Filmfestival-Experiment: Berlinale im Büchsenbierland

Von Wolfgang Höbel

Filmfest mal ganz jottwede. Im Rahmen der Reihe "Berlinale goes Kiez" trauen sich unerschrockene Festivalbesucher in die finstersten Ecken der Stadt, wo sie jugendliche Billigbiertrinker und Teilzeit-Paten erwarten. Potztausend!

"Berlinale goes Kiez": Glanz ist in der finstersten Ecke Fotos
Wolfgang Höbel

Vor dem S-Bahnhof-Friedrichshagen, weit draußen im Berliner Osten, wo der Müggelsee nicht weit ist und die Häuser rundherum so kleinstädtisch aussehen wie in der tiefsten deutschen Provinz, stehen vier kapuzenbewehrte Halbwüchsige in der Eiseskälte herum und tun das, was man in der deutschen Provinz gern tut am Abend kurz nach 21 Uhr: Sie trinken Billigbier aus Halbliterbüchsen und lassen Spuckefäden in Spuckepfützen vor ihren Füßen hinabbaumeln. Ab und zu blicken sie hinüber auf die andere Straßenseite. Dort nämlich steht ein kleiner Polizeibus vor dem Friedrichshagener Union-Kino und zwei Scheinwerfer erhellen einen schmalen roten Teppich. Für 21.30 Uhr ist die Berlinale-Vorstellung "Die Vaterlosen" angesetzt. Potztausend, der Glanz der Berlinale strahlt ja bis in Berlins finsterste Ecken!

Der gemeine Filmfestivalbesucher denkt ja, er müsse sich rund dem Berlinale-Palast den Hals ausrenken oder um Tickets anstehen, damit er auch was abkriegt von der Pracht dieser kinoverrückten Tage. In Wahrheit aber geht's auch viel einfacher. Damit die für ihre herzige Motzbereitschaft berühmten Berliner sich nicht zu viel Mühe machen müssen und auch mal was Schönes vor der Haustür haben, kommen die Filmkünstler sie in ihren Heimatstadtvierteln besuchen. Um es auf gut Berlinerisch zu sagen: "Berlinale goes Kiez".

"Berlinale goes Kiez", so heißt das Programm, das die Festivalmacher 2010 zum ersten Mal angesetzt haben, damit auch die Programmkinomacher in diversen Hauptstadtwinkeln mal sich selbst und auch ihr Publikum erfreuen können. Prominente sogenannte Paten wie Marie Bäumer, Senta Berger oder Tom Tykwer präsentieren da an einem Abend einen Film aus dem Berlinale-Programm, am Freitag zum Beispiel sind die Eva Lichtspiele in Wilmersdorf dran, wo der deutsche Wettbewerbsfilm "Wer wenn nicht wir" unter Aufsicht des Paten Marc Rothemund gezeigt werden wird.

Gläser klirren, Stimmung bestens

An diesem Dienstagabend in Friedrichshagen, jottwede, wie die Eingeborenen sagen, weit draußen, ist es Leander Haußmann, der im Union-Kino den Film "Die Vaterlosen" der österreichischen Filmemacherin Marie Kreutzer vorstellen soll. Das Kino ist proppevoll, auch die Raucherkabine, die ein bisschen an die Airport-Raucherknäste moderner Machart erinnert, die meisten Besucher sind nicht mehr ganz jung, die Gläser im Kinosaal klirren, die Stimmung ist bestens.

Ein schmaler Mann mit einem phänomenalen grausträhnigen Haarschopf, der irgendwie an den von William Dafoe erinnert, steht auf einer Empore neben der Leinwand und begrüßt das Publikum, der Mann heißt Matthias Elwardt, berät mit einigen anderen Festivalchef Dieter Kosslick bei der Auswahl des Berlinale-Programms und ist Chefbetreuer der "Berlinale goes Kiez"-Reihe. Er spricht vom "fliegenden roten Teppich", den man vor dem Eingang ausgerollt habe, und gibt einen kurzen Abriss über die Geschichte des Union-Kinos: 1913 hat man hier angefangen, Filme zu zeigen, 1998 wurde der Laden dicht gemacht, seit 2003 ist ein engagierter neuer Betreiber zugange, der das Union als Programmkino zu neuer Blüte gebracht hat. "Großartig", findet Elwardt das, der da als Experte gelten kann, weil er außerhalb der Berlinale in Hamburg selber Programmchef des Abaton-Programmkinos ist.

Der Regisseur Leander Haußmann schlurft wie stets mit einem bedenklichen Haltungsschaden durch den Raum, hangelt sich auf das Bühnenpodest und berichtet, dass er hier im Union-Kino mit cirka sechs Jahren zum ersten Mal einen Kinofilm sah, den Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" mit Gojko Mitic, dem glorreichen Oberindianer des DDR-Kinos. Haußmann wohnt bis heute nicht weit entfernt vom Union-Kino, gerade haben die Kinobetreiber seinem jüngst verstorbenen Schauspielervater zu Ehren ihr Programm geändert und eine Woche lang den Vater-und-Sohn-Haußmann-Film "Dinosaurier" angesetzt. "Seit meiner Kindheit fühle ich mich hier fast wie zu Hause" sagt Haußmann.

Der Althippie stirbt

Jetzt aber Schluss mit der Kinogeher-Nostalgie und her mit dem "Vaterlosen"-Film der Regisseurin Kreutzer. Der erzählt vom Abbruchhaus einer hippiemäßig gestimmten Kommune im ländlichen Österreich, in der nur noch der einstige Oberkommunarde und eine Gefährtin samt Tochter wohnt. Der Althippie stirbt, quasi zur Totenwache versammeln sich die einst in der Landkommune aufgewachsenen Geschwister und Halbgeschwister, es kommt zu einer Konfrontation mit den Lebenslügen der Alten und der Jungen. Ein 68er-Abrechnungsfilm mal wieder. Die Bilder des Films "Die Vaterlosen" feiern die sommerliche Natur, das Grün der Wiesen und Wälder und das Blau das Badesees, es treten ein paar ordentliche Schauspieler auf wie Philipp Hochmair, leider jedoch reden die Menschen im Film oft verblasenen Blumenkinderschund. Sagt der eine zum Beispiel, wie wichtig Papa und Mama seien, "Familie, das sind unsere Wurzeln", sagt der andere: "Wurzeln sind überbewertet. Oder möchtest du ein Baum sein?" Da kriegt man Sehnsucht nach DDR-Indianerfilm-Dialogen.

Wenn das Licht wieder angeht im Union-Kino in Friedrichshagen, sind aber alle total nett zueinander. Der Film wird freundlich beklatscht, Leander Haußmann klatscht mit, die Kamerafrau lässt sich zu ihren wirklich schönen Bildern gratulieren. Und der Produzent schwärmt davon, dass die Regisseurin, die leider grippehalber in ihrem Berliner Hotelzimmer geblieben ist, ihn gerade dadurch überzeugt habe, dass sie "vom Drehbuch her" komme. Da ist sie nur leider nicht lang genug geblieben.

Vor dem S-Bahnhof Friedrichshagen stehen keine jugendlichen Biertrinker mehr herum, als sich die Kinobesucher bester Laune auf dem Heimweg machen. Die Berliner S-Bahn macht ihrem Ruf Ehre, der letzte Zug kommt und kommt nicht. Bei zwei Grad unter null ist das Warten nicht unbedingt ein glamouröser Spaß. Aber dann ist man schon in einer dreiviertel Stunde und mit nur einmal Umsteigen im Berlinale-Glitzerzentrum am Potsdamer Platz.

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