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Filmexperiment "Hotel Desire": Drehe Porno gegen Spende

Von Anne Haeming

Gib mir Geld, ich zeig' dir Nacktes: Der junge Fernsehschauspieler Sergej Moya hat seinen hochkarätig besetzten Film "Hotel Desire" mit Spenden finanziert. Wer zwei TV-Stars beim Sex sehen will, musste zahlen. Ziel der Filmemacher: Die Prüderie im deutschen Kino anzuprangern.

"Hotel Desire": Zahlen für echten Sex Fotos
teamWorx

Eine Dusche, ein gebräunter Frauenkörper, Seifenschaum, der ihre Beine hinabläuft, dazu gut gelaunte Sommermusik aus dem Off, "der heißeste Tag seit sieben Jahren". Und alles in Slowmotion, gemächlich fährt die Kamera ihre Waden entlang, hoch zu ihrem Po, ihrem Rücken, ihrer Scham samt Kaiserschnittnarbe. Eine Frau duscht - und doch ist es in diesem Falle mehr als das.

Der gut zweiminütige Clip ist ein Appetithappen. 80 Tage lang sollte er Lust auf einen noch nicht existierenden Film machen - und die Zuschauer dazu bringen, Geld zu spenden. Damit der Film tatsächlich gedreht werden kann und sie den Rest sehen können: sehen, wie aus der Frau unter der Dusche Zimmermädchen Antonia (Saralisa Volm) wird, die bei ihrer Arbeit im Hotel auf den blinden Gast Julius Pass (Clemens Schick) trifft. Sie schlafen miteinander, fertig.

Es klingt wie eine übliche Schmonzette, wären da nicht jene zwei Aspekte, die anders sind als sonst: Die Schauspieler schlafen wirklich miteinander. Und der Film wurde von allen bezahlt, die alles sehen wollten.

Finanziert von der Crowd

Hinter dem Projekt steckt der 23-jährige Berliner Sergej Moya, der bislang vor allem als Schauspieler bekannt ist; er tauchte in vielen "Tatorten" auf, im vergangenen Jahr spielte er die Hauptrolle in dem Event-Zweiteiler "Go West". Zusammen mit seiner Frau, der Produzentin Julia Moya, und seinem Freund, dem Produzenten Christopher Zwickler, machte er sich vor anderthalb Jahren daran, den Stoff für "Hotel Desire" zu entwickeln - und das Geldproblem zu lösen.

Es hat geklappt, "Hotel Desire" ist seit Ende August finanziert, 170.000 Euro waren zusammengekommen, dann wurde gedreht, mittlerweile ist der Film im Schnitt. Anfang Dezember wird er zu sehen sein. Zuerst im Internet, dann im Laufe des kommenden Jahres auf DVD, in Kleinstauflage im Kino, bei Arte und im ZDF. Jeder, der wollte, konnte einen Betrag spenden, egal ob fünf oder mehrere tausend Euro; nach und nach wurden immer weitere Teile des Drehbuchs online freigeschaltet.

Crowdfunding nennt man dieses Finanzierungsmodell. "Wir hatten Lust, neue Wege zu beschreiten", erklärt Sascha Schwingel, Produzent bei Teamworx, die das Projekt begleitet haben. "Vor fünf Jahren wäre 'Hotel Desire' so nicht möglich gewesen", die Richtlinien der Filmförderinstitutionen seien da doch eher konservativ. Crowdfunding ist in den vergangenen zwei Jahren gerade in der Kreativszene immer beliebter geworden, es gibt eigene Plattformen für diese Finanzierungsstrategie, etwa Rockethub oder Startnext, wo Gründer versuchen, die Allgemeinheit dazu zu bringen, in ihre Projekte zu investieren.

Porno zieht immer

Dass dieses ungewöhnliche Prinzip bei "Hotel Desire" funktionierte, liegt nicht nur an den Schauspielern, immerhin sind Anna Maria Mühe, Herbert Knaup, Clemens Schick dabei. Es ist wohl in erster Linie dem Thema geschuldet - und dem Voyeurismus potentieller Spender: Denn "Hotel Desire" soll ein Sexfilm werden, auch wenn die Macher zögern, ihn so zu nennen, eher: ein "porNEOgrafischer Film", so der Untertitel. "Der Begriff Porneografie hat es uns natürlich einfacher gemacht", sagt Christopher Zwickler, einer der jungen Produzenten. Ganz wohl ist dem Team immer noch nicht dabei, fürs Eigen-Marketing die Porno-Aspekte in den Vordergrund zu rücken, aber: "Um gehört zu werden, muss man Inhalte finden, die polarisieren", so Sergej Moya. Das "neo" soll zeigen: Man will etwas Neues machen, nicht den klassischen Porno, keinen Liebesfilm, irgendwas dazwischen.

"Der Umgang mit Sexualität im Spielfilm ist in der Regel sehr fragwürdig", findet Moya. Auch wenn "das Internet sexuell immer pervertierter" werde, seien "Leidenschaft und Begehren im Kino immer seltener zu sehen. Wir sind in den vergangenen Jahren regelrecht verprüdet". Er meint all jene Sexszenen, bei denen die Frauen ihren BH anbehalten, in denen lustvoll verzerrte Gesichter zu sehen sind, Hände, die sich ineinander krallen, begleitet von lautem Keuchen - mehr nicht; oder die Momente danach, wenn sich Frauen wie Männer umständlich in Bettlaken, Hemden, Decken wickeln und verschämt aus dem Bild huschen. Mehr als nackte Brüste oder Pos sind nie zu sehen, alles andere steht unter Pornografie-Verdacht.

Explizit, nicht verschleiert

Dass sich Moya und seine Mitstreiter nun an einen authentischen Akt wagten, zeigt das online zugängliche Drehbuchkapitel - denn dort steht: nichts. Nur dass das Ganze zehn bis 15 Minuten dauern soll, bei 45 Minuten Gesamtlaufzeit: "Die folgende Szene wird nicht aufgeschrieben, da man sie nie so formulieren kann, wie wir sie filmisch erzählen wollen, ohne dabei im Kitsch oder der Perversion abzuschweifen", heißt es da. "Wir schauen nicht weg. Verschleiern nichts", die Szene müsse "explizit genug sein, um pornografisch zu erzählen und dabei trotzdem auch suggestiv genug zu sein, um nicht ordinär zu werden".

Dass Saralisa Volm, bekannt aus Klaus Lemkes Filmen, und Clemens Schick ("Das Geheimnis der Wale") sich darauf einließen, in zwei, drei Takes, immer eine Dreiviertelstunde lang, miteinander zu schlafen, mit sechs anderen Menschen im Raum, hat wohl viel mit Vertrauen zu tun - zu sich selbst und zu den Filmemachern. "Es ist zwingend für einen guten Schauspieler, angstfrei zu sein", findet Moya, und das gelte mindestens genauso für alle anderen Momente, in denen der Schutz der Rolle bröckele. "Es geht nicht um Nacktheit, sondern darum, der Geschichte, dem Regisseur, der dramaturgischen Notwendigkeit für diese Blöße zu vertrauen." Dass es sich lohne, so loszulassen, habe er als Schauspieler von den beiden während des Drehs gelernt.

Die drei Freunde greifen ein Thema auf, das schon seit einigen Jahren an Relevanz zu gewinnen scheint: echter Sex im Film - jenseits sogenannter "Erwachsenenfilme". Es fing 1999 an mit Catherine Breillats "Romance", ein Jahr später folgte "Baise-moi" von Virginie Despentes, dann die britischen Filme "Intimacy" und "9 Songs", auch Jane Campions Thriller "In The Cut" mit Meg Ryan zeigte Explizites. Parallel entwickelte sich ein Genre, das etwas lose als "Frauenporno" definiert wird, mal von der klassischen Pornoindustrie, mal mit dezidiert feministischem Impetus wie etwa von der Frankfurter Regisseurin Petra Joy. Als Hauptmerkmal gilt, dass Frauen darin nicht in erster Linie als Objekt auftauchen, sondern selbst Akteurinnen sind, eine Geschichte erzählt wird. Selbst Charlotte Roche verkündete vor drei Jahren wiederholt, sie wolle einen Porno für junge Leute drehen.

Damit wollen die Macher von "Hotel Desire" jedoch nichts zu tun haben. "Wir sehen uns nicht als Teil einer Kulturbewegung", sagt Moya. "Ich hatte Lust, mit Pornoklischees zu spielen." Vor allem wollte er die Realität in die Geschichte holen, der Film solle "sexy" sein, wünschte er sich vor dem Dreh.

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insgesamt 45 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
Rubeanus 07.10.2011
Was ist daran jetzt originell? In Deutschland werden seit jeher Pornos produziert.
2. Titel aufgewirbelt
ratxi 07.10.2011
Zitat von sysopGib mir Geld, ich zeig' dir Nacktes: Der junge Fernsehschauspieler Sergej Moya*hat seinen hochkarätig*besetzten Film "Hotel Desire" mit Spenden finanziert. Wer*zwei*TV-Stars*beim Sex sehen will,*musste zahlen. Ziel der Filmemacher: Die Prüderie im deutschen Kino anzuprangern. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,788873,00.html
Insgesamt eine gute Idee, verstaubte Klischees mal aufzuwirbeln.
3. Heuschel Ei
ToastedByLaw 07.10.2011
Zitat von sysopGib mir Geld, ich zeig' dir Nacktes: Der junge Fernsehschauspieler Sergej Moya*hat seinen hochkarätig*besetzten Film "Hotel Desire" mit Spenden finanziert. Wer*zwei*TV-Stars*beim Sex sehen will,*musste zahlen. Ziel der Filmemacher: Die Prüderie im deutschen Kino anzuprangern. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,788873,00.html
Immer wieder köstlich, wie rhetorische Schachtelsätze und intellektuell verquartzes Gerede herhalten muß, um einen Porno nicht Porno nennen zu müssen. Dieses ewige "anspruchsvoller Sexfilm" vs. "böser Porno" nervt. Die Spender wollten wohl eher ihrem Voyeurismus fröhnen als der Kultur einen Dienst zu erweisen. Heuchelei.
4. ...
Mardor 07.10.2011
Zitat von ratxiInsgesamt eine gute Idee, verstaubte Klischees mal aufzuwirbeln.
Schlecht Englisch kann man bei SPON immer gut: "Desire" heißt "Verlangen, Begierde, Lust" etc., aber nicht "Leidenschaft" - das ist auf Englisch eher "passion".
5. ...
Newspeak, 07.10.2011
Echten Sex im Film gibt es doch nicht erst seit 1999. Es gibt einige Filme mit expliziten Sexszenen, in denen man den Schauspielern nachsagt, auch wirklich miteinander geschlafen zu haben ("Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Wenn der Postmann zweimal klingelt"). Jetzt diesen Punkt für die Finanzierung und sicher auch Vermarktung eines Filmes zu nutzen ist nicht gerade besonders einfallsreich. Am Ende werden die meisten Leute ins Kino gehen, weil sie diese eine Szene sehen wollen, aus Voyeurismus, doch nicht wegen der restlichen Handlung. Vielleicht gehen sie aber auch nicht ins Kino, weil man solche Szenen via Internet tatsächlich in jeder beliebigen Form bekommen kann. Und zwar so, daß sie den eigenen Bedürfnissen entsprechen und nicht denen eines Regisseur. Fragt sich also, ob man damit seinem Werk wirklich einen Gefallen tut? Ob es nicht sogar revolutionärer wäre das Thema komplett auszublenden, wenn man schon konstatiert, daß die Gesellschaft übersexualisiert ist. Es geht doch nicht darum, mehr Geschlechtsorgane auf dem Bildschirm zu sehen und sich dabei nicht mehr prüde zu fühlen. Andy Warhol hat mit seinem Kurzfilm "Blowjob" überhaupt keine Details gezeigt, sondern nur das Gesicht der Hauptfigur als Reaktion auf die titelgebende Handlung. DAS war revolutionär. Kultur ist heutzutage doch zu echten Revolutionen gar nicht mehr in der Lage. Leider.
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