Münchner Filmfest Wo bleibt die deutsche Easiness?

Auf dem Münchner Filmfest erinnert eine Doku an deutsche Regiehelden der Siebzigerjahre. Das aktuelle deutsche Kino kann sich in Sachen Stilwillen und Rigorosität von ihnen einiges abschauen.

Klaus Lemke und Begleitung Leila Lowfire
DPA

Klaus Lemke und Begleitung Leila Lowfire


München kann eine echte Provinzhölle sein, wenn es seinen Hinterwäldlerstolz spazieren trägt. Zur Eröffnungsgala des diesjährigen Münchner Filmfests stolperte ein im bayerischen Dialekt schwadronierender junger Komiker namens Harry G auf die Bühne des Mathäser Filmpalasts. Der Kerl ist ein YouTube-Held, der im Netz mit seinen Mundartscherzen eine Menge halbwüchsiger Fans begeistert. Hier sollte er den Moderator geben. Harry G fummelte eifrig am Mini-Hut auf seinem Schädel herum, beleidigte in extrem unlustigen und extrem ahnungslosen Sätzen diverse Filmemacher und Darsteller und sabberte sich dann untertänigst den Münchner Oberbürgermeister heran. Diesem Oberbürgermeister, er heißt Dieter Reiter und ist ein SPD-Mann, fiel leider auch nichts Besseres ein, als ausführlich herumzujammern, dass er den Kinofilm "Toni Erdmann", der das Filmfest in diesem Jahr eröffnete, mit 160 Minuten schon brutal lang finde.

"Zeigen, was man liebt"
Filmfest München

"Zeigen, was man liebt"

München kann ein Paradies sein, wenn es sich für die große Welt begeistert. In dem Dokumentarfilm "Zeigen was man liebt", der einer der Höhepunkte in der Reihe "Neues deutsches Kino" beim diesjährigen Filmfest war, wird in Interviews und supereleganten Filmausschnitten eine kurze goldene Zeit des deutschen Films beschworen: Das Münchner Hipsterkino der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre, in dem Regisseurinnen und Regisseure wie May Spils ("Zur Sache, Schätzchen", 1967), Rudolf Thome ("Rote Sonne", 1970) und Klaus Lemke ("Rocker", 1972) Filme drehten, die von den cooleren, wilderen Seiten des Lebens erzählen wollten.

Es waren Filme, die jung und sorglos, eher amerikanisch als französisch und bloß nicht deutsch und nicht politisch sein wollten. Das arbeiten die Dokumentaristen Frank Göhre, Borwin Richter und Torsten Stegmann in "Zeigen was man liebt" sehr schön heraus. Es waren Filme, denen Stil und Styling und ein guter Popmusik-Geschmack wichtiger waren als eine ausgeklügelte Dramaturgie. Filme, die "eine südstaatenmäßige Easiness hatten", wie der Regisseur Dominik Graf aus der Sicht des Nachgeborenen in der Dokumentation schwärmt, wogegen der 75-Jähige Klaus Lemke aus der Sicht des Zeitzeugen sagt: "Wir konnten uns damals gar keine Welt vorstellen, in der wir nicht die Größten waren."

Vielleicht gibt Maren Ades "Toni Erdmann", mit dem das Münchner Filmfest begann, dem deutschen Kino diese Art von Selbstvertrauen zurück. Gegen Ades listigen Eigensinn mussten die meisten Beiträge, die diesmal in der Filmfestreihe "Neues Deutsches Kino" liefen, fast zwangsläufig ein bisschen bieder wirken. Und doch gab es in der Auswahl ein paar Werke, die durch formale Kraft und tolle Darsteller überraschten, aber auch durch einen gewissen Mut, dem Kinozuschauer das Denken selbst zu überlassen.

"Die Habenichtse"
Filmfest München

"Die Habenichtse"

In Florian Hoffmeisters Literaturverfilmung "Die Habenichtse" zum Beispiel prägt ein strenges Schwarzweiß die Bilder eines Liebes- und Schulddramas, das während und nach den New Yorker Terroranschlägen des Jahres 2001 in Berlin und London spielt. Julia Jentsch und Sebastian Zimmler spielen den Anwalt Jakob und die Designerin Isabelle, zwei erfolgreiche Menschen in den Dreißigern, die scheinbar ihr Glück finden. Nur leider wird Jakob nicht damit fertig, dass er eigentlich im World Trade Center hätte sein sollen am Tag, als er seine Jugendfreundin Isabelle wieder traf - er hatte im letzten Moment einen Kollegen nach New York geschickt, der quasi an seiner Stelle in den Hochhaustürmen starb. Der Film hält sich erst ziemlich brav an die Story des Bestsellerromans von Katharina Hacker und gewinnt, während er sich fast unmerklich verdüstert, dann mehr und mehr Zutrauen in die Macht seiner Bilder.

Sommerliche Gute-Laune-Party

Das Münchner Filmfest versteht sich im Prinzip als sommerliche Gute-Laune-Party unter den Festivals, bei dem man keinen größeren Bohei um die Unterschiede zwischen Kinowerken und Fernsehfilmen, internationalem Kunstkino und netter Unterhaltung macht. Sehr viele Filmmenschen sind hier praktisch immerzu demonstrativ gut drauf, die seit 2011 amtierende Festivalchefin Diana Iljine gehört dazu. Zu dieser betont sonnigen, aber ein bisschen aussageschwachen Superstimmung passte das diesjährige Festivalmotto "Leidenschaft" - und auch die immergleiche Floskel, mit der viele Regisseure ihre Arbeiten in der deutschen Kinoreihe präsentierten: Ständig dankten die Filmemacher ihren Helfern und Geldgebern "dafür, dass ihr an dieses Projekt geglaubt habt". Als ob die Wahrheit über die Kunst im Kinogeschäft vom Glauben, Hoffen und Beten abhinge und nicht von der Entschlossenheit zum Denken und zum Eigensinn; als ob Qualität wirklich schon im Finanzplan, in der Besetzungsliste oder in der achtzehnten Drehbuchfassung zu erkennen wäre und sich nicht erst auf der Leinwand präsentiert.

"Die Reise mit Vater"
Filmfest München

"Die Reise mit Vater"

Ohne irgendwelche Darstellerstars kommt die Regisseurin Anca M. Lazarescu in "Die Reise mit Vater" aus. Sehr heiter, aber imponierend stilbewusst schildert sie, wie zwei junge Rumänen im Jahr 1968 mit ihrem kranken Vater zu einer Reise in die DDR aufbrechen und dann, es sind die Zeiten des sowjetischen Einmarschs in Prag, auf abenteuerliche Weise nach Westdeutschland gelangen. Die ausgebleichten Bilder und der Humor, in denen hier die Welt des Kalten Kriegs eingefangen wird, erinnern an Heldentaten des osteuropäischen Kinos wie die legendäre Milan-Kundera-Verfilmung "Der Scherz" von Jaromil Jires aus dem Jahr 1969. Von den kleinen Siegen junger Liebender über realsozialistische Spießigkeit und Securitate-Terror, aber auch von den Schrecken und Verheißungen der Flucht auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs erzählt Lazarescu eindringlich und mit leiser Komik.

Deutsches Kummerkino und Altersgeilheit

Als grober Unterhaltungsschrott und trotzdem in München freundlich bejubelter "Hangover"-Abklatsch erwies sich dagegen Oliver Rihs' Komödie "Affenkönig". Bekannte und eigentlich hochgeschätzte Schauspielkräfte wie Jule Böwe, Samuel Finzi, Hans-Jochen Wagner und Oliver Korritke treiben bei einem Wochenendausflug von Pärchen und Rumpffamilien auf ein südfranzösisches Landgut trüben Schabernack mit Popo-Humor und Edelhuren - erstaunlicherweise hat Arte diesen Gruselfilm mitfinanziert. Wunderschön fotografiertes, aber doch artig gediegenes Kunsthandwerk bot Sven Taddickens Hochglanzproduktion "Gleissendes Glück" nach einem berühmten Liebesunglücksroman von A.L. Kennedy, in dem Martina Gedeck neben Ulrich Tukur sehr viele Leidensmienen ziehen muss. Im Stil einer Sachbuchverfilmung präsentiert der Regisseur Florian Eichinger im Problemstück "Die Hände meiner Mutter" den großartigen Schauspieler Andreas Döhler viele quälende Minuten lang einfach in Psychotherapiesitzungen; dort muss der Held Auskunft geben über das Drama eines von seiner Mutter sexuell missbrauchten Mannes.

"Unterwäschelügen"
Filmfest München

"Unterwäschelügen"

Erschöpft von derartigem deutschem Kummerkino hoffte man auf den alten Münchner Spaßguerilla-Haudegen Klaus Lemke und seinen wie stets ohne Fördergelder gedrehten neuen Film "Unterwäschelügen". Die Komödie zeigt einen hübschen, weitgehend talentfreien Laiendarsteller auf den Straßen und Dächern Münchens, der sich zu grässlicher Dudelmusik als Fotograf, Kunstszenekenner und Möchtegernzuhälter aufspielt. Eine seiner Künstlerinnenfreundinnen redet ungelogen davon, am liebsten "halb tot, gefickt und glücklich" zu sein. Leider zeugt dieser wie auf besonders öden Drogen herumtaumelnde Film auch sonst eher von Altersgeilheit und Gedankenarmut als von ungebremstem Rebellentum.

"Volt"
Filmfest München

"Volt"

"Nicht die Kameraeinstellung ist entscheidend, sondern die Einstellung zur Kunst", so sprach im "Zeigen was man liebt"-Dokumentarfilm der Regisseur Rudolf Thome über die goldenen Münchner Tage der Siebziger. An diese Sorte Rigorosität knüpfte beim Filmfest des Jahres 2016 am eindrucksvollsten der 35-jährige Regisseur und Kampfsportler Tarek Ehlail an. Sein neuer Film heißt "Volt" und ist ein Adrenalinknaller, der entschieden auf die Ästhetik, aber auch die coolen Sprüche des amerikanischen und französischen Cop-Kinos setzt. Benno Fürmann spielt in der nah an der Gegenwart angesiedelten Science-Fiction-Story des Films einen taffen SEK-Bullen, den sein Kumpane Volt nennen. Bei einem Routineeinsatz der Polizisten in einem umzäunten Flüchtlingslager an der deutschen Außengrenze kommt es zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Vordergründig spielt Ehlails Film unter menschlichen Kampfmaschinen, die sich von den Krawattenträgern aus den Chefetagen der Gesellschaft benutzt und verachtet fühlen; unter weiblichen und männlichen Supercops, die dicke Muskeln, grobe Sprüche und kalte Bierflaschen kreisen lassen. Natürlich gibt es auch eine Lovestory, die zu dreistem Kitsch hochgepumpt wird. Trotzdem handelt "Volt" nicht bloß von Gewalt, Liebe und Mord, sondern - entschiedener als fast alle anderen deutschen Kinofilme auf dem diesjährigen Filmfest - auch vom Zustand unserer Gesellschaft.

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insgesamt 9 Beiträge
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sarkasmis 29.06.2016
1. Harry G.
Harry G. ist ein Münchner Volksheld und extrem witzig. Tolerant uns Multikulturell ist man nur nach vorne hin. Aber wehe ein Flüchtlingsheim soll ins Villenviertel. Dann gibt es Protest trotz 2/3 Rot-Rot-Grünwählern. Und wehe der Bayer wagt es in München seine Kultur zu leben. Allein das Wort Hinterwälder zeugt von gnadenloser Intoleranz. Vermutlich blickt der Schreiber solcher Zeilen verächtlich auf Pegida-Sachsen herab und meint sich moralisch überlegen.
joschl 29.06.2016
2. Easiness
"Deutsche Easiness" ist dort, wo sie hingehört: im sprachlichen Abseits. Suchen Sie doch mal nach der deutschen Leichtigkeit!
capone007 29.06.2016
3. Harry for President
"Zur Eröffnungsgala des diesjährigen Münchner Filmfests stolperte ein im bayerischen Dialekt schwadronierender junger Komiker namens Harry G auf die Bühne des Mathäser Filmpalasts. Der Kerl ist ein YouTube-Held, der im Netz mit seinen Mundartscherzen eine Menge halbwüchsiger Fans begeistert." Herr Höbel, da haben Sie ja ganz grosses Kino in die Tasten gekloppt. Begriffe wie: schwandronieren, der Kerl, halbwüchsig, Provinz. Pulitzer-Preisverdächtig! Es will wohl anscheinend nicht in Ihren Schädel, das Koreanische Indiefilme mit Schwedischen Untertiteln und Harry G sich nicht ausschliessen. Wenn Sie auch nur eine Minute an das Programm von Harry G verschwendet hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass er Dialekt als Konstrukt verwendet, um provinziellen Habitus zu karikieren. Überlassen Sie das schreiben über Humor lieber Ihrer Kollegin Anja Rützel, die hat wenigstens selbst eine gute Portion davon. Aloha!
ohitika33 30.06.2016
4.
Dann kann man ihnen nur "Altersgeilheit" wünschen, wenn's denn partout nicht ohne Diskriminierung geht!
neuundaltgierig 30.06.2016
5. Deutsche
Grundgütiger, was macht ihr mit der Sprache? Müsst ihr wirklich alles verwursten, vermengen und verbiegen?
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