Cannes-Festival: "Männer schätzen an Frauen nur die Tiefe des Dekolletés"

22 Filme von 22 Männern: In Frankreich protestieren Regisseurinnen gegen die einseitige Einladungspolitik des diesjährigen Festivals von Cannes. Der Chef der Festspiele weist die Kritik zurück: Man würde nie einen Film einladen, nur weil er von einer Frau sei.

Cannes Filmfestival: Protest gegen Männerriege Fotos
AFP

"Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme": Unter dieser Überschrift haben am Freitag drei der bekanntesten filmschaffenden Frauen Frankreichs gegen die Einladungspolitik der Filmfestspiele von Cannes protestiert. Im Wettbewerb des Festivals, das am kommenden Mittwoch beginnt, stammen alle 22 Beiträge von Männern.

"Das Festival von Cannes 2012 erlaubt es Wes, Jacques, Leos, David, Lee, Andrew, Matteo, Michael, John, Hong, Im, Abbas, Jen, Sergei, Cristian, Yousry, Jeff, Alain, Carlos, Walter, Ulrich, Thomas, ein weiteres Mal zu zeigen, dass Männer bei Frauen Tiefe zu schätzen wissen - allerdings nur bei ihrem Dekolleté", schreiben Coline Serreau ("Drei Männer und ein Baby"), Virginie Despentes ("Baise-Moi") und Fanny Cottencon ("Dialog mit meinem Gärtner") in einem Beitrag für die französische Tageszeitung "Le Monde".

Im Internet haben bereits über 550 Männer und Frauen den Protestbrief unterzeichnet. Das Festival wird eröffnet von Wes Andersons neuem Film "Moonrise Kingdom", des Weiteren zeigen Altmeister wie Michael Haneke, David Cronenberg, Ken Loach und Alain Resnais ihre Filme. "Diese beispielhafte Auswahl sendet ein starkes Signal an die Branche und die Weltöffentlichkeit aus. Denn wer könnte ein besseres Sprachrohr für diese unabänderliche Botschaft sein als das prestigereichste Filmfestival der Welt", ironisieren die Autorinnen in "Le Monde". "Ganz im Bewusstsein der eigenen herausgehobenen Stellung haben Sie jegliches weibliche Bestreben, in diesen wohlbehüteten Bereich vorzustoßen, unterbunden."

"Frauen sind perfekte Gastgeberinnen"

In der 64-jährigen Geschichte des Festivals hat bislang nur eine einzige Frau den Hauptpreis erhalten: 1993 gewann die Neuseeländerin Jane Campion mit "Das Piano" die Goldene Palme. Zum Vergleich: Die Berlinale und die Filmfestspiele von Venedig kommen auf jeweils vier Gewinnerinnen, Sofia Coppola gewann 2010 in Venedig mit "Somewhere", Claudia Llosa 2009 in Berlin mit "Eine Perle Ewigkeit".

Die Erstunterzeichnerinnen des Aufrufs in "Le Monde" bemängeln neben der fehlenden Anerkennung für Regisseurinnen die Signalwirkung der diesjährigen Wettbewerbsauswahl auf junge, an Film interessierte Frauen. "Sie können nicht nur davon träumen, Moderatorin der Eröffnungszeremonie zu sein!", schreiben Serreau, Despentes und Cottencon. "Frauen sind perfekte Gastgeberinnen, die man mit einem einfachen 'Was hast du für schöne Augen!' glücklich macht." Nach Mélanie Laurent und Kristin Scott Thomas moderiert in diesem Jahr die Schauspielerin Bérénice Bejo ("The Artist") die Eröffnungsgala.

Der Chef des Festivals Thierry Frémaux, der die Filmauswahl verantwortet, reagierte am Freitagnachmittag auf die Kritik der Filmemacherinnen. Das Festival werde niemals einen Film für den Wettbewerb auswählen, der es nicht verdient habe, nur weil er von einer Frau gedreht worden sei. "Das würde zu einer Quotenpolitik führen", sagte Frémaux in "Le Monde". Frauen müsse zweifellos mehr Raum in der Filmwelt zugestanden werden. Das hiesige Festival biete aber weder den passenden Ort noch die passende Zeit für Kritik. "Es reicht nicht, das Problem nur in Cannes oder nur im Mai anzusprechen, das muss das gesamte Jahr über geschehen", so Frémaux. Speziell Cannes zu anzuklagen, brächte deshalb überhaupt nichts.

hpi/afp

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