Filmdrama "Wiedersehen mit Brideshead" Legende ohne Leidenschaft

Blass und nobel wie seine Charaktere ist dieser Film - aber auch völlig mutlos. Die lang erwartete Kinofassung von Evelyn Waughs Jahrhundertroman "Wiedersehen mit Brideshead" ist viel zu vorsichtig, um selbst ein Klassiker zu werden.

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Julian Jarrold gebührt größter Respekt. Sich als Regisseur an eine Verfilmung von Evelyn Waughs Roman "Wiedersehen mit Brideshead" zu wagen, kommt in etwa dem Vorhaben gleich, sich eine Zielscheibe auf die Stirn zu malen und dann zu rufen: "Feuer frei!"

Waughs Buch von 1945 über die romantischen und religiösen Nöte einer katholischen Adelsfamilie ist in Großbritannien so etwas wie ein nationaler Schatz – von einer ergebenen Fangemeinde verehrt, die keine Schändung ihrer Bibel duldet.

Die epische und bewundernswert werktreue elfteilige TV-Serie von 1982 mit Jeremy Irons hat die Begeisterung dann auch noch zu einem internationalen Phänomen gemacht. Jeder, der seinerzeit gebannt vorm Bildschirm klebte, wird einem Versuch, diese Geschichte in kinokonformen zwei Stunden zu erzählen, mit Misstrauen gegenüber stehen.

Und so merkt man diesem Film auch an, wie viel Angst das Team um Regisseur Jarrold ("Geliebte Jane") hatte, die Fans zu enttäuschen. Es regiert größtmögliche Vorsicht. Als Kulisse dient wieder genau das Schloss, das auch schon in der Serie das Brideshead-Anwesen darstellte, es wurde mit Emma Thompson, Matthew Goode, Michael Gambon und Ben Whishaw wieder ein exquisites Schauspieler-Ensemble verpflichtet, und auf größere Auslassungen in der Handlung wurde lieber verzichtet, hier und da wurde nur ein bisschen umgestellt und neu geordnet.

Erzählt wird die Geschichte, die zwischen den beiden Weltkriegen spielt, immer noch aus der Perspektive des jungen Malers Charles Ryder (Goode) aus der Londoner Mittelschicht, der in Oxford den lebensfrohen aber labilen Aristokratensohn Sebastian Flyte (Whishaw) kennen lernt und so etwas wie eine "romantische Freundschaft" mit ihm beginnt (in Buch und Serie bedeutete dies eine legendär unterschwellige Homoerotik, im Film gibt es sogar einen zaghaften Kuss zu sehen).

Charles wird eingeführt in die adlige Welt auf Schloss Brideshead, in der Sebastians Mutter, die erzkatholische Lady Marchmain (Thompson), ihr kompromissloses Regiment mit nahezu brutaler Frömmigkeit führt – worunter Sebastian ähnlich leidet wie seine Schwester Julia (Haley Atwell), mit der Charles später weit mehr als nur eine romantische Freundschaft eingehen wird. Über Jahre hinweg entfaltet sich eine überaus wechselhafte Beziehung des Agnostikers Charles zum hochreligiösen Marchmain-Clan, eine wachsende Faszination seitens Charles für diese undurchdringliche Welt, deren Teil er so gerne wäre, aber unmöglich sein kann.

Wobei es "entfalten" im Fall der Kinoversion nicht wirklich trifft, denn Regisseur Jarrold hetzt eher durch die diversen Handlungsstationen, ohne den Protagonisten viel Raum zur Ruhe oder gar Reflexion zu gönnen.

Komplexe Nebenfiguren wie der stotternde Dandy Anthony Blanche werden zu Stichwortgebern, die nur um des Auftauchens willen auftauchen, das Thema Religiosität – bei Waugh das zentrale Motiv überhaupt – wird eher nebenbei und möglichst unkontrovers abgehandelt, und der hier im Mittelpunkt stehenden Dreiecksliebesgeschichte fehlt in der Hektik das letzte bisschen Leidenschaft.

Elegant und edel geht es natürlich trotzdem zu, und die kühle Welt des englischen Adels fängt Jarrold auch mit präzisen Bildern ein. Zudem bieten allein die hervorragenden Schauspieler, besonders Goode und Thompson, guten Grund ins Kino zu gehen.

Doch auch eine sehenswerte Enttäuschung bleibt eine Enttäuschung. "Wiedersehen mit Brideshead" in der Fassung von Julian Jarrold ist ein vorsichtiger Film, der niemandem weh tun will, nobel und blass, ein angenehmer Zeitvertreib, aber kein wichtiges Werk.

Eine Fußnote, kein Klassiker.



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