Filmdrama "Lemming" Zernagtes Glück

Dominik Moll lotet mit "Lemming" die Untiefen einer scheinbar perfekten Ehe aus: Was mit einem verstopften Abflussrohr beginnt, weitet sich zu einem Sog unterdrückter Phantasien aus. Das subtile Psychodrama eröffnete im vergangenen Jahr die Filmfestspiele in Cannes.

Von Jenny Hoch


Der Mistral bläst Unheil verkündend, als der smarte Ingenieur Alain Getty (Laurent Lucas) abends in sein schmuckes Eigenheim in bester südfranzösischer Hanglage fährt. Drinnen köchelt ein Ragout auf kleiner Flamme, während Alains schöne Frau Bénédicte (Charlotte Gainsbourg) den Salat wäscht. Es herrscht heitere Gelassenheit im Hause Getty, fast scheint es, als könnte nichts das junge Glück trüben. Doch dann mehren sich die Menetekel: Der Abfluss des Waschbeckens ist verstopft, Luftblasen tauchen aus der Tiefe der Kanalisation empor. Als dann auch noch ein gemeinsames Dinner mit Alains Chef und dessen Gattin zum Desaster gerät, weil das alternde Paar seinen zermürbenden Ehekrach ungehemmt vor den entsetzten Augen der Gastgeber austrägt, bekommt die harmonische Beziehung erste Risse.

Noch in derselben Nacht zieht Alain einen Lemming aus dem Abfluss - und mit dem Nager schleichen sich Lüge und Misstrauen in das Leben des Musterpaares. Keinen geringen Anteil an der schleichenden Entfremdung der beiden hat Alice, die exzentrische Ehefrau von Alains Vorgesetzten Richard Pollock (André Dussolier). Charlotte Rampling spielt diese Alice mit der ihr eigenen wunderbaren Mischung aus dämonischer Spröde und melancholischer Verletzlichkeit. Schon beim Abendessen, als sie ihrem Mann aus Wut über dessen sexuelle Eskapaden ein Glas Wein ins Gesicht schüttet, stellt sie dem jungen Paar die entscheidende Frage: "Haben Sie keine Angst vor dem Tag, an dem es weniger gut gehen wird?"

Eine Antwort darauf haben weder Alain, noch Bénédicte. Alain wiegt sich als sympathischer Tüftler und Erfinder einer fliegenden Überwachungskamera in der Illusion, Glück bestünde darin, Kontrolle über das Leben zu haben. Und die stille Bénédicte, die Charlotte Gainsbourg mit zarter Intensität spielt, war bisher mit ihrem Dasein als Hausfrau zufrieden.

Invasion der Selbstmörder

Doch Alice lässt nicht locker. Am folgenden Tag versucht sie, den arglosen Angestellten ihres Mannes zu verführen. anschließend taucht sie bei Bénédicte auf, sät Zweifel an der Treue Alains und erschießt sich schließlich im Gästezimmer der Gettys. Als Bénédicte in die erloschenen Augen der Toten blickt, scheint eine seltsame Identitätsverschiebung stattzufinden. Die junge Frau verhält sich plötzlich launisch und aggressiv und beginnt ein Verhältnis mit dem charmanten Witwer (André Dussolier), der über den Selbstmord seiner Ehefrau gar nicht traurig zu sein scheint.

Alains festgefügte Welt gerät aus den Fugen. Emblematische Szene: ein Heer von Lemmingen, die in das Haus des Paares einfallen, Vorboten des noch kommenden Unheils. Handelt es sich um Einbildung oder Realität? Molls Inszenierung lässt die Frage bewusst offen. Die anfangs so deutlich definierten Konturen von Bénédictes Persönlichkeit jedenfalls verschwimmen mehr und mehr. Ist sie immer noch die zuverlässige Gattin, oder hat Alice, leidenschaftlich und selbstzerstörerisch, von ihr Besitz ergriffen?

Teuflisch einfach - einfach teuflisch

Gerade diese Mischung aus Psycho-Thriller und Seelenwanderungsgeschichte macht "Lemming", der im vergangenen Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnete, so außergewöhnlich. Das Eindringen des Fremden und Bedrohlichen in eine heile Welt inszeniert der deutsch-französische Regisseur als albtraumhafte Reise ins Ich. Jede einzelne der sorgfältig komponierten Einstellungen ist mit Bedeutung aufgeladen. Dennoch wirkt der Film trotz seines aufreizend langsamen Erzähltempos niemals schwerfällig.

Lemminge begingen bei Überpopulation Massenselbstmord, heißt es. Als Bénédicte von diesem Mythos hört, versteht sie das als schicksalhaftes Zeichen. Geschickt manipuliert sie ihren Mann, bis dieser zur Wiederherstellung des status quo zum Äußersten bereit ist.

Am Ende lässt der Regisseur Ruhe einkehren in den Seelenhaushalt seiner Figuren, präsentiert für all die merkwürdigen Geschehnisse teuflisch einfache Lösungen. Wie nach einem reinigenden Gewitter erstrahlt das wohlgeordnete bürgerliche Leben in frischem Glanz. Ein paar Blessuren zeugen noch vom Sturz in die Abgründe der Seele, doch auch sie werden bald verblasst sein. Beunruhigend ist nur die Gewissheit: Der Lemming ist in uns.



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