Politisches Kino in Cannes Das Karma des Westens

Aids-Krise, soziale Ungleichheit, religiöse Autokratie: Mit politischen Filmen findet Cannes zu neuen Themen und zu neuer Qualität - auch weil einige Affen das Festival gehörig aufmischen.

Regisseur Ruben Östlund in Cannes
DPA

Regisseur Ruben Östlund in Cannes

Aus Cannes berichtet


Der Affe brachte Francesco Gabbani am Ende nicht den Sieg. Doch sein ESC-Song "Occidentali's Karma", zu dessen Performance ein Mensch im Affenkostüm über die Bühne sprang, blieb als beschwingtes Statement hängen, sich als Bewohner der westlichen Hemisphäre bloß nicht zu viel auf seine Smartphones und Philosophen einzubilden - schließlich sei man wenig mehr als ein nackter Affe.

In Ruben Östlunds Wettbewerbsfilm "The Square " springen gleich zwei Affen herum: ein echtes Tier durch die Wohnung eines One-Night-Stands und ein menschlicher Affendarsteller bei einer Kunstperformance. Einen Zusammenhang haben diese Ereignisse nur dadurch, dass sie während einiger sehr chaotischer Tage im Leben des Stockholmer Museumskurators Christian (Claes Bang) passieren. Zusammenhänge sind in dieser grandiosen Gesellschaftssatire aber auch nicht entscheidend, denn mit "The Square" nimmt sich Östlund heraus, einfach mal alles zu verhandeln: den verblasenen Kunstbetrieb, soziale Ungleichheit, die Grenzen von Wohltätigkeit und Mitgefühl.

Szene aus "The Square"
Fredrik Wenzel/ Plattform Produktion/ Festival de Cannes

Szene aus "The Square"

Wie schon in seinem Durchbruchsfilm "Höhere Gewalt" nimmt sich Östlund einen Fatzke zur Hauptfigur. Christian hat ein teures Auto, tolle Anzüge und eloquentes Kuratoren-Sprech parat, aber nie Kleingeld zur Hand, wenn ein Bettler ihn darum bittet. Dass man sich für einen Trottel wie Christian dennoch über fast zweieinhalb Stunden interessiert, ist einer der vielen Erzähl-Stunts, die Östlund gelingen. Er kratzt gehörig an Christians schmucker Fassade, und doch kann man sich im nächsten Moment schon wieder mit ihm identifizieren, wenn ihm die Ereignisse, die alle irgendwie mit der Eröffnung eines Kunsthappening namens "The Square" in Christians Museum zu tun haben, immer heftiger zusetzen. Am Ende steht er als jemand da, der Obdachlose verhöhnt und Migranten grundlos der Kriminalität bezichtigt. Und ein Kind hat er womöglich auch noch unfreiwillig gezeugt.

Vieles vom Humor in "The Square" liegt in der smarten Inszenierung und dem brillanten Schnitt begründet: Wenn Christian im Interview mit einer Journalistin dazu ansetzt, über site-spezifische und site-unspezifische Kunst zu referieren, wendet sich die Kamera sofort von ihm ab und blickt stattdessen in das verschreckte Gesicht von Interviewerin Anne (Elisabeth Moss in einer Minirolle), die ihm zu folgen versucht.

Szene aus "The Square"
Festival de Cannes

Szene aus "The Square"

An anderer Stelle ist der Humor aber auch derb: zum Beispiel beim Mann mit Tourette-Syndrom, der eine Gesprächsrunde mit Kunststar Gijoni (Dominic West in einem Kurzauftritt als Julian-Schnabel-Karikatur) mit Zwischenrufen stört: "Fuck!", "Dreck!" Beflissentlich versuchen die versammelten Kunstinteressierten über den Umstand hinwegzusehen, welch passende Kommentare die Flüche zu Gijonis Kunst sein könnten.

Welche Szenen aufeinanderfolgen und welche Art von Humor Östlund bedient, ist unabsehbar - was den unverschämten Unterhaltungswert seines Films ausmacht und ihn zu einem der ersten großen Highlights des Festivals werden lässt. Francesco Gabbani mag sein Affe kein Glück gebracht haben. Ruben Östlund könnten seine Primaten nächstes Wochenende, wenn hier beim Filmfestival in Cannes die Silbernen und Goldenen Palmen vergeben werden, einen Preis einbringen.

HIV-Patienten als politische Menschen

Ähnlich souverän wie Östlund verfügt auch der marrokanischstämmige Franzose Robin Campillo über seinen Stoff und seine Figuren. Sein Wettbewerbsfilm "120 Beats per Minute " folgt einer Gruppe von jungen Aids-Aktivisten im Paris der frühen Neunzigerjahre. Die meisten von ihnen sind HIV-positiv, bei einigen ist Aids schon ausgebrochen. Statt sie als Kranke zu porträtieren, ihre individuellen Krankheitsverläufe zu registrieren und so ihre Geschichten ins Private zu drängen, zeigt Campillo sie ganz anders: als politische Menschen, die leidenschaftlich für die Rechte aller Infizierten kämpfen. Meist bis ans Ende ihrer kurzen Leben.

Szene aus "120 Beats per Minute"
Festival de Cannes

Szene aus "120 Beats per Minute"

Den Großteil seiner 140 Minuten verbringt der Film in den wöchentlichen Versammlungen des Pariser "Act Up"-Ablegers. Hier wird diskutiert, ob es produktiv war, Vertreter der Gesundheitsbehörde mit Kunstblut zu bespritzen, und es wird darüber gestritten, welcher Slogan bei der nächsten "Gay Pride"-Parade am besten für Safer Sex werben könnte. Campillo schätzt die Regeln, die sich die Gruppe für ihre Diskussionen gegeben hat, und er würdigt ihr Ringen um Worte und Positionen. Ungemein wohltuend hebt sich "120 Beats per Minute" deshalb von aktuellen Filmen wie "Nocturama" oder seinem Cannes-Konkurrenten "Okja" ab, die an Aktivistinnen und Aktivisten nur deren Taten, aber nicht deren Motivationen interessieren.

Szene aus "120 Beats per Minute"
Festival de Cannes

Szene aus "120 Beats per Minute"

Gleichzeitig treibt Campillo in den Gruppendiskussionen wunderbar beiläufig seine Figurenzeichnung voran: Wie der zurückhaltende "Act Up"-Neuling Nathan (Arnaud Valois) zu seiner eigenen Art des Engagements findet oder wie der streitlustige Sean (Nahuel Pérez Biscayart) im Verlauf seiner Erkrankung immer militanter wird, lässt sich hier genau verfolgen. Am Ende zieht Sean zwar in eine neue Wohnung ein, in der er keine ganze Nacht überleben wird (im Kinosaal werden nicht wenige Taschentücher gezückt); trotzdem bleibt von "120 Beats per Minute" vor allem seine unaufgeregte Wertschätzung für seine Figuren übrig.

Panorama der Bigotterie

Dass der deutsch-iranische Animationsfilm "Tehran Taboo " (gezeigt in der Nachwuchsreihe "Semaine de la critique") im Vergleich dazu mächtig bollert, stört dann aber nicht. Regisseur Ali Soozandeh betont mit seiner Mischung aus Rotoskopie und Motion-Capture, bei der Live-Action in Animation übertragen wird, von Anfang an das Schematische an seiner Erzählung. Teheran wird bei ihm zur bunten "Sin City" des Ostens, mit Sex als einer Art inoffizieller Währung, mit der man sich Scheidungsurkunden, Reisepässe und sogar den Schutz der islamischen Religionspolizei erkaufen kann.

In seiner ersten Szene lässt Soozandeh eine Sexworkerin samt Kind zu einem Klienten ins Auto steigen. Während die Mutter den Fahrer oral befriedigt, schaut ihr Junge auf der Hinterbank zum Fenster heraus. Doch dann entdeckt der Mann seine unverheiratete Tochter auf der Straße: Sie hält Händchen mit einem Mann. Wild schimpfend über diese Unsittlichkeit bricht der Fahrer seinen Blowjob ab.

Szene aus "Tehran Taboo"
Little Dream Entertainment

Szene aus "Tehran Taboo"

Anhand von drei Frauen und einem Mann entfaltet Soozandeh sein Panorama der Bigotterie - aber auf mindestens eine Figur hätte er verzichten müssen, um "Tehran Taboo" vor thematischer Überladenheit zu bewahren. Wie bei Regiedebüts nicht unüblich, erzählt Soozandeh, als gäbe es keine Möglichkeit, einen weiteren Film zu drehen. Mit seinem Gespür für Plot-Twists und Verdichtungen dürfte sich der Deutsch-Iraner aber für mindestens ein Nachfolgewerk empfohlen haben.

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