Macho-Kino in Cannes Trottel mit Kastenbrille

Auf große Gesten folgt kein großes Kino: Mit mackerhaften Filmen wie dem Godard-Biopic "Le Redoutable" fällt Cannes in diesem Jahr unangenehm auf. Zum Glück gibt es auch Regisseure mit Selbstironie.

Der französische Regisseur Jean-Luc Godard, 1968
Getty Images

Der französische Regisseur Jean-Luc Godard, 1968

Aus Cannes berichtet


1968 wurde das Festival von Cannes zum bislang einzigen Mal abgebrochen: Die Granden des europäischen Autorenkinos, darunter Jean-Luc Godard und Claude Lelouch, hatten sich angesichts der Studentenrevolten im Land für den Abbruch eingesetzt.

49 Jahre später wiederholt sich die Geschichte wie als Hommage an die alten Revolutionäre - allerdings als Farce: Am Samstagabend wird der Festivalpalast kurzfristig wegen Sicherheitsbedenken geräumt, wenige Minuten vor der Premiere des Godard-Biopics "Le Redoutable", das den Regiegroßmeister dabei zeigt, wie er 1967 den Abbruch des Festivals vorantreibt.

Aber 2017 ist nicht 1968: Eine halbe Stunde später wird der Palast wieder geöffnet, ein besitzerloses Gepäckstück hat sich als ungefährlich erwiesen, und das Festival fährt fort, als wären keine Hostessen aus dem Palast gestürmt und als hätten sie den Schlange stehenden Journalisten nicht beim Klettern über die Sicherheitsabsperrungen geholfen.

Szene aus "Le Redoutable"
Festival de Cannes

Szene aus "Le Redoutable"

Großmeister Godard würde die Koinzidenzen an diesem Abend wahrscheinlich verabscheuen: zu symmetrisch in der Spiegelung, zu einfach als Pointe zu verwenden. Michel Hazanavicius dürfte sie lieben. Der französische Oscargewinner ("The Artist") macht ein Kino der simplen Ideen und nahe liegenden Witze.

Seine neue Komödie "Le Redoutable" (Wettbewerb) erzählt vom Wendejahr 1967 im Leben von Jean-Luc Godard. In diesem Jahr heiratet er seine zweite Ehefrau Anne Wiazemsky, stürzt sich in die revolutionäre Agitation und schwört schließlich seinem eigenen Kino ab - zum Bedauern einer halben Nation.

Während Godard und Wizamski auf den zahllosen Demonstrationen durch Paris mitmarschieren, kommen immer wieder Filmliebhaber auf den Regisseur zu und fragen ihn, wann er denn wieder einen richtig guten Film machen werde, nicht so einen wie "Die Chinesin", sondern wie "Außer Atem" oder "Die Verachtung".

Einer dieser eingeschnappten Fans könnte auch Hazanavicius sein. Die radikale Wende, die der ohnehin radikale Godard 1967 vollzieht, scheint Hazanavicius nicht nur abzulehnen, er scheint sie ganz grundsätzlich nicht nachvollziehen zu können. Sein Filmporträt legt er deshalb als Schmierenkomödie an, bei der Godard (gespielt von Louis Garrel) als Trottel mit Kastenbrille durchs revolutionäre Paris stolpert.

Sowohl als Filmemacher als auch als Agitator ist dieser Godard ein Totalausfall, und als Ehemann noch viel mehr. Was Wiazemsky an ihm findet, ist unklar, und was Hazanavicius an ihm interessiert, auch. Er zitiert Godard ohne Ehrfurcht, aber auch ohne Ironie. Stilelemente wie abrupte Zwischentitel, unlogische Untertitel und Pistolenschüsse werden eingestreut, ohne mehr als wissendes Lachen von Cinephilen hervorrufen zu können.

Eine schöne Irritation bietet noch der Umstand, dass Stacy Matin ("Nymphomaniac") als Wiazemsky mit ihrem brünetten Pagenschnitt Godards erster Ehefrau Anna Karina viel ähnlicher sieht. Aber ob dieser Stolperstein von Hazanavicius bewusst eingebaut worden ist?

Letztlich ist sein "Le Redoutable" ein weiteres Beispiel für das Kino des Angebertums, das diese Festivalausgabe prägt. Reichlich breitbeinig treten Regisseure wie Kornél Mundruczó, Andrej Zvjagintsev oder eben Hazanavicius hier auf, ohne ihre filmischen Posen mit entsprechend starken Ideen unterfüttern zu können.

Zum Glück gibt es auch Regisseure wie Hong Sang-soo, der zu seinem Ego ein viel spielerischeres Verhältnis hat und dieses immer wieder direkt in seinen Filmen verhandelt. Seit mittlerweile drei Filmen lässt Hong seine Beziehung mit Schauspielerin Kim Minhee (beste Darstellerin auf der Berlinale 2017) in seine Geschichten einfließen - eine Affäre, die ihm als verheirateten Mann in seiner Heimat Südkorea einigen Ärger eingebracht hat.

Seinen neuesten Film "Claire's Camera" (Special Screening) hat der hyperproduktive Hong, der mit "The Day After" auch noch einen Beitrag im Wettbewerb hat, während des Cannes-Festivals 2016 gedreht. Kim Minhee spielt Manhee, die Angestellte einer Produktionsfirma, die während ihres Einsatzes auf dem Festival überraschend gefeuert wird, und Jeong Jinyoung den Regisseur So Wansoo, der einen Film hier zeigt.

Fotostrecke

4  Bilder
Neuer Film von Hong Sang-soo: Das ist "Claire's Camera"

Was der Regisseur mit Manhees Entlassung zu tun hat, deckt die Touristin Claire (Isabelle Huppert) auf. Auf ihren Streifzügen durch Cannes hat sie zufällig die entscheidenden Szenen fotografiert, die zum Verständnis von Manhees verworrener Situation nötig sind.

Am Ende verschwören sich die Frauen gegen den Regisseur, der ohnehin zu wenig mehr als Shoju trinken zu taugen scheint, und es triumphiert nicht der Filmprofi, sondern eben Claires Kamera. So viel verschmitzte Demut, verpackt in 69 Minuten, steht nicht nur Hong Sang-soo gut an. Ausgerechnet in seinem Jubiläumsjahr könnte Cannes insgesamt von weniger Protzerei profitieren.

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.