Filmemacher Danny Boyle "Regisseure kehren nie ins Weltall zurück"

Mit "Sunshine" versucht Regisseur Danny Boyle ("Trainspotting") dem Science-Fiction-Film neues Leben einzuhauchen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Brite über den Schatten von Ridley Scott und die Hybris der Wissenschaft.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Boyle, ist es überhaupt noch möglich, einen originellen Science-Fiction-Film zu drehen?

Boyle: Es ist extrem schwierig. Ich konnte förmlich spüren, wie sich die Schatten von Kubrick, Ridley Scott und Andrej Tarkovskij über unsere Meetings legten. So etwas ist mir noch in keinem anderen Genre passiert. Aber wenn du Hardcore-Science-Fiction machst, die sich eher auf die Nasa als auf "Krieg der Sterne" beruft, dann bist du mit den gleichen Fragen konfrontiert wie die Filmemacher vor dir: Welche Form hat das Raumschiff? Wie sieht ein Helm aus? Dein Dilemma ist: Einerseits soll alles wissenschaftlich halbwegs plausibel sein, andererseits willst du etwas künstlerisch Neuartiges versuchen.

Regisseur Boyle: "Bewusste Hommage an Ridley Scott"
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Regisseur Boyle: "Bewusste Hommage an Ridley Scott"

SPIEGEL ONLINE: Warum ließen Sie sich auf ein Projekt ein, das kaum neue Akzente erlaubt?

Boyle: Wenn du eine Geschichte magst, dann stürzt du dich erstmal hinein, ohne lange zu überlegen. Sobald du anfängst, gründlich nachzudenken, kannst du dir alles ausreden. Außerdem hatte "Sunshine" einen großen Vorteil: Vor uns hatte keiner ernsthaft eine Reise zur Sonne gezeigt. Da gab es also genügend Potenzial, um uns von unseren Vorgängern abzuheben.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch wirkt Ihr Film über weite Strecken wie ein Sammelsurium bekannter Genremotive.

Boyle: Klar, denn diese Art von Science-Fiction lässt sich fast immer auf folgende Formel reduzieren: Ein Raumschiff mit einer Mission erhält ein Signal, das es von seinem ursprünglich Kurs ablenkt. Allerdings verweigern wir uns den Klischees eines Katastrophenfilms. Normalerweise hätten wir immer wieder auf das Geschehen auf der Erde zurückschneiden müssen, um die Spannung zu steigern. Das machen wir erst ganz am Schluss. Die psychologische Situation der Charaktere auf dem Schiff war für uns viel wichtiger.

SPIEGEL ONLINE: Und warum erinnert der Look Ihres Films so stark an "Alien"?

Boyle: Das war zum einen eine ganz bewusste Hommage an Ridley Scott, gleichzeitig nutzten wir das für unsere eigenen konzeptionellen Zwecke. Für das Innere des Schiffes hatten wir eine ganz ähnliche Farbpalette – blau, grau, grün. Orange und gelb fehlen dagegen völlig. Denn auf diese Weise wird der Zuschauer völlig überwältigt, wenn er plötzlich mit den Bildern der Sonne konfrontiert wird. Es ist ein Gefühl, als würde man dich nach langem Wasserentzug in einen Pool werfen.

SPIEGEL ONLINE: Am Schluss regiert dann die pure Bilderflut, während sich die Handlungslogik eher auflöst.

Boyle: Weil sich eine Erfahrung in unmittelbarer Nähe der Sonne nicht mehr beschreiben lässt. Das mussten auch unsere wissenschaftlichen Berater zugeben. Sie sagten bloß: 'Zeit und Raum werden unzuverlässig.' Was heißt das? Wird alles erstarren? Werden wir uns in die Länge ziehen oder ganz flach werden? Bis eines Tages wirklich jemand zur Sonne fliegt, ist das Ganze ein Mysterium. Deshalb mussten wir daraus eine visuelle Erfahrung machen, die für verschiedenste Leute Verschiedenstes bedeutet. Der offensichtliche Vorläufer war "2001", aber wir haben nicht versucht, Stanley Kubrick zu kopieren, sondern nahmen uns nur seine visuelle Radikalität zum Vorbild.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das ins Esoterische driftende Ende des Films für Sie?

Boyle: Ich versprach den Schauspielern: Der Film handelt von der psychologischen Wirkung, wenn jemand der Quelle allen Lebens in unserem Solarsystem begegnet. Für manche Menschen ist es Gott, für die anderen eine naturwissenschaftliche Reaktion. Und ich konfrontiere die Arroganz der Wissenschaft, die glaubt, alles beeinflussen zu können, mit einer unbeschreiblichen Schönheit und Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Boyle: Wenn sich der Physiker am Schluss der Sonne gegenüberstellt, verbeugt er sich nicht, sondern begrüßt sie als gleichwertiger Partner. Daraus spricht einerseits eine unglaubliche Hybris, andererseits liegt in seiner Haltung eine Erlösung. Denn die Naturwissenschaft ist unsere Erlösung, wir haben uns auf ihren Pfad eingelassen, und daraus gibt es keinen Ausweg mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst bezeichneten sich als Atheisten. Hat dieser virtuelle Trip zur Sonne Ihre Einstellung zur Spiritualität verändert?

Boyle: Das nicht unbedingt. Aber wenn du versuchst, so ein überwältigendes Phänomen ansatzweise zu vermitteln, dann ist das schon auch eine spirituelle Erfahrung. Da wird etwas in dir angesprochen, was über pure Rationalität hinausgeht. Und das ist für jeden sehr heilsam.

SPIEGEL ONLINE: Gab es dabei auch Verzweiflungsmomente?

Boyle: Jeden Tag. Immer wieder befürchtete ich, dass wir diese Bilder nicht richtig hinbekommen. Wir hatten dafür 40 Millionen Dollar, die so aussehen sollten, als wären es 100. Im gewissen Sinne bin ich mit dem Film auch nicht wirklich fertig geworden. So ein Unterfangen ist nie zu Ende. Du kannst immer nur hoffen, dass du einen Teil deiner Vision umsetzen kannst, bevor man dich mit Gewalt davon wegzerrt.

SPIEGEL ONLINE: Dann bekommen wir von Ihnen also noch die ganz große Science-Fiction-Vision zu sehen?

Boyle: Regisseure kehren nie ins Weltall zurück. Es sei denn, sie sind zu einer Fortsetzung verpflichtet. Denn so ein Film fühlt sich an, als hättest du einen ganzes Leben daran gearbeitet. Ich bin derart erschöpft, dass ich keine Ahnung habe, was ich jetzt noch in diesem Genre machen sollte.

Das Interview führte Rüdiger Sturm



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