Filmdrama "Yella": Zombies beim Zocken

Von

In seinem exzellenten Ostwest-Drama "Yella" zeichnet Christian Petzold den geisterhaft unkörperlichen Kapitalstrom im Land nach. Ein abstrakter Horrorfilm, der durch Nina Hoss zur sinnlichen Erfahrung wird.

Wer steigt schon in Wittenberge aus? Niemand, der einen Job hat, betritt freiwillig dieses abgewickelte Industriestädtchen im nahen Osten, das man mit dem Intercity auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg durchquert. Yella (Nina Hoss) scheint tatsächlich die einzige zu sein, die am gespenstisch verwaisten Bahnhof den Zug verlässt.

Die junge Frau schaut eigentlich auch nur kurz vorbei, um sich zu verabschieden. Sie hat eine Anstellung in Hannover in Aussicht. Im Zug hat sie sich zuvor noch das Business-Kostüm ausgezogen und ist in Jeans und T-Shirt geschlüpft. Sie will nicht auffallen.

Aber natürlich erkennt man in Wittenberge sofort, dass Yella nicht mehr dazugehört. Am Bahnhof wird sie von ihrem Ex-Mann (Hinnerk Schönemann) abgefangen; sie schreitet zügig mit geradem Blick voraus, er bleibt ihr unangenehm im Nacken und raunt: "Du hast einen Job. Ich kann das daran sehen, wie du läufst." Es ist ein bisschen wie in einem Zombie-Film, in dem die Lebenden tunlichst jeden Kontakt mit den Untoten vermeiden, um nicht in deren Zwischenreich hinabgezogen zu werden. Der Horror liegt in der Nähe, die nur böse enden kann.

Und so lässt sich fatalerweise auch Yella auf ein letztes Gespräch mit ihrem Ex-Mann ein, mit dem sie nicht nur die einstige Liebe verbindet, sondern auch noch ein zu tilgender Kredit, den man einst für den pleite gegangenen Betrieb aufgenommen hat. Der Aufbau Ost war hier ein Beziehungsanliegen, der geschäftliche Bankrott führte direkt ins Scheitern der Liebe. Oder umgekehrt. Yella will dieses Sterben und Siechen jedenfalls hinter sich lassen, ihr Ex-Mann aber versucht, sie zurückholen in seine Twilight Zone. Er lenkt seinen Wagen von der Brücke in die Elbe, das Auto geht unter. Der Film dauert kaum 15 Minuten, da sind die Hauptpersonen allem Augenschein nach schon tot.

Böse Geister ruhen nicht

Regisseur Christian Petzold hat mit "Yella" schon wieder einen Film über Gespenster gedreht, er ist so was wie der subtilste Horrorfilmer der Berliner Republik. In seinem Kinodebüt "Die innere Sicherheit" aus dem Jahr 2000 folgte er einem ehemaligen Terroristenpärchen samt gemeinsamer Tochter auf der Flucht über deutsche Autobahnen und Raststätten. Auch das war eine Art Zombiedrama: Es zeichnete die Terrorzelle als Familienzelle, die ohne Verifizierung der eigenen Existenz durch die BRD zog. Lebten die noch oder waren die schon tot? Wie aktuell der Film noch immer ist, zeigt sich an den RAF-Beschwörungen dieser Tage. Die bösen Geister ruhen nicht.

Auch Petzolds letzter Kinofilm von 2005, konsequenterweise gleich "Gespenster" betitelt, handelte von den Phantomen der Berliner Republik: Zwei junge Frauen ohne Geschichte geisterten durch die Hochhausschluchten am Potsdamer Platz und konstruierten sich ihre Identitäten so wie die Stadtplaner Berlins dem historischen Zentrum eine Scheinidentität aufgedrückt haben. "Gespenster", das waren Menschen ohne Mitte in einer Stadt ohne Mitte.

So leise, so kunstvoll verdichtet und so wenig authentizitätsheischend seine Filme auch daherkommen - Petzold fängt in ihnen doch stets die nervösen Schwingungen im Land ein wie kaum ein zweiter. In seinem somnambulen Ostwest-Drama "Yella" zeichnet er nun den geisterhaft unkörperlichen Kapitalstrom nach.

Denn seine Titelheldin entsteigt nach dem Autounfall pudelnass und gespenstisch blass der Elbe und setzt sich in den Zug nach Hannover. Doch der versprochene Arbeitsplatz erweist sich als Lüge; der vermeintliche Arbeitgeber ist längst schon pleite und darf sein eigenes Unternehmen nicht mehr betreten. Also geistert die Untote am Stadtrand von Hannover rum, wo man Glas- und Stahlbauten hochgezogen hat, in denen weder das Leben noch die Geschäfte so richtig zu gedeihen scheinen.

Liebe in der postindustriellen Ödnis

Erstaunlich, wie Petzold seine Handlung von den Ruinen des Aufbaus Ost in die verwaisten Wohlstandszonen des Westens vorantreibt, ohne dass man dabei eine atmosphärische Veränderung spürt. Die postindustrielle Ödnis Wittenberges und die Menschenleere auf dem Hannoveraner Expo-Gelände - sie wirken so unwirtlich wie unwirklich.

Und doch findet Yella gerade hier Anschluss ans große Geschäft. Im Hotel lernt sie den Risikokapitalmanager Philipp (Devid Striesow) kennen, der ihr die Stelle der Assistentin anbietet. Bei Verhandlungen - und zusehends auch nach Feierabend - verschmelzen die beiden zur perfekten Einheit, welche die Posen der anderen Partei mit souveränem Gegengebaren kontert. Einmal halten die beiden verschwörerisch die Köpfe zusammen, ohne dabei irgendwas zu sagen - und bringen so die Kontrahenten ins Schwitzen: Zombies beim Zocken.

Die Verhandlungsszenen erinnern stark an die kluge Finanzdienstleisterstudie "Nicht ohne Risiko" des Doku-Altmeisters Harun Farocki, der für Petzolds neuen Film ein weiteres Mal als dramaturgischer Berater fungierte. So entwickelt sich auch "Yella" zur Beschwörung einer neuen Körperlichkeit im ansonsten ganz und gar unkörperlich anmutenden Bereich des Risikokapitalmanagements.

Undurchdringliche Mysterien

Wie bewegt Geld unsere Körper? Auf welche Weise simuliert man physisch finanzielle Potenz? Und wie lässt sich das Gebärdenrepertoire des neuen Marktes unterwandern? Das sind die Fragen, die Petzold dazu treiben, sinnlich in einen gesellschaftlichen Bereich einzutauchen, der oft als unsinnlich abgetan wird. Kapitalismus ist ein gefährliches und undurchdringliches Mysterium. Mancher sagt Raubtier dazu. Man kann sich ihm nur nähern, wenn man alle Sinne in Alarmbereitschaft hält.

Bei diesem gewagten Unterfangen setzt Regisseur Petzold ganz und gar auf seine Hauptdarstellerin Nina Hoss, mit der er nun schon zum dritten Mal zusammen arbeitet und die für "Yella" zu Recht mit dem Silbernen Bären geehrt wurde. Wie einst Tippi Hedren in Hitchcocks Kleptomaninnenporträt "Marnie" streift sie hier das Businesskostüm auf und ab wie eine zweite Haut. Ein Phantom, dessen die Männer nicht wirklich habhaft werden können. Wer diese Yella genau ist und was sie treibt, wird bis zum Ende nicht ganz ersichtlich.

So verwandelt Hoss das Melodram in einen wundervollen Mystery-Thriller über zwei der geheimnisvollsten Dinge des Lebens: Liebe und Geld.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
"Yella": Weibliche Phantome, männliche Raubtiere