Filme zum Arabischen Frühling: Wenn Männer weinen

Von Jörg Schöning

Welche Bilder bleiben von der arabischen Revolution? Ein Berlinale-Schwerpunkt zeigt Menschen am Rande der Umsturzbewegungen zwischen Kairo, Saana und der West-Sahara - und bietet bewegende Filme, die sogar Männer im Kinosaal zu Tränen rühren.

Berlinale-Fokus Arabien: Filme eines Frühlings Fotos
Berlinale

"The revolution will be televised" sangen vor einigen Jahren die britischen Rocker The Wildhearts. Sie dementierten damit einen Klassiker des politischen Pop. Ende der Sechziger hatte der frühe Hip-Hopper Gil Scott-Heron nämlich das glatte Gegenteil behauptet. Er sah die Träger des politischen und sozialen Protests von den Medien hoffnungslos abgeschnitten: "The revolution will not be televised/you will not be able to plug in …" lauten Zeilen seines engagierten Sprechgesangs, mit dem er die schwarzen Massen Amerikas aufrütteln und von der Fernsehcouch jagen wollte.

Inzwischen sind die sozialen Bewegungen überall auf der Welt so gut vernetzt, dass ihre Bilder ganze Programme füllen. Längst fügen sich Revolutionen - wie im vergangenen Jahr auf dem Tahrir-Platz in Kairo - in unsere Gesellschaft des Spektakels ein.

Ein Welt-Tam-Tam wie die Berlinale ist dadurch herausgefordert. Sind das Kino und seine Filme in Anbetracht dieses Bilderstroms überhaupt noch von Bedeutung? Warum soll ich für den Sturm auf die Bastille oder das Winterpalais eine Kinokarte erstehen, wenn ich den Sturz Mubaraks live geboten bekomme - im Fernsehen, auf Facebook und Twitter? Zu Haus auf der Couch? Auf meinem Tablet?

Dem Arabischen Frühling ist deshalb auf der Berlinale ein "Fokus" gewidmet. Unter dem Motto "From and About the Arab World" gibt es Dokumentationen, Spielfilme und Podiumsdiskussionen in fast sämtlichen Sektionen. Dabei geht es nicht nur um "Aufstand" und "Engagement", sondern auch um "Poetry", wie es in einer Debattenankündigung des "World Cinema Fund" heißt. Die entscheidende Frage lautet demnach: Was hat das in persönlicher Autorenschaft geschaffene Werk der spontanen Bildreportage voraus?

Kameraschwenks und die Rufe "al-Qaida!"

Was die rohen Bilder vom Tahrir-Platz an Emotionen auslösen können, war während der Berlinale unmittelbar mitzuerleben. Als sie bei der Diskussionsveranstaltung unter dem Titel "Cairo: the City, the Images, the Archive" auf den Monitoren eingeblendet wurden, brachen im Publikum, aber auch auf dem Panel, erwachsene arabische Männer in Tränen aus. Manche hatten die Gewalt gegen die Demonstranten am eigenen Leibe erlebt. Andere hatten dort Freunde oder Verwandte verloren.

Bilder wie diese gibt es auch in "The Reluctant Revolutionary", einem Dokumentarfilm des Briten Sean McAllister. Er ist in den Jemen gereist, weil er von einem Reiseführer gehört hatte, der Touristen durch Aufstandsgebiete kutschiert. "Mein Filme handeln immer von bestimmten Menschen", sagt McAllister dazu. Sein jüngster sieht am Anfang eher aus wie ein Videospiel: eine Straße in den Bergen, von Gesteinsbrocken übersät; für Autos gibt es hier kein Weiterkommen. Stattdessen hektische Kameraschwenks und die Rufe "al-Qaida!". Als Zuschauer denkt man bloß noch: Wie komm' ich hier raus?

Kais heißt der Touristenführer. Seine Frau ist schwanger und lebt von ihm getrennt, er selbst ist vom Khat-Kauen ganz schön bedröhnt. Mit einem Hotel ist er Pleite gegangen, und die Schuld daran gibt er den Gegnern des Diktators Ali Abdullah Saleh. Zu deren Protestkundgebungen führt er den Filmemacher darum mit sehr gemischten Gefühlen. Und das ist McAllisters Kniff. So wie der Regisseur den Reiseführer dazu zwingt, eine Position einzunehmen, kann gemeinsam mit dem "zögerlichen Revolutionär" auch der Kinozuschauer zu einer Haltung finden.

Die ist in "Words of Witness" von Anfang an gegeben. Die US-amerikanische Regisseurin Mai Iskander porträtiert eine junge ägyptische Bloggerin, Heba Afify. Nach atemlos kommentierten Bildern vom Tahrir nimmt man mit ihr auf der Wohnzimmercouch Platz. Während lebhafter Diskussionen mit ihrer Mutter, die sie von der Notwendigkeit ihrer politisch engagierten Augenzeugenberichte erst noch überzeugen muss, wird emsig geposted. Erst recht, als sie der Mutter beigebracht hat, was sich mit dem "Share"-Button so alles anstellen lässt. Das private Ausmaß des politischen Umbruchs wird klar, wenn auf der Benutzeroberfläche die Anzeige einer Heiratsvermittlung aufpoppt: "Find a Muslim Husband", steht plötzlich da.

Die Nebenfrauen klagen lachend

Als Journalistin schreibt Heba Afify inzwischen sogar für die "New York Times". Sie hat sich eine Unabhängigkeit erstritten, von der die allermeisten Frauen in Ägypten nur träumen können. Die in London geborene Filmemacherin Hanan Abdalla lässt vier von ihnen aus ihrem Leben erzählen - und kann sie in ihrer sprunghaften Montage "In the Shadow of a Man", in der sich voll verschleierte "Nebenfrauen" in ihren Klagen über die Männer lachend zu übertreffen versuchen, dem Publikum doch nicht wirklich nahe bringen.

"Wir leben nicht im Schatten der Männer", erklärte bei der Premiere des Spielfilms "Wilaya" eine der vom Publikum begeistert gefeierten Darstellerinnen. "Wilaya" hat der spanische Regisseur Pedro Pérez Rosado in einem Flüchtlingscamp in der Sahara gedreht, in dem seit Jahrzehnten Angehörige der Sahraui, einer maurischen Volksgruppe, leben. Das mitreißende Roadmovie erzählt von der Rückkehr einer jungen Frau aus Spanien, das hier früher Kolonialmacht war, an den Ort ihrer Kindheit - und offenbart den brisanten, völkerrechtlich ungeklärten Status einer ethnischen Minderheit.

Was "Wilaya" zeigt, ist völlig unspektakulär. Doch nur, indem es das Kino ermöglicht, sich 90 Minuten lang auf Schicksale zu konzentrieren, können diese im Zuschauer Spuren hinterlassen und Interesse für politischen Background wecken. Genau das leistet auch der vom spanischen Schauspieler Javier Bardem produzierte Dokumentarfilm "Hijos de las nubes, La última colonia" (Sons of the Clouds, The Last Colony). Er vertritt die These, dass der Arabische Frühling in der von Marokko annektierten West-Sahara seinen Anfang nahm: in den Lagern, in denen Militanz und Verzweiflung gedeihen. Javier Bardem (zuletzt mit "Biutiful" in den Kinos) engagiert sich seit 2008 mit vollem Herzen für die Sache der Sahraui. Am Donnerstag kommt er mit "Hijos de las nubes" nach Berlin.

Auch Jordanien liegt eher am Rand der Aufmerksamkeit. "Al Juma Al Akheira" (The Last Friday), der Film des inzwischen in Paris lebenden Regisseurs Yahya Alabdallah, spielt in Amman. Hauptperson ist ein geschiedener Taxifahrer, der für eine Operation dringend Geld benötigt. Es ist ein schöner, ruhiger, lethargischer Film über einen lethargischen Mann. Er spielt fern vom Tahrir, in einer friedlichen Stadt. Einmal aber führt der Film in einen Kiosk, in dem ein Transistorradio läuft. Ein Nachrichtensprecher verkündet, dass es Demonstrationen gegeben hat. Der König habe sich mit Kritikern getroffen.

Manchmal fängt es ja ganz leise im Radio an.

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