wort nicht ein. Für Grant sind dies zunächst nur Episoden, die das blinde Verständnis zwischen ihm und seiner Frau nicht wirklich beeinträchtigen können.

Wenn die Geliebte zur Fremden wird

Darsteller Julie Christie, Gordon Pinsent: Triumph des kanadischen Kinos
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Darsteller Julie Christie, Gordon Pinsent: Triumph des kanadischen Kinos

Doch die Symptome treten immer massiver auf, Fiona selbst drängt schließlich auf eine medizinische Diagnose. Das Ergebnis der Untersuchung: Sie leidet an einer Form von Demenz, die unaufhaltsam ihr Erinnerungsvermögen auslöscht. Hatte Fiona anfangs noch halb im Scherz die Wohnung mit Klebezettelchen gepflastert, auf denen sie den Dingen ihre richtigen Bezeichnungen zuordnete, zeigt sie nun bittere Konsequenz: Gegen den Widerstand Grants besteht sie darauf, in ein Pflegeheim zu ziehen.

Fiona wählt die moderne Anlage Meadowlake, die von der pragmatischen Madeleine Montpellier (Wendy Crewson) geleitet wird. Am Tag ihrer Aufnahme lieben sich die Eheleute noch einmal in Fionas neuem Klinikzimmer, doch dann darf Grant entsprechend der Hauspolitik 30 Tage lang keinen Kontakt zu seiner Frau aufnehmen.

Als er einen Monat später voller Erwartung zurückkehrt, wirkt Fiona völlig entfremdet, sie widmet zudem ihre ganze Zuneigung dem ebenfalls demenzkranken Mitpatienten Aubrey (Michael Murphy). Vehement weigert sich Grant, die veränderte Persönlichkeit der Geliebten zu akzeptieren.

Souverän adaptiert die kanadische Starschauspielerin Sarah Polley für ihr Regiedebüt die Erzählung "Der Bär kletterte über den Berg" von Alice Munro. Ohne je die Mechanismen des tränenschwangeren Melodrams zu bemühen, schildert sie einen umso herzzerreißenderen Erkenntnisprozess: Erst mit Hilfe der Pflegerin Kristy (Kristin Thomson) und durch seine Bekanntschaft mit Aubreys ebenfalls schwer geprüfter Ehefrau Marian (Olympia Dukakis) gelingt es Grant, die Ohnmacht ob der eigenen Verlassenheit zu überwinden. Wie er dabei allmählich begreift, dass der größte Beweis seiner Liebe zu Fiona noch aussteht, gehört zum Aufrichtigsten, was in den letzten Jahren in Sachen Herzensbildung im Kino zu sehen war.

Poesie statt Pathologie

Deshalb wäre es auch unverzeihlich, wenn Zuschauer "Away From Her" – so der sinnigere, völlig entgegengesetzte Originaltitel – aufgrund einer fehlgeleiteten öffentlichen Wahrnehmung meiden würden. So ist es sicher gut gemeint, wenn anlässlich des Filmstarts Diskussionen zum Thema Alzheimer veranstaltet werden. Problematisch ist aber die damit verbundene Reduktion des Dramas auf die Krankheit seiner Heldin. Eine große deutsche Ersatzkasse bot ihren Mitgliedern gar Rabatt auf die Eintrittskarten: Kino auf Krankenschein, eigentlich eine prima Sache, aber leider eher abschreckend für ein Publikum unter 60.

Das großartige Ensemble verdient nämlich, von allen Generationen gesehen zu werden. Allen voran Julie Christie, die sich für eine ihrer schönsten Rollen aus dem Teilzeitruhestand zurückmeldet, und die kanadische Filmikone Gordon Pinsent, gegen dessen unaufgeregte Präsenz etliche überschätzte Hollywoodstars wie Soapdarsteller wirken.

Überhaupt ist "An ihrer Seite" ein stiller, aber nachhaltiger Triumph des kanadischen Kinos, das trotz aller Probleme am Prinzip der kulturellen Filmförderung festhält. Auch nach ihrem internationalen Durchbruch als Schauspielerin ist Sarah Polley immer wieder für vermeintlich kleine Projekte in ihr Heimatland zurückgekehrt, hat sich öffentlich für die experimentierfreudige Independentkultur des Canadian Cinema eingesetzt.

Ohnehin macht die politisch aktive Künstlerin nie einen Hehl aus ihren Überzeugungen. Bereits als Kinderdarstellerin landete sie wegen Tragen eines Peace-Buttons auf der schwarzen Liste eines amerikanischen Senders. Auch in "An Ihrer Seite" erlaubt sie sich eine Spitze gegen den übermächtigen Nachbarn im Süden: In einer Szene sieht Fiona im Pflegeheim die Fernsehbilder aus dem Irakkrieg, woraufhin die Alzheimerkranke fassungslos bemerkt: "Wie konnten sie Vietnam vergessen?"

So weicht die Pathologie der Kritik - und der Poesie in diesem wunderbaren Film. Er wird, daran besteht kein Zweifel, im Gedächtnis bleiben.

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