Filmemacher Joel und Ethan Coen "Einer muss auf der Strecke bleiben"

Unbarmherziger als Joel und Ethan Coen behandelt wohl niemand seine Filmfiguren. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sprechen die amerikanischen Regie-Brüder über ihre jüdische Herkunft - und erklären, warum in ihrem neuen Film "A Serious Man" ein Unschuldiger ins Unglück gestürzt wird.

Filmemacher Ethan, Joel Coen: "Wir malen ein Bild"
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Filmemacher Ethan, Joel Coen: "Wir malen ein Bild"


SPIEGEL ONLINE: Joel und Ethan Coen, "A Serious Man" spielt 1967 und erzählt von einer jüdischen Familie im Mittleren Westen der USA, die zerfällt, weil dem Vater Larry das Leben entgleitet: Die Frau läuft davon, der Job ist gefährdet, alles löst sich auf, und er sucht Trost und Rat in der Religion. Wie viel ist autobiografisch in Ihrem Film?

Ethan Coen: Nicht viel. Aber diese jüdische Gemeinde ist der Gemeinde, in der wir aufgewachsen sind, recht ähnlich.

Joel Coen: Damit keine Missverständnisse aufkommen: Nichts von dem, was in dem Film passiert, ist in irgendeiner Form autobiografisch. Das ganze Setting aber basiert auf unseren Kindheitserfahrungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in St. Louis Park aufgewachsen, einem sehr jüdisch geprägten Vorort von Minneapolis. Sind Sie religiös erzogen worden?

Joel Coen: Ja, wir mussten fünf Tage in der Woche nach dem normalen Unterricht zur Talmud-Tora-Schule, und wir haben dort auch Hebräisch gelernt. Freitags und samstags hatten wir frei. Sonntags ging es erst in die Synagoge und dann wieder zum Unterricht.

SPIEGEL ONLINE: War das nicht eine zu kleine Welt für Jugendliche?

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"A Serious Man": Gottverlassener Himmel

Ethan Coen: Nein, das war kein Ghetto. Viele unserer Freunde und Bekannten waren zwar ebenfalls Juden, aber das fühlte sich nicht wie eine Beschränkung an; es war einfach die Welt, in die wir hineingeboren wurden, also war es normal.

SPIEGEL ONLINE: So richtig religiöse oder tiefgläubige Menschen sind aus Ihnen offenbar nicht geworden, wenn man sich Ihre Filme anschaut.

Ethan Coen: Nein, gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht? Lässt es sich damit erklären, dass Sie sich indoktriniert fühlten?

Joel Coen: Da könnte etwas dran sein.

Ethan Coen: Wir haben aber nie bewusst rebelliert, Religion war einfach nie wirklich interessant.

Joel Coen: Viele, mit denen wir aufgewachsen sind und die dort noch leben, sind heute sicherlich in einer jüdischen Gemeinde. Aber wir gehörten zu den Leuten, die rauswollten aus dieser Kleinstadt im Mittleren Westen, weil sie nach einer größeren Welt Ausschau hielten. Als wir gingen, haben wir zwar nicht das Jüdischsein an sich zurückgelassen, aber sicherlich das Religiöse.

SPIEGEL ONLINE: Und warum kehren Sie mit "A Serious Man" ausgerechnet jetzt zurück in die Kleinstadt Ihrer Kindheit?

Ethan Coen: Weil wir in ein Alter kommen, in dem ein Nachdenken beginnt über die eigene Herkunft. Das setzt nicht mit Anfang zwanzig ein, wenn man die Kindheit gerade hinter sich hat. In Erinnerungen zu schwelgen ist ja ein fester Bestandteil des Alterungsprozesses: Je älter man wird, desto besser war es früher.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sentimental.

Ethan Coen: Tut es das? Nein. Oder doch? Ich weiß noch nicht einmal genau, wieso wir auf dieses Setting kamen. Man entwickelt eine Geschichte, und plötzlich schleicht sich so etwas automatisch hinein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei der Arbeit an diesem Film etwas über Ihr Jüdischsein gelernt, das Sie bisher noch nicht gekannt haben?

Ethan Coen: Nein, das war kein Selbsterfahrungstrip. Bei jedem Film lernt man hinzu, weil man immer wieder vor neue Probleme gestellt wird. Filme zu machen aber ist kein Weg, sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Joel Coen: Immerhin war es bizarr, an den Ort der eigenen Kindheit zurückzukehren, um dort einen Film zu machen. Dadurch verändert sich der Blick auf diesen Ort. Aber was man dabei lernt ...

Ethan Coen: ...man lernt, wie man den Film anders machen würde, wenn man ihn noch mal machen könnte!

Joel Coen: Oh ja, wenn ich damals gewusst hätte, was ich jetzt weiß ...

Ethan Coen: ... dann sähe alles ganz anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben über viele Jahre ein festes Darsteller-Ensemble aufgebaut, zu dem etwa Frances McDormand oder Steve Buscemi zählen. Warum haben Sie für "A Serious Man" fast ausschließlich Schauspieler verpflichtet, mit denen Sie noch nicht gedreht hatten?

Ethan Coen: Die Schauspieler aus unserem Ensemble passten ethnisch nicht so ganz. Das war aber auch schon bei "No Country for Old Men" so. Wir wollten bei "A Serious Man" keine Stars haben. Der Film sollte schmucklos sein, realistisch.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hauptfigur Larry Gopnik ist eine Hiob-artige Figur: Ihm widerfährt sehr viel Missliches in sehr kurzer Zeit, irgendwann möchte er von Gott wissen, womit er das verdient hat.

Ethan Coen: Der Hiob im Alten Testament ist ein Mann, dessen Glaubensfestigkeit von Gott getestet wird - darum geht es bei uns eigentlich nicht. Larry teilt zwar viele von Hiobs Sorgen und Nöten, aber im Grunde will er doch einfach nur sein altes Leben zurückhaben.

SPIEGEL ONLINE: Das ist in Ihrem Werk sehr selten der Fall. Die Figuren Ihrer früheren Filme waren immer von etwas getrieben, sie wollen Geld, Ruhm oder Macht, sie erpressen andere Leute; Larry will einfach, dass alles so bleibt, wie es war.

Joel Coen: Das stimmt. Vielleicht ist er am ehesten noch verwandt mit der Figur, den Billy Bob Thornton in "The Man Who Wasn' t There" spielt. Der ist ähnlich passiv. Aber dann wiederum hat Billy Bobs Figur eine ganz bestimmte Veränderung im Sinn und ergreift aktiv die Gelegenheit, sie herbeizuführen, als sie sich bietet. So gesehen ist Larry wirklich einzigartig in unserem bisherigen Personal.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte Larry auch mit dem Dude aus "The Big Lebowski" vergleichen, auch der will eigentlich nicht, dass sich irgend etwas verändert, aber er ist faul und ein Nichtsnutz: Ihn dafür mit Schicksalsschlägen zu bestrafen, hat also Sinn. Aber was um Himmels Willen hat Ihnen denn der arme Larry bloß getan?

Joel Coen: Völlig richtig, er ist ein total anständiger Kerl, insofern wird er tatsächlich völlig grundlos bestraft. Er hat weder gesündigt noch gegen irgendeine Regel verstoßen.

Ethan Coen: Die Leute mögen den Dude trotzdem lieber, sie lieben seinen lässigen Lebensstil. Niemand mag Larry.

Joel Coen: Stimmt. Larry ist eher verklemmt. Verklemmt und spießig.

SPIEGEL ONLINE: Ist das vielleicht sein Vergehen? In der revolutionären Zeit Ende der Sechziger ein Spießer zu sein?

Joel Coen: Nein, er wird wirklich ganz ohne Grund bestraft, es gibt hier keine Ursünde.

SPIEGEL ONLINE: Ist er also unschuldig?

Ethan Coen: Ja, ohne Frage.

Joel Coen: Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, ihm einen Makel anzuhängen, dann könnte man sagen, er gibt sich nicht genug Mühe, seine eigene Situation zu untersuchen. Aber in Wahrheit ist er total unschuldig.

SPIEGEL ONLINE: Larry will Antworten von Gott, er versucht alles, er fragt drei Rabbis um Rat, aber die verweigern ihm die erhoffte Hilfe. Die Religion, der Glaube, sie sind in Ihrem Film sehr grausam.

Ethan Coen: Ach, wir machen uns nicht so viele Gedanken über den Glauben. Insofern haben die Probleme, die Larry hat, weniger mit unserer Sicht auf Religion zu tun als mit seinen eigenen Defiziten. Er ist bei weitem nicht so gefestigt in seinen Ansichten wie wir, und genau das macht ihn hoffentlich interessant als Filmfigur.

Joel Coen: Wir erzählen ja nicht die Geschichte einer Erleuchtung. Larry findet seine Antworten nicht im Kontext organisierter Religion.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, er sollte eher woanders suchen? In den Verszeilen des Jefferson-Airplane-Songs "Somebody to Love" vielleicht, die der dritte Rabbi seinem Sohn Danny zitiert?

Ethan Joel: Ja, vielleicht suggeriert die Geschichte wirklich, dass es mehr bringt, Jefferson Airplane zu hören ...

Joel Coen: ... und dadurch mehr wie der Dude zu werden!

SPIEGEL ONLINE: Es gibt nur wenige Regisseure, die ihre Figuren so unerbittlich für ihre Gier und ihre Dummheit bestrafen wie Sie. Kennen Sie gar keine Gnade?

Ethan Coen: Auf keinen Fall empfinden wir Mitleid im herkömmlichen Sinne, wie für eine reale Person. Wir malen ein Bild und fragen uns: Was fühlt der Zuschauer beim Betrachten? Aber ich gebe zu, dies ist alles sehr kompliziert. Hier kommen viele schwierige Fragen zusammen: Wie steht das Publikum zur Figur, wie verhält sich die Figur zu einer wirklichen Person?

SPIEGEL ONLINE: Sie erschaffen eine Figur, dann lassen Sie sie sterben. Tun Sie das wirklich immer völlig ungerührt?

Joel Coen: Das passiert manchmal fast mechanisch.

Ethan Coen: Sehen Sie, wenn der von Josh Brolin gespielte Jäger am Ende von "No Country for Old Men" stirbt, ist das Publikum total geschockt. Aber wir als Filmemacher wollen genau diesen Schock auslösen.

Joel Coen: Ja, da sind auch bei uns schon Gefühle im Spiel, klar. Aber vor allem stellen wir uns die Frage: Wie entwickelt sich der Plot, wie dienen wir der Geschichte?

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie den netten Donny in "The Big Lebowski", gespielt von Steve Buscemi, einfach sterben lassen, ist das doch für die Story völlig unnötig.

Joel Coen: Stimmt völlig. Aber es fühlte sich irgendwie richtig an.

Ethan Coen: Und wollen wir wirklich, dass am Ende des Films die drei Buddies fröhlich zusammen bowlen, als wäre nichts passiert?

Joel Coen: Nein, bloß nicht.

Ethan Coen: Einer muss auf der Strecke bleiben. Wir brauchten eine kleine Prise Schlechtigkeit in diesem großen Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Warum fahren die Bösen in Ihren Filmen eigentlich so oft VW-Käfer?

Joel Coen: Was, in "A Serious Man" gibt's einen Käfer?

SPIEGEL ONLINE: Nein, aber in "The Big Lebowski" und auch schon in "Blood Simple".

Ethan Coen: Den Käferfahrer in "The Big Lebowski" zähle ich nicht zu den Bösen, auch wenn wir sein Auto so zeigen, dass es sehr bedrohlich wirkt. Der Käfer hat für einen Film große praktische Vorteile, weil er sich von allen anderen Autos unterscheidet. Man muss den Blick des Zuschauers nicht extra auf ihn lenken. Und diese runde, komische Form, dieses offensichtliche Harmlose, macht das nicht misstrauisch?

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Regisseur eigentlich so eine Art Gott?

Ethan Coen: Ja. Jeder Regisseur ist der Schöpfer seiner Figuren.

Joel Coen: Absolut. Und deshalb weisen wir Vorschläge, die vom Studio kommen, auch prinzipiell zurück. Wir sagen einfach: Hey, Moment mal, wer ist hier der Gott?

Das Interview führten Lars-Olav Beier und Andreas Borcholte

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
niklaw 21.01.2010
1. Klugscheißmodus ein
In Big Lebowski wird Danny nicht erschossen, sondern stirbt an einem Herzinfarkt. Klugscheißmodus aus.
pennywise23 21.01.2010
2. Big Lebowski
Ein wirklich sehr nettes Interview mit Joel und Ethan Coen. Danke dafuer. Die beiden haben eine Reihe von wirklich genialen Filmen gemacht. Meine Favoriten sind "Fargo" und natuerlich "The Big Lebowski". Habe letzteren x-Mal gesehen und lach mich jedes mal wieder schlapp ueber die Dialoge und die verschobenen Charaktere. Spiegel Online haette sich den Film the Big Lebowski auch nochmals vor dem Interview anschauen koennen, dann haette man bemerkt dass Donny (nicht Danny) keineswegs erschossen wird, sondern an einem Herzanfall stirbt. Ebenso is the "Kaeferfahrer" kein bad guy sondern lediglich ein Privatdetektiv der im Auftrag der Familie Knutsen der verlorenen Tochter Bunny Lebowski geb. Knutsen, (aka als "Bunny LaJoya" in dem Film Logjammin von Jacky Treehorn) nachforschen soll.
Monark, 21.01.2010
3. The Big Lebowski
Zitat von niklawIn Big Lebowski wird Danny nicht erschossen, sondern stirbt an einem Herzinfarkt. Klugscheißmodus aus.
Wer sagt denn, dass er erschossen wird? "Sterben lassen" steht da. Donny hat übrigens den ganzen Film über beim Bowlen ausschließlich Strikes geworfen - nur bei seinem allerletzten Wurf hat er nicht alle Pins abgeräumt und guckt dann auch ganz überrascht. Ich weiß nicht, ob das noch jemandem aufgefallen ist. Donnys Filmtod war gut vorbereitet.
niklaw 21.01.2010
4. wurde schon geändert
genauso wie "Danny" in "Donny" :)
dehnübung 21.01.2010
5. Filmemacher Joel und Ethan Coen
Einfach genial. Ohne 3D Brille, ohne Mega-Aufwand, einfach großes Kino. Jede Kameraeinstellung ein Genuß. Klasse Interview.
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