Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Filmfestival in Cannes: Im Kino gewesen und geweint

Von , Cannes

Das erste Wochenende in Cannes wurde von Dramen über Schicksale bestimmt, aus denen es kein Entrinnen gibt. Mit seinem Sterbefilm "Halt auf freier Strecke" rührte Andreas Dresen die Kritiker zu Tränen, ein Film aus Belgien verwirrte.

Versuchte man am Samstagvormittag von einem Ende des Festival-Palais zum anderen zu gelangen, stellte man bald fest, dass nichts mehr ging.

Das Piratenspektakel "Fluch der Karibik 4" mit Stars wie Johnny Depp und Penelope Cruz hatte kurzzeitig die Herrschaft über die Croisette übernommen - ein effektvoller Tribut an Hollywood und die Boulevardpresse. Schaulustige, Journalisten, Filmmarktbesucher und sonstige Croisette-Touristen schlenderten, schoben oder drückten über den Prachtboulevard, dass nur noch die Wahl zwischen Resignation oder Amoklauf blieb.

Wie jedes Jahr, wenn man aus seinem hektischen Büroalltag in das Paralleluniversum von Cannes eintritt, trifft einen der allgegenwärtige Straßen- und Schnatterlärm sowie die zwangsweise Entschleunigung durch selbstvergessene Bummler und Traumwandler zunächst wie ein Schlag. Man möchte um sich schlagen vor Wut und Eile, aber dann, nach ein, zwei Tagen, fügt man sich in sein Schicksal, lässt sich willfährig gefangennehmen vom Flow des Festivals, man hat ja keine Wahl.

Merkbar angespannte Stimmung

So brachte man schon allein deshalb viel Verständnis für die Ehefrau des in Iran inhaftierten und mit Berufsverbot belegten oppositionellen Filmemachers Mohammad Rasoulof mit, der seinen jüngsten Film "Bé Omid É Didar" ("Goodbye") unter "klandestinen" Bedingungen nach Cannes geschmuggelt habe, wie das Festival angab. Seine Frau und einige Beteiligte der Produktion waren nach Frankreich gekommen, um den Film am Samstagmittag in der Nebensektion "Un certain regard" in merkbar angespannter und gedrückter Stimmung zu präsentieren.

Es war einer jener tollkühnen Stilbrüche, für die Cannes berühmt und berüchtigt ist: Aus der luftig-bunten 3D-Piratenwelt Captain Jack Sparrows krachte man jäh auf den harten Boden der politischen Realität zurück. Rasoulof erzählt in seinem Film die Geschichte einer jungen Anwältin (grandios: Leyla Zareh) in Teheran, die mit Hilfe eines Fluchthelfers das Land verlassen will. Teil des Plans ist eine Schwangerschaft, mit der sich die Chancen erhöhen, im Ausland Asyl zu erhalten. Nooras Ehemann, ein Journalist, musste wegen regimekritischer Berichte in den Untergrund flüchten.

Alleingelassen, beäugt und terrorisiert von den Behörden, gerät sie in Gewissensnöte und beschließt, das mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer behinderte Baby abtreiben zu lassen. Mit viel Ruhe und manchmal etwas zu akribischem Blick fürs Detail beschreibt Rasoulof nicht nur einen Teil der Sorgen und Ängste seiner eigenen Angehörigen, er gibt auch einen wichtigen Einblick in die Beweggründe und widerstreitenden Emotionen einer Frau, die rational weiß, dass sie den repressiven Zuständen entfliehen muss, emotional aber an ihrer Heimat hängt und glaubt, dort etwas bewegen zu können und zu müssen. Die Leibesfrucht, die zur Flucht verhelfen soll, ist bereits im Mutterleib verdorben - das ist ein starkes, sehr harsches Bild für eine politsche und gesellschaftliche Situation in Iran, die dessen Bürger vor unmenschliche Entscheidungen stellt. Rasoulofs ebenfalls inhaftierter Freund und Kollege Jafar Panahi hat ebenfalls unter unermesslich schwierigen Bedingungen einen Film gedreht und nach Cannes geschickt, er wird am Ende des Festivals zu sehen sein.

Erschreckend routiniertes Leben im Perversen

Um einen Gefangenen geht es auch in Markus Schleinzers Debütfilm "Michael". Der österreichische Filmemacher, langjähriger Mitarbeiter Michael Hanekes, schildert die Beziehung zwischen dem unscheinbaren Mittdreißiger Michael, tagsüber ein stiller, beflissener Versicherungsfachangestellter mit Aufstiegschancen, privat ein zwanghafter Päderast, der im schalldicht isolierten Keller seines Reihenhauses in einem Vorort Wiens einen kleinen Jungen eingesperrt hat, den er als Lustknaben missbraucht. Manchmal darf der kleine, gekidnappte Wolfgang aus seinem Verließ nach oben ins Wohnzimmer und fernsehen, manchmal macht Michael mit ihm einen Ausflug in den Streichelzoo, wo die beiden für die Öffentlichkeit wirken wie Vater und Sohn, ganz normal.

Zurück im auch tagsüber mit Metallrolläden verrammelten Haus, muss der Junge jedoch wieder in sein mit Toilette, Wasserkocher und Fertiggerichten ausgestattetes Gefängnis. Er schreibt Briefe an seine Eltern, die Michael jedoch nicht abschickt, sondern in einem Schuhkarton gewissenhaft archiviert. Allzu offensichtlich steuert das erschreckend eingespielte Leben im Perversen auf eine erlösende Katastrophe zu, doch Schleinzer schafft es, den Horror subtil zu dosieren. Der sexuelle Akt zwischen Michael und Wolfgang wird dem Zuschauer erspart, er muss dafür aber mit den Bildern in seinem Kopf klarkommen. Ohne emotionalisierende Musik und mit distanziert wirkenden, enervierend unprätentiösen Bildern verlässt sich Schleinzer ganz auf seinen mutigen Hauptdarsteller Michael Fuith, der den Kinderschänder mit wenigen Mitteln so ausdifferenziert, dass man ihn mitleidlos verachtet, aber dennoch nicht als Monster verdammt - ein konzentrierter, kluger, überlegter und kontroverser Film über ein akutes gesellschaftliches Thema, der trotz einiger dramaturgischer Schwächen zu den bisherigen Höhepunkten des Wettbewerbs gehört.

Das kann man vom neuen Film der Cannes-Stammgäste und -Preisträger Jean-Luc und Pierre Dardenne leider nicht behaupten: Die belgischen Spezialisten fürs triste Sozialdrama erzählen in "Le Gamin au vélo" ("Der Junge auf dem Fahrrad") die Geschichte des kleinen Cyril, der im Heim aufwächst, weil sein Vater sich nicht im Stande sieht, sein eigenes Leben und die Erziehung des Sohnes auf die Reihe zu kriegen. Verzweifelt versucht der jähzornige Knirps, den flüchtigen Papa aufzutreiben, gerät aber nur an die barmherzige Samantha (Cécile de France), eine Friseurin, die im gleichen Apartmentblock wohnt wie einst Cyril, und sich des Rackers annimmt. Routiniert und mit geübtem Blick für die Ödnis prekarisierter Existenzen, gelingt es den Dardenne-Brüdern, durchaus rührend und spannend zu schildern, wie sich Cyril erst gegen sein Schicksal wehrt, dann resigniert, fast auf die schiefe Bahn gerät, als er sich mit einem Vorort-Dealer einlässt, dann aber doch akzeptiert, dass er sein Leben mit einer neuen, anderen Art von Familie leben muss. Die im Film stetig stärker werdende Beziehung zwischen der engelsgleichen Samantha und dem biestigen Knaben bleibt jedoch eine unbefriedigende Behauptung: Warum eigentlich sollte sich eine attraktive Frau Ende Dreißig mit einem so ungestümen Balg belasten und für dessen Pflege und Hege sogar den Geliebten in die Wüste schicken? Antwort: Weil es die Regisseure so wollen. Unerklärliche Wunder-Wendungen dieser Art gab es auch in früheren Filmen der Dardennes, darunter "L'enfant" und "Le silence de Lorna", aber diesmal verlangen sie ein wenig zu viel Glaube an das Gute und Romantische im Menschen von ihrem Publikum.

Unaufdringliches, berührendes Requiem

Denn glaubte man tatsächlich an das Gerechte, so müsste Andreas Dresens berührendes Sterbedrama "Halt auf freier Strecke" nicht in der ehrwürdigen, aber eben randständigen Nebensektion "Un certain regard" laufen, sondern im offiziellen Wettbewerb um die goldene Palme. Selten sah man selbst hartgesottenste Filmkritiker bei einer Pressevorführung hemmungsloser weinen als bei der konsequent bis zum bitteren Ende durcherzählten Geschichte des Gehirntumor-Patienten Frank Lange (Milan Peschel) und seiner Familie, die den Kampf gegen den Krebs aufnehmen, sich mit ihm arrangieren - und am Ende verlieren. Sicher, viele Kollegen hier in Cannes trifft Dresens Film, der einzige deutsche Beitrag im diesjährigen Festival, mitten in der Trauer um den hochverehrten und beliebten Filmjournalisten und Autor Michael Althen, der am Donnerstag vergangener Woche ebenfalls einem Krebsleiden erlag. Aber auch ohne diese Vorbelastung entfaltet dieses behutsame, unaufdringliche Requiem des "Halbe Treppe"-Regisseurs eine emotionale Wucht, wie man sie lange nicht im Kino erlebt hat.

Es ist erstaunlich und beeindruckend zugleich, wie es Dresen immer wieder gelingt, seinem Publikum alltägliche, aber dadurch nicht minder existenzielle Dramen nahezubringen, ohne der Überdramatisierung oder dem Voyeurismus zu verfallen. Wie in "Wolke 9", der freizügigen Geschichte einer Liebe unter Rentnern, nimmt sich Dresen auch hier eines Tabuthemas an: Die Begleitung eines geliebten Menschen in den Tod, ertragen zu müssen, wie der Ehemann und Vater mehr und mehr die Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist verliert, wie ihn die Chemotherapie auslaugt, die Bestrahlung zum kotzenden Wrack macht, wie die halbwüchsigen Kinder mit dem Persönlichkeitswechsel des Papas zurecht kommen, wie die Ehefrau (Dresens zuverlässige Stammkraft Steffi Kühnert) um ihre Fassung und Kraft ringt - all das lässt Dresen seine Zuschauer ganz ohne exploitative Schock- und Skandalmomente erleben. Es sind die stillen, kleinen Szenen, die diesen Film so bewegend und fast schon unerträglich traurig machen - die Umarmung des Todgeweihten durch seinen überforderten Vater, ein mühsam, mit letzter Kraft hervorgestoßenes "Frohe Weihnachten" des Ausgezehrten, der mehr und mehr zur hilflosen Geisel seines gierigen, inoperablen Hirntumors wird. Milan Peschel erweist sich hier in der Rolle des Gefangenen einer tödlichen Krankheit als einer der intensivsten und mutigsten Darsteller seiner Generation. Schon jetzt, in dieser frühen Phase des Festivals, wäre er ein sicherer Kandidat für einen Schauspielerpreis, liefe "Halt auf freier Strecke" im Wettbewerb.

Aber Ausgelieferte sind wir nun einmal alle hier in Cannes, egal ob Leinwand-Charakter, Kritiker, Star oder Regisseur, gefangen im unerfindlichen Reglement des Festivals, gebannt im Wettstreit der unterschiedlichsten Gefühle. Immerhin, als wir am Sonntagmittag mit rotgeheulten Augen aus dem Kino kamen, zeigte sich das Wetter barmherzig: Aus dem brutal heiteren Himmel mit seiner brüllend heißen Mai-Sonne nieselten plötzlich ein paar kühlende Regentropfen herunter. Auf die richtige Balance kommt es an, sagte Festival-Präsident Gilles Jacob unlängst im Interview. Ungeahnt, dass sich sein Einfluss sogar aufs Klima auswirkt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: