Filmfest von Locarno Nahostdrama holt Goldenen Leoparden

Das 57. Internationale Filmfestival von Locarno stand ganz im Zeichen von Politik und Menschenrechten. Den Goldenen Leoparden holte schließlich "Private", ein Film über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Regisseur Costanzo packte den gesamten Nahostkonflikt in vier Wände.


Filmszene aus "Private"

Filmszene aus "Private"

Locarno - Die Entscheidung der siebenköpfigen Jury fiel einstimmig, wie Festivaldirektorin Irene Bignardi zum Schluss des elftägigen Festivals gestern bekannt gab. Saverio Costanzos "Private" sei aber nicht einfach wegen seines politischen Inhalts ausgewählt worden, sondern auf Grund seiner Qualität, erklärte das britische Jury-Mitglied, der Filmkritiker und -historiker David Robinson. Das Publikum auf der Piazza Grande begrüßte die Wahl mit freundlichem Applaus, aber ohne Euphorie.

"Private" hat den Nahost-Konflikt zum Thema, oder besser: die Folgen des Konflikts für die Menschen beider Lager. Geschildert werden Schicksale, die zu Angst, Wut, Verzweiflung und Misstrauen führen. Im Mittelpunkt steht die Geschichte einer palästinensischen Familie, deren Haus von israelischen Soldaten besetzt wird. Der Vater weigert sich, mit Frau und Kindern das Haus zu verlassen, worauf es zwischen den Israelis und den Palästinensern aufgeteilt wird.

Die ganze Tragik des Nahost-Konflikts wird so auf wenigen Quadratmetern ohne Blutvergießen vor Augen geführt. Mohammad Bakri erhielt für seine Leistungen als Familienvater den Leoparden für den besten Schauspieler. Es sei an der Zeit, all den Belagerungen in der Welt ein Ende zu bereiten, sagte Bakri bei der Preisverleihung. Es sei Zeit für Frieden.

Glücklicher Preisträger: Saverio Costanzo
REUTERS

Glücklicher Preisträger: Saverio Costanzo

Der Film enthülle, was die Nachrichten dem Publikum verschwiegen, das Private, die Intimität, sagte der 29 Jahre junge Regisseur Saverio Costanzo über "Private". Der Film sei eine "Doku-Fiction", da er das Publikum glauben lasse, dass das, was es sehe, sich in genau dem Moment abspiele. 2001 hatte Costanzo "Sala rossa" - ebenfalls eine "Doku-Fiction" - über den alltäglichen Kampf auf einer Notfallstation gedreht, zwei Jahre zuvor "Caffè Mille Luci, Brooklyn, New York", ein Dokumentarfilm über die italo-amerikanischen Gemeinde.

Mit "Private" gewann ein politischer Film den Goldenen Leoparden - ein Genre, auf das die Festivaldirektion in diesem Jahr besonderen Wert legte. Davon zeugten insbesondere auch die Filme des Menschenrechtsprogramms. Der zum ersten Mal vergebene Spezialpreis im Human Rights Programm ging an die südafrikanische Produktion "Forgiveness" von Ian Gabriel.

Das Festival im Herzen Europas musste sich aber auch politische Kritik gefallen lassen. Viele der politischen und Menschenrechtsfilme handelten von Themen, die sich weit weg von der Schweiz abspielten, wie Khadi Koita, Präsidentin des Internationalen Netzwerks gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen, in einer Podiumsdiskussion bemerkte. Als ob es in der Schweiz und Europa keine Menschenrechtsverletzungen oder politischen Themen zu diskutieren gäbe.

Gordana Mijuk, AP



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