Kultur

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Western-Filme in Venedig

Geballer und Gespräche

Filmfestival in Venedig ohne Western? Gibt's nicht! Mit den Coen-Brüdern und dem Franzosen Jacques Audiard widmen sich zwei untypische Wettbewerber den Mythen der Prärie - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Aus Venedig berichtet

NETFLIX

Szene aus "The Ballad of Buster Scruggs"

Sonntag, 02.09.2018   20:55 Uhr

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Als MGM zu Beginn der Siebzigerjahre den schlimm zusammengestrichenen und an der Kasse glücklosen Spätwestern "The Wild Rovers" (deutsch; "Missouri") in die Kinos brachte, gab es fürchterliche Aufregung um das Filmplakat. Darauf war nämlich das damalige Sex-Symbol Ryan O'Neal zu sehen, wie er den alten Hollywood-Haudegen William Holden von hinten liebevoll umarmte. Wie unmännlich!

Gut, über solche Hemmungen, sensible oder zärtliche Männer im Western-Genre zu akzeptieren, sind wir spätestens seit " Brokeback Mountain" von Ang Lee hinweg, der mit seiner Cowboys-Romanze beim Filmfestival in Venedig 2005 den Goldenen Löwen gewann. Venedig hat ein Faible für Genre- und Mythenkino aus den USA, deshalb verwundert es nicht, dass auch dieses Jahr im Wettbewerb wieder Western zu sehen sind. Und, Mannomann, auch in ihnen wird aufs Schönste mit den Macho- und Raubein-Topoi der Gattung gebrochen.

Getty Images

Jacques Audiard

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Der französische Autorenfilmer Jacques Audiard ist eigentlich ein Spezialist für melachonliches, mit magischem Realismus gewürztes Sozialdrama. Mit seinem ersten englischsprachigen Film "The Sisters Brothers", der noch dazu ein Western ist, ist er nun nach Venedig gekommen. Und brachte gleich noch seine Starbesetzung mit: Jake Gyllenhaal, Joaquin Phoenix, Riz Ahmed und John C. Reilly bescheren dem Festival bei der Premiere am Sonntagabend noch einmal Hollywood-Glamour.

Tiefsinnige Gespräche und Geballer

Ein gar nicht mal so heimlicher Star in Audiards Film ist allerdings der allgegenwärtige und fast immer herausragende John C. Reilly (u.a. "Magnolia", "Boogie Nights"), er darf hier als schießmüder Revolverheld glänzen, der sich vorstellen könnte, das Desperado-Gewerbe für ein zivilisiertes Leben im boomenden Kalifornien an den Nagel zu hängen. Eine Szene, in der er morgens noch unbeholfen mit der neu erworbenen Zahnbürste und Pastenschaum im Gesicht im Naturidyll hockt und einen scheuen Blick zu Gyllenhaals Charakter hinüberwirft, der gerade dasselbe Pflegeinstrument benutzt und sich ebenso unbeobachtet glaubt, gehört schon jetzt zu den schönsten dieses Festivals.

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Bis der Übergang vom ungepflegten Western-Barbar zum Westküsten-Entrepreneur gelingen kann, ist es jedoch ein weiter Weg für Reillys sanftmütigen Eli, der mit seinem heißblütigen und trinkwütigen kleinen Bruder Charlie (Phoenix) im Oregon der Mitte des 19. Jahrhunderts berüchtigten Sisters Brothers bilden. Sie sollen im Auftrag ihres "Commodore" (Rutger Hauer) den vermeintlich diebischen Goldsucher Kermit Warm (Ahmed) umbringen. Helfen, den aus Südasien stammenden Chemiker ausfindig zu machen, soll ihnen der fürs Outlaw-Leben viel zu gut gebildete Detektiv John Morris (Gyllenhaal).

DDP/ INTERTOPICS/ LMKMEDIA Ltd.

Riz Ahmed, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal in "The Sisters Brothers"

Es kommt, wie es normalerweise nicht kommt: Die vier Männer tun sich zusammen und fangen an, mittels einer ätzenden Tinktur, die Gold im Flusswasser sichtbar macht, ihr Vermögen für ein friedliches Leben nach dem Morden zusammen zu klauben. Der Weg von den Wäldern Oregons übers babylonisch bebende San Francisco und den pazifischen Ozean bis hin zu diesem süßen Männer-Utopia, wo Macker-Mätzchen mal ruhen dürfen, ist jedoch blutig und entbehrungsreich. Allerdings gibt es bei Audiard mindestens ebenso viele tiefsinnige Gespräche am Lagerfeuer wie brutales Geballer. Hier sind Kerle zu sehen, die einen neuen Zeitgeist spüren - und sich allmählich ihrer vom Vater beigeprügelten Gewaltlogik entledigen.

Das alles erzählt Audiard mit grandiosen Landschaftsbildern (in Rumänien und Spanien) gedreht - und einem bisher ungeahnten Talent für Humor und Dialogwitz. Ein Kassenknüller und Löwengewinner wird "The Sisters Brothers" sicher nicht, aber wer sich für die zarte Männerseelen in Siebzigerjahre-Western wie "The Wild Rovers", "Butch Cassidy & The Sundance Kid" oder "McCabe & Mrs. Miller" begeistern kann, findet auch hier sein Glück.

Dem Uhu die Eier klauen

Zu lachen gibt es natürlich auch bei den Coen-Brüdern viel, aber wie immer bleibt es einem oft auch gleich wieder im Halse stecken. "The Ballad Of Buster Scruggs" ist, anders als Audiards Prärie-Ballade, kein revisionistischer Western, sondert suhlt sich prall und lustvoll in den Klischees des Genres. Es gibt sogar Indianer in Kriegsbemalung, Planwagentrecks und Tim Blake Nelson als weißgekleidete Roy-Rogers-Hommage.

REUTERS

Blake Nelson

Herausragend ist eine Episode in der Mitte, in der Grummelsänger Tom Waits einen greisen Goldsucher spielt, der mit Hacke und Spaten in ein idyllisches, minutenlang abgefilmtes Tal der reinsten Natur einfällt, wo Fischlein im Bach schwimmen und das Reh grast - bis der schürfwütige Alte alles aufbuddelt und dem Uhu die Eier aus dem Nest klaut.

Dass solche Zivilisationskritik mit dem Holzhammer funktioniert, liegt an dem ungebrochenen Talent der Coens. Die Pioniere des jungen Nordamerikas, zwei Frauen sind auch dabei, werden hier in all ihrer tragikomischen Vergeblichkeit hinreißend dekonstruiert - aber nicht auf die billige "Western von Gestern"-Tour, sondern mit viel Gefühl für schwierige Zeiten auf unbekanntem Terrain. Womit man dann wieder in der politischen und gesellschaftlichen Wildwest-Landschaft angekommen wäre.

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