Festival-Bilanz aus Venedig Blick zurück in Sorge

Ob Märchen, Western oder Drama - viele Beiträge im starken und politischen Wettbewerb des 74. Filmfestival in Venedig spiegelten die komplizierte Gegenwart in Historien- oder Genremotiven.

20th Century Fox

Aus Venedig berichtet


Vor der Realität gibt es kein Entkommen, auch nicht im Kino, der großen Eskapismusmaschine. Das zeigten die 21 Filmemacher, darunter mit der Chinesin Vivian Qu leider nur eine Frau, sehr eindrucksvoll, packend und phantasievoll im Wettbewerb der 74. Ausgabe der Filmfestspiele in Venedig, dem ältesten der drei großen A-Festivals.

Venedig, US-Kino-fixierter als Cannes und ähnlich politisch orientiert wie die Berlinale, fand 2017 einmal mehr die Balance, einerseits europäischer Showcase für die kommende Oscar-Ware zu sein - und andererseits künstlerisch wertvolles Arthouse-Kino aus aller Welt zu zeigen. Auffällig viele Genre-Filme fanden sich unter den Konkurrenten um den Goldenen Löwen, der am Samstagabend an Guillermo Del Toros bildmächtiges Kreaturen-Märchen "The Shape Of Water" verliehen wurde. (Alle Preisträger finden Sie hier.)

Del Toros Film spielt mit Motiven des Spionagefilms der Kalter-Krieg-Ära ebenso wie mit Elementen aus Jack Arnolds Fünfzigerjahre-Horror und dem Revuefilm der Vierziger. Vordergründig erzählt er - in nostalgischen Farben, Kulissen und Kostümen - von einer so unmöglichen wie hinreißenden Liebesgeschichte zwischen einer magischen Flusskreatur vom Amazonas und einer stummen, schüchternen Putzfrau.

Doch in die turbulente Thrillerhandlung, die sich um die Rettung des Wesens vor den zynischen Interessen des amerikanischen und russischen Militärs entspinnt, lässt der aus Mexiko stammende Regisseur ("Pans Labyrinth") immer wieder die Gegenwart der Trump-Ära einsickern, die Fremdenfeindlichkeit, den Rassismus, die Kluft zwischen Elite und Abgehängten der Gesellschaft - Themen, die Europa und die USA aktuell quälen und bewegen. Doch Del Toro ist kein Pessimist, er ist ein Utopist, und deshalb solidarisieren sich in seinem Film die Schwachen und Ausgegrenzten - eine Mexikanerin, eine Schwarze, ein Schwuler und ein Alien - gegen das unmenschliche System, damit Humanismus und Liebe obsiegen.

"The Shape Of Water" ist deshalb auch ein würdiger Gewinner dieses Festivals: Er kombiniert die Magie der Jahrzehnte und Epochen durchdringenden Kino-Fantasien kongenial mit einem Sinn für die Dringlichkeit der Gegenwart. Es könnte nach "Gravity", "Birdman", "Spotlight" und "La La Land" der nächste sichere Tipp für die Oscar-Saison sein, den Venedig unter der Leitung von Festival-Chef Alberto Barbera abgibt.

Die Konflikte der Vergangenheit lösen sich nicht auf

Die Konflikte der Vergangenheit, das ist die ernüchternde Bilanz dieses Festival-Jahrgangs, sie lösen sich eben nicht im zivilisatorischen Fortschritt auf, sie wiederholen oder variieren sich - und brechen gnadenlos in den Alltag ein. Es gibt kein Entkommen, weder in der modellhaften, aber im Kern verrotteten und rassistischen Vorort-Idylle von George Clooneys "Suburbicon", noch im utopischen Miniaturwunderland von Alexander Paynes Sci-Fi-Satire "Downsizing". Manchmal, wie im französisch-libanesischen Justizdrama "The Insult", reicht ein Streit um ein ausgebessertes Abflussrohr in Beirut, um ein ganzes Fass unbewältigter Frustrationen und Verletzungen zwischen palästinensischen Flüchtlingen und Einheimischen aufzumachen.

Ebenfalls in dieser von Unsicherheiten und Traumata geprägten Konfliktzone spielt der israelische Film "Foxtrot" von Samuel Maoz, der 2009 mit "Lebanon" den Goldenen Löwen gewann und für seinen Nachfolgefilm nun den Großen Preis der Jury bekam. Die Nachricht vom Tod seines Militärdienst leistenden Sohnes wirft Leben, Psyche und Ehe eines Tel Aviver Architekten vollkommen aus der Bahn - bis sich herausstellt, dass die Armee sich geirrt hatte, ein anderer Soldat mit gleichem Namen war gefallen. Doch ein Happy End ist für die Familie trotzdem nicht drin in diesem bemerkenswert intensiven Drama, das mit sensorischen Störeffekten ebenso spielt wie mit einer Comic-Sequenz - und nebenbei den Grenzposten-Dienst der israelischen Wehrdienstler als Groteske der Langeweile zeigt, in die sich dann doch urplötzlich Gewalt entlädt.

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Filmfestival in Venedig: Blick zurück in Sorge

Die lauert, genau wie Korruption, inhumaner Kapitalismus und Rassismus, ohnehin immer und überall in den Filmen dieses Wettbewerbs. Wie damit umgehen? Sich radikalisieren und zu Terrormitteln greifen wie die White-Trash-Heroine Mildred Hayes (Frances McDormand) in Martin McDonaghs hervorragendem Neo-Western "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"? Oder sich einen Bombengürtel umschnallen wie der Pastor in Paul Schraders "Taxi Driver"-Update "First Reformed"?

Filme bieten keinen Schutzraum

Oder greift man aus Notwehr ebenfalls zur Waffe wie der dem Zorn enttäuschter Großmacht-Fantasien weißer Imperialisten schutzlos ausgelieferte Aboriginal-Australier in Warwick Thorntons Outback-Drama "Sweet Country"? Oder wird man zur erpresserischen Opportunistin wie die 15-jährige Chinesin Mia, die in Vivian Qus "Angels Wear White" Zeuge von sexuellem Kindesmissbrauch wird? Immer wieder blieb der Zuschauer auf sein eigenes Urteil zurückgeworfen, ganz zum Schluss des Festivals noch einmal besonders qualvoll in Xavier Legrands Regiedebüt "Jusqu'à la garde", das unangenehm und berührend von der Zuspitzung eines Sorgerechtsstreits in der Pariser Mittelklasse erzählt.

Nein, Schutzräume vor den Härten der Realität gab es wenige in diesen Filmen. Gleich mehrere, darunter "Angels Wear White", spielen in Ferienorten am Meer. In Robert Guédiguians Hippie-Nostalgie "La Villa" sinnen die Nachkommen von 68er-Utopisten in gentrifizierter Riviera-Dörflichkeit über ihre verpfuschten Leben nach, bis sie von drei schutzbedürftigen kleinen Flüchtlingskindern zu Aktionismus gezwungen werden. Und selbst im vielleicht eskapistischsten aller Venedig-Filme dieses Jahres, Abdellatif Kechiches Dreistunden-Trip "Mektoub, mon Amour: Part 1" ahnt man im rauschaft-erotischen Balzen und Treiben dieser "Summer of '94"-Szenerie am Strand bereits den Verlust von Hedonismus und Toleranz, den das nächste Jahrzehnt bringen würde. Oder könnten Araber und Französinnen heute, in Zeiten von Terror-Angst, Islamismus-Debatte und Fremdenscheu noch so unbeschwert miteinander flirten?

Sorge um den Zustand der Welt

So omnipräsent die Sorge um den Zustand der Welt in diesen Wettbewerbsfilmen ist, so unbegründet scheint im Umkehrschluss die Sorge um den Zustand des Kinos als erzählerisches Abbild der Realität. Ausfälle gab es wenige bei diesem Festival, dazu zählt leider auch der erste Langfilm des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, der es nicht schaffte, seiner Flüchtlingskrisen-Dokumentation "Human Flow" die nötige Dringlichkeit zu verleihen. Sein Film verpufft in collagenhaften Bildern aus weltweit verstreuten Refugee-Camps, die für ein Kunstwerk zu wenig künstlerisch sind - und für einen journalistischen Film nicht faktenreich genug.

Weniger prominent, dafür aber handwerklich souveräner und inhaltlich überzeugender stehen Ais Essay andere Dokumentationen im Venedig-Wettbewerb gegenüber, darunter Frederick Wisemans akribisches Panorama "Ex Libris" über die New York Public Library und der tief in die Konfliktlinien des Kongo eintauchende Debütfilm "This Is Congo" des New Yorker Fotografen Daniel McCabe.

Antworten und Lösungen für die Komplexität unserer Zeit bot hier niemand an, wie auch? Aber die Bandbreite, mit der das Festival die äufklärerischen und narrativen Mittel des Mediums Film vorstellte und friedlich integrierte, ist erst einmal beruhigend: Der Streaming-Anbieter Netflix, im Mai beim Festival in Cannes noch verfemt, zeigte in Venedig in friedlicher Koexistenz Eigenproduktionen wie das rührselige Redford/Fonda-Drama "Our Souls At Night" (außer Konkurrenz) sowie die Mafia-Serie "Suburra" und den erzählerisch experimentellen Mehrteiler "Wormwood" von Doku-Pionier Errol Morris.

Erstmals wurde bei einem A-Festival auch die noch neue Virtual-Reality-Technologie ausführlich gewürdigt und mit einem Preis bedacht. Die Bandbreite der zumeist noch kurzen VR-Filme reichte von der KZ-Begehung "The Last Goodbye" über die journalistische Umwelt-Doku "Greenland Melting" bis zu interaktiven Späßen mit dem Personal der britischen TV-Serie "Snatch".

Ob dieses Mitmach-Medium Teil der Kino-Erfahrung wird oder ihr nicht eher widerspricht, ist eine offene Frage. Vielleicht verbannte das Festival das VR-Areal deshalb zunächst noch auf eine eigene Insel abseits des Lido, ein stillgelegtes Lazarett, das man nur mit dem Boot erreichen konnte - eine kurze Distanz vom großen Eiland der Filmkunst aufs Kleine. Einmal übergesetzt, gab es jedoch kein Entkommen. Bis das nächste Vaporetto einen wieder aus dem Reich des Virtuellen abholte. Zurück in die Realität.

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