Filmfestival in Cannes: Frankreichs verführerischste Lippen

Aus Cannes berichtet

Filmfestival in Cannes: Frauen, die lieben und Männer, die reisen Fotos
Wild Bunch

Aufregender wurde wohl noch nie Spaghetti Bolognese gegessen als in "La vie d'Adèle": Abdellatif Kechiche erzählt in dem sensiblen Drama von einer überwältigenden Frauenliebe mit leidenschaftlichen Sexszenen. Alexander Payne kehrt mit "Nebraska" in seine alte Heimat zurück.

Um die Frauen muss man sich in Cannes nicht mehr sorgen. Seit Mittwochabend gibt es keine Zweifel mehr daran, ob es genügend Kandidatinnen für den Darstellerinnen-Preis gibt. Wenn es gerecht zugeht, müsste er zu gleichen Teilen an die Französinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos verliehen werden. Der Autorenkinostar ("L'enfant d'en haut") und die Neuentdeckung begeistern in Abdellatif Kechiches Liebesfilm "La vie d'Adèle, Chapitres 1 & 2" als schicksalhaft ineinander vernarrtes Pärchen und gehen in den ausgedehnten Liebeszenen des drei Stunden langen Films leidenschaftlich an die Grenzen dessen, was man pornofremden Darstellerinnen im Kino gemeinhin abverlangt.

Gleichzeitig hat der wie ein Gemälde ausgeleuchtete Sex nichts mit Pornografie gemein, er illustriert lediglich, allerdings sehr aufregend, die Dringlichkeit und den Hunger dieser Amour fou. Der aus Tunesien stammende Regisseur und zweifache César-Gewinner Kechiche liefert seine auf dem Comic "Blue is the Warmest Colour" basierende Lovestory nicht dem Voyeurismus aus, ebenso wenig skandalisiert er die Tatsache, dass es zwei Frauen sind, die miteinander ins Bett gehen. Er habe nichts "Militantes" über Homosexualität zu erzählen, sagte Kechiche in einem Interview. "Ich fühlte eher, dass ich eine Liebesgeschichte wie jede andere erzähle, mit all der Schönheit, die das beinhaltet." Gleichzeitig sieht er durchaus einen politischen Aspekt seines Films für die arabische Welt: "Er wird der tunesischen Jugend guttun. Eine Revolution ist nicht vollständig, wenn sie nicht auch eine sexuelle Revolution ist."

Begabungen, die einem Menschen Lebenswege vorschreiben

Der Film dreht sich um die zunächst erst 15-jährige Schülerin Adèle, die französische Literatur liebt und sich berufen fühlt, Lehrerin zu werden. Sie glaubt an Begabungen, die einem Menschen bestimmte Lebenswege vorschreiben, und sie glaubt an Liebe auf den ersten Blick. Die erfährt sie, als sie der schon etwas älteren Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) begegnet. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich erst eine heißblütige Romanze, schließlich eine erwachsene Liebesbeziehung mit gemeinsamer Wohnung und Dinnerpartys im Garten.

Es sind letztlich keine Fragen der gleichgeschlechtlichen Liebe, sondern die verschiedenen Klassen, aus denen sie stammen, die zur schmerzhaften Trennung führen: Emmas von persönlichem Ehrgeiz getriebener libertärer-intellektueller Lifestyle verträgt sich auf Dauer nicht mit der bodenständigen Adèle, die ihren Lebensinhalt darin sieht, kleinen Kindern in der Grundschule nicht nur Grammatik und Rechtschreibung, sondern auch ein Stück Lebenserfahrung zu vermitteln. Für Kechiche ist Adèle eine tragische Heldin: Selbst als sie mit Emma die Liebe ihres Lebens verliert, lässt sie sich im Job nichts anmerken, sondern unterwirft ihr persönliches Leid der Berufung, der zu folgen sie sich entschieden hat.

Hauptdarstellerin Adèle Exarchopoulos, die trotz schauspielerischer Unerfahrenheit mit unfassbarer Natürlichkeit spielt, ist eine der größten Entdeckungen dieses Cannes-Jahrgangs: Kechiche filmt ihr sinnliches Gesicht immer wieder in Nahaufnahme, und man kann sich kaum sattsehen an ihren melancholischen Blicken und ihrem ausdrucksstarken Mund, selbst dann nicht, wenn sie gierig und kleckernd Spaghetti Bolognese schlingt. Selten hatte man nach einem dreistündigen Festivalfilm so sehr das Bedürfnis, ihn gleich noch einmal von vorne anzuschauen.

Halbdement auf dem Weg in die Vergangenheit

Doch das Glück, sich zur Abwechslung einmal ganz auf die Frauen konzentrieren zu können, währte nur kurz: Am Donnerstagmorgen übernahmen erneut die Männer das Geschehen an der Croisette. Alexander Payne zeigte seinen Vater-Sohn-Roadtrip "Nebraska" mit Altstar Bruce Dern in einem grandiosen Auftritt als störrischer, halbdementer Greis Woody Grant, der sich in den Kopf gesetzt hat, den Hauptgewinn einer Postwurfsendung persönlich abzuholen. Das vermeintliche Gewinnzertifikat ist nur eine jener typischen Koberaktionen für Zeitschriftenabos, die zu Abermillionen in Haushalten abgeworfen werden, doch egal: Wohnhaft in Montana, macht sich Woody zu Fuß ins zwei Staaten entfernte Lincoln, Nebraska auf. Seinen Führerschein hat der alte Säufer nämlich längst verloren. Sein Sohn David (Will Forte) erbarmt sich schließlich des Seniors, packt ihn in sein Auto und erlebt mit seinem Dad eine nostalgische, teilweise urkomische Reise in dessen Vergangenheit.

"Nebraska" ist Alexander Paynes erster Film seit dem mehrfach Oscar-nominierten Familiendrama "The Descendants". Die bunten Farben Hawaiis tauscht er hier in das Schwarzweiß eines berühmten Bruce-Springsteen-Covermotivs, die Kamera ruht auf alten zerknitterten Gesichtern und industriellen Brachen des amerikanischen heartland, während sich Woody und David ihrem Ziel nähern und sich dabei auch gegenseitig besser kennenlernen. Payne ist vertraut mit diesem von Armut und Arbeitslosigkeit geplagten, kargen Landstrich, er stammt selbst aus Omaha, Nebraska, und ließ bereits seine sozialromantische Komödie "About Schmidt" hier spielen.

Der Film ist bevölkert von wunderlichen Landeiern, die Stimmung ist rührselig, aber nie kitschig - "Nebraska" ist ein gelungener, gefühlvoller Film, der nach der Pressevorführung zu Recht bejubelt wurde. Dem Kanon des Kino-Genres, das sich mit dem Abschied vom alten Amerika und dem Gespräch der Generationen beschäftigt, fügt er jedoch keinen wirklich neuen Kommentar hinzu. Das Highlight ist Bruce Dern, 77, der sich nach Robert Redford und Michael Douglas in die Reihe der alten Männer einfügt, die dieses Jahr noch einmal eine späte Parade ihrer Kunst absolvieren. Redford ist aus dem Rennen, aber Douglas und Dern dürften die heißesten - und greisesten - Anwärter auf die Darsteller-Palme sein.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Da ich den Film ...
unsermichel 23.05.2013
... "la vie d'Adèle" nicht kenne, würde ich mir gerne aus obiger Rezension ein paar inhaltlich fundierte Eindrücke ziehen wollen, stelle aber rasch fest, dass sich hier ein männlicher Autor in seiner Wertschätzung des cineastischen Werkes offenbar nicht so ganz von einer voyeuristischen (männlichen) Sicht lösen konnte, die er dann als Botschaft des Films negiert. Mal ganz platt gesagt bzw. (sicherlich etwas überspitzt) zusammengefasst: Die Frauen sind schön und sinnlich, es st auch gar nicht erheblich, ob hier Frauen miteinander ins Bett gehen, der Regisseur will damit lediglich einen Beitrag zur sexuellen Revolution der tunesischen Jugend leisten, natürlich ist es eine Amour fou (es sind eben doch nur zwei Frauen), kann auch deswegen nicht gut gehen, weil sie ja unterschiedlichen Kasten (sorry: Klassen) angehören, die eine ist und bleibt bodenständig, die andere, libertär-intellektuell ..., na, da wissen wir nicht, was aus der geworden ist. Die beiden passten jedenfalls nicht zusammen, was "Mann" nach drei Stunden vielleicht einigermaßen erleichtert aus dem Kino schreiten lässt. Wie doch der Rheinländer sagen würde: Et hät noch immer jot jejange. - Ironie beiseite, und, wie gesagt, ich kenne den Film nicht, lediglich dessen Beschreibung: blieben zwei Eindrücke als Fazit übrig. Entweder hat der Filmemacher doch wieder nur Klischees in Männern wohlgefallende Bilder verpackt, oder der Rezensent hat nicht bemerkt, dass er seine 3-D-Brille diesmal gar nicht im Kinosaal hätte aufsetzen müssen. Bleibt in jedem Fall die Frage: Wenn ein Liebesfilm tatsächlich eine politische Dimension haben soll - gerade im Blick auf eine tunesische Jugend, die - vorsichtig gesagt - immer stärker unter der Knute islamistisch geprägten Männlichkeitswahns zu leiden hat, dann müsste er ein Happyend haben. Egal, ob m/w, w/m, w/w oder m/m ... spielt überhaupt keine Rolle! - Ein Beitrag zur sexuellen Revolution sollte tatsächlich eine befreiende Botschaft haben, Mut machen ... Aber hier scheint doch wieder alles in jene klischeehafte Bahnen gelenkt, in denen Homosexualität als "heilbare" Amour fou letztlich dennoch in einer gewissen Tragik endet. Auffällig ist, dass besonders Liebesfilme mit lesbischen Protagonistinnen meist tragisch enden. Kein Bogey, der dir in die Augen schaut, Kleines ... Im Zweifelsfall ist es eine meist unsympathische "Butch", also eher auch ein "Mannweib", das solch männer-tradierte Rollenklischees cinéastisch begleiten muss. - In diesem Film scheint freilich keine "Butch" vorzukommen, die Botschaft - zumindest die in der Rezension vermittelte - läuft aber auf das Gleiche heraus.
2.
dreamdancer2 23.05.2013
Ich glaube, das hat nichts mit Homo- oder Heterosexualität zu tun, sondern ist mehr eine allgemeine Tendenz. Wann, bitte, war der letzte Liebesfilm in den Kinos, der sich als "anspruchsvoll" versteht und tatsächlich ein Happy End für die beiden beteiligten Personen hatte? Happy Ends werden doch sofort als Hollywood-Kitsch abgetan...
3. Zwiebelfisch?
dr.bro 23.05.2013
Richtig müsste es heißen: Aufregender...als...!!!
4. Na, ja ...
unsermichel 23.05.2013
Zitat von dreamdancer2Ich glaube, das hat nichts mit Homo- oder Heterosexualität zu tun, sondern ist mehr eine allgemeine Tendenz. Wann, bitte, war der letzte Liebesfilm in den Kinos, der sich als "anspruchsvoll" versteht und tatsächlich ein Happy End für die beiden beteiligten Personen hatte? Happy Ends werden doch sofort als Hollywood-Kitsch abgetan...
... es kommt darauf an, ob ein humorvoller Blick auf das Liebesleben nicht gleichzeitig auch anspruchsvoll sein kann. Meine Meinung ist, dass sich mit Humor vieles besser ertragen lässt ... selbst die Sexualität. Ein Fünkchen Selbstironie kann ja kein anderes Ziel als ein Happyend haben, und da gibt es wunderbar unspektakulär leicht geschilderte Filme, wie zum Beispiel "Sie sind ein schöner Mann" mit Michel Blanc. - Weiß jetzt nicht, ob Sie diesen Film als "anspruchsvoll" bezeichnen würden, aber vielleicht sind wir in unserem Weltbild inzwischen meilenweit von der Erkenntnis entfernt, dass "leicht" nicht unbedingt "seicht" sein muss.
5. talking heads
auchgut 25.05.2013
Eine Kurzfassung der Kritik ginge so: reden, reden, rauchen, reden ficken, rauchen, reden, essen, reden, ficken rauchen reden, essen, reden. Dazwischen gesellschaftliche Klischees: Die Oberklasse wohnt in einer Stadtwohnung, 2. Ehe isst Austern, das Kind studiert Kunst und alle sind total liberal, die Unterklasse wohnt im Vorort, isst Nudeln und man kann den Eltern nicht die eigenen sexuellen Vorlieben beichten. Und das alles dauert drei Stunden. Allein die beiden wirklich großartigen Schauspielerinnen retten das Stück ....
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