Begründer des Essayfilms Filmemacher Chris Marker ist tot

Sein Kurzfilm "La Jetée" diente als Vorbild für Terry Gilliams "12 Monkeys": Auch wenn die Werke des Franzosen Chris Marker keine leichte Kost waren, zählten ihn Kritiker zu den wichtigsten Filmemachern. Nun ist der Linke, Avantgardist und Katzenfreund gestorben, er wurde 91 Jahre alt.

Hier nicht als Katze verkleidet: Ein seltenes Foto von Chris Marker (rechts)
AFP/ The Picture Desk/ The Kobal Collection

Hier nicht als Katze verkleidet: Ein seltenes Foto von Chris Marker (rechts)


Obsessiv habe er den menschlichen Blick erforscht, über ihn meditiert, ihn erhaschen wollen, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" zu seinem 90. Geburtstag. Ein Blick, ein Augenaufschlag bestimmt auch die wohl berühmteste Einstellung, die der französische Filmemacher Chris Marker je gedreht hat: In dem Film "Am Rande des Rollfelds", der ansonsten aus einer Reihe von Fotos besteht, begleitet von einem erzählenden Off-Kommentar, kommt plötzlich ein bewegtes Bild - eine Schlafende öffnet die Augen. "Es war ein Wunder, als ob man in einem Moment die Revolution sähe und fühlte, durch die aus Bildern Film wurde", beschrieb der renommierte Filmkritiker David Thomson diesen Augenblick.

In diesem Science-Fiction-Film "Am Rande des Rollfelds" (Originaltitel "La Jetée", 1962) wird der Protagonist Opfer wissenschaftlicher Experimente, die ihn sowohl in die Vergangenheit als auch Zukunft blicken lassen. Die Geschichte nahm Terry Gilliam ausdrücklich als Vorbild für "12 Monkeys", in dem er 1995 Bruce Willis auf Zeitreise schickte. Dieses Quasi-Remake erneuerte den internationalen Ruhm von Chris Marker, der in seinen Filmen die Entwicklung der Welt dokumentierte, sich beschäftigte mit Fragen der Wahrnehmung und der Subjektivität des Gedächtnisses.

Marker wurde am 29. Juli 1921 als Christian-François Bouche-Villeneuve in dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geboren - so geben es zumindest die meisten Quellen an. Er selbst bestand gelegentlich darauf, in Ulan Bator auf die Welt gekommen zu sein. Doch um seine Persönlichkeit wollte er wenig Aufhebens machen, er gab kaum Interviews und ließ sich nur selten fotografieren - statt seines Gesichts zeigte er lieber Katzenbilder.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann der ehemalige Philosophiestudent Filme zu drehen und nahm das amerikanisch klingende Pseudonym Chris Marker an - nach dem Filzstift Magic Marker und anfangs mít einem Punkt nach dem Vornamen geschrieben. Er gab für einen Pariser Verlag die Reisebuch-Reihe "Petite Planète" heraus und begann, ursprünglich als Journalist, mit dem Medium Film zu arbeiten. Mit seinem Freund Alain Resnais drehte Marker 1953 "Les statues meurent aussi" (etwa: Auch Statuen sterben), einen Film über den Kunstraub der Europäer in Afrika.

In Kuba ("Cuba Si"), Sibirien ("Lettre de Sibèrie"), China ("Dimanche à Pekin") dokumentierte er den gesellschaftlichen Wandel; bei der Berlinale 1961 bekam Marker den Goldenen Bären für den besten Dokumentarfilm für seinen Israel-Film "Beschreibung eines Kampfes". Darin präsentierte Marker "eine neuartige, dem Essay verwandte Form des Dokumentarfilms", wie DER SPIEGEL seinerzeit schrieb und den "gescheiten Humor" und die "kühle Polemik" des Werkes lobte.

Rund um das Schlüsseljahr 1968 herum nahm Chris Marker noch dezidierter als zuvor linke politische Positionen ein. Zusammen mit Kollegen wie Claude Lelouch, Agnès Varda oder Jean-Luc Godard drehte er den Kollektivfilm "Fern von Vietnam". 1977 zog er Bilanz über die revolutionären Tage mit dem umfangreichen Film "Le fond de l'air est rouge" (deutscher Titel: "Rot ist die blaue Luft"). Zeitweilig galt Marker als "der verbotenste Filmemacher Frankreichs" ("Tagesspiegel").

In "Sans soleil" (deutsch: "Unsichtbare Sonne", 1983), einem seiner berühmtesten Reise- und Essayfilme, konfrontiert er fremde Welten mit unserer westlichen Lebensweise; es ist eine Hommage an die Vulkanlandschaften Islands ebenso wie an Hitchcocks "Vertigo". Über die Filmemacher Andrej Tarkowski und Akira Kurosawa drehte Marker ambitionierte Dokumentationen, auch dem russischen Kinozug des Alexander Medwekin aus den dreißiger Jahren setzte er ein filmisches Denkmal.

Bis zuletzt bewies Chris Marker seine Aufgeschlossenheit für neue Formen und neue Medien. So präsentierte er schon 1998 die CD-ROM "Immemory" und ließ seine Katze Guillaume in der virtuellen Welt "Second Life" seine Werke zeigen.

Am Sonntag starb Chris Marker, an seinem 91. Geburtstag, wie das französische Kulturministerium am Montag bestätigte. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk, nicht nur als Regisseur, sondern auch als Schriftsteller und Fotograf.

feb/dpa



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