Filmfestival in Venedig Oscar-Rampe und Resterampe

Das Filmfestival in Venedig glänzt mit einem starken Programm: Die Gewinner "Roma" und "The Favourite" könnten auch bei den Oscars abräumen. Doch die Fixierung des Festivals auf die US-Preisverleihung bringt neue Probleme.

DPA

Aus Venedig berichtet


Vor sieben Jahren trat Programmchef Alberto Barbera an, das Filmfestival von Venedig zur Oscar-Startrampe zu machen - mit Erfolg. Drei von vier Filmen, die in den vergangenen Jahren in Hollywood mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurden, hatten ihre Weltpremiere zuvor bei der ältesten der großen Kinomessen am Lido. Alfonso Cuaróns meisterlich inszeniertes Drama "Roma", das am Samstagabend mit dem Goldenen Löwen prämiert wurde, könnte "Birdman" (2014), "Spotlight" (2015) und "The Shape of Water (2017) nachfolgen und bei der Oscarverleihung im Februar groß abräumen: Es erzählt eine berührende, von persönlichen Erinnerungen inspirierte Geschichte über soziale Spannungen und gesellschaftliche Konflikte im Mexiko der frühen Siebzigerjahre, die weit über das historische Setting hinausweist. Auch formal ist der Film des "Gravity"-Regisseurs ein künstlerischer Triumph in edlen, neorealistischen Schwarzweißbildern.

"Roma", gleich zu Beginn im Wettbewerb gezeigt, überdauerte das Festival als Kritiker- und Publikumsliebling ebenso wie das kubrickeske Kammerspiel "The Favourite" von Yorgos Lanthimos ("The Lobster"), das den großen Preis der Jury gewann und mit Olivia Colman als mental und körperlich zerquälter Queen Anne auch den Preis für die beste Hauptdarstellerin gewinnen konnte - eine dringende Empfehlung für die Academy Awards.

Ein US-Kritiker schwärmte bereits zum Ende des Festivals: Gäbe es nach wie vor nur fünf Oscar-Bewerber in der Kategorie "Bester Film", die Chance sei groß, dass man sie alle bereits hier gesehen habe. Dazu gehört das einfühlsame Vincent-Van-Gogh-Porträt "At Eternity's Gate" von Künstler und Gelegenheitsfilmemacher Julian Schnabel, das sich mit seinem konsequent künstlerischen Blick wohltuend vom dreistündigen Zeitgeschichte-Kunsthandwerk "Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck abhob, dem einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb. Aber auch "The Sisters Brothers" vom französischen Autorenfilmer Jacques Audiard, der sich mutig und humorvoll ins Westerngenre vorwagte und das Festival mit dem Regiepreis verlässt. Und schließlich Damien Chazelles braves, aber wohlgelittenes Astronauten-Epos "First Man" sowie die außer Konkurrenz gezeigte Remake-Schnulze "A Star Is Born" von und mit Bradley Cooper und Lady Gaga.

Mehr Frauen für mehr Diversität

Zu den wenigen Ausfällen dieses 75. Jubiläumsjahrgangs zählten das frustrierend verkünstelte Prä-Weltkriegs-Guckloch "Sunset" des ungarischen Regisseurs László Nemes, der zuvor noch mit seinem Holocaust-Drama "Son of Saul" brilliert hatte. Auch Jennifer Kents "The Nightingale", der einzige von einer Frau gedrehte Film im Wettbewerb, ließ viel an Subtilität zu wünschen übrig, bekam aber trotzdem den Spezialpreis der Jury sowie die Auszeichnung für den besten Nachwuchsdarsteller (Baykali Ganambarr). Ein Schelm, wer hier vor allem einen symbolischen Akt der Jury vermutet.

Denn mit Kents singulärer Erscheinung im Wettbwerb ist man bereits mitten drin in den Problemen des Festivals, die das starke siebte Jahr des Programmchefs Barbera zu einem reichlich verflixten machen. Die Frage, warum nur so wenige Regisseurinnen Zugang zum Wettbewerb erhalten, wurde bereits im Vorwege hitzig diskutiert. Der Protest einiger europäischer Frauenverbände und ein medienwirksames Plädoyer von Jury-Präsident Guillermo Del Toro sorgten nun dafür, dass sich das Festival, wie zuvor schon Cannes und Locarno, zu mehr Transparenz und Diversität bei der Auswahl seiner Filme verpflichten will.

Einer künftigen Quote von 50 Prozent weiblicher Filmemacher verwehrt sich Barbera aber nach wie vor: Es sei nicht die Schuld des Festivals, dass von 2000 eingereichten Filmen nur rund 20 Prozent von Frauen gedreht wurden, beharrt er. Es läge vielmehr an den männlich und chauvinistisch geprägten Strukturen der Branche.

Dabei wäre es gerade gut, wenn die Festivals als Schaukasten der Industrie vom sichtbaren Ende des Prozesses her für Veränderung sorgen würden. Sicher scheint: Noch einmal wird es eine einsame Jennifer Kent im Venedig-Wettbewerb wohl nicht geben. Mit Mary Harrons Manson-Family-Porträt "Charlie Says" lief in der Nebensektion "Orizzonti" bereits dieses Jahr ein Film, der im Hauptprogramm einen Platz verdient gehabt hätte. Dabei geht es ja nicht darum, die Filme von Männern aus dem Wettbewerb zu drängen, sondern um Ergänzung, mehr Diversität von Perspektiven, Themen und Stimmen.

Erst die Oscar-, dann die Resterampe?

Damit wäre man beim zweiten Venedig-Problem: Barberas Ausrichtung des Festivals als Oscar-Startrampe verleitet vor allem US-Kritiker bereits dazu, Venedig für wichtiger zu halten als das im Mai stattfindende Cannes-Festival. Aus amerikanischer Sicht mag das Sinn ergeben - und es sichert Venedig einen Sonnenplatz unter den A-Festivals, den es jahrzehntelang nicht genießen konnte.

Der Zuschnitt auf die US-Preissaison hat jedoch Tücken, und die zeigten sich in diesem Jahr besonders deutlich: Da die Amerikaner spätestens zum Beginn der zweiten Festivalwoche zu den Festivals in Telluride und Toronto weiterreisen, wo viele der Venedig-Wettbewerber ebenfalls gezeigt werden, ballen sich die vermeintlichen Oscar-Anwärter des Wettbewerbs in den ersten Tagen.

Das bringt die Balance des Festivals zunehmend durcheinander: Wer, wie US-Jungregisseur Brady Corbet mit seinem tollen und radikalen Popstarporträt "Vox Lux" oder wie die einzigen beiden Asiaten, seine Filme erst in der zweiten Woche zeigen darf, läuft Gefahr, übersehen zu werden oder als weniger relevant zu gelten.

Erst die Oscar-, dann die Resterampe? Kino aus dem afrikanischen, arabischen oder fernöstlichen Raum wird zudem immer mehr in die Nebenreihen verbannt, wo es auch wegen der dichten Wettbewerbstaktung kaum noch Aufmerksamkeit bekommt. Cannes oder auch die Berlinale gehen souveräner mit ihren Programm-Highlights um und verteilen gerechter, so dass die Festivals bis zum Schluss divers und spannend bleiben.

Apropos spannend: Mit "Roma" hat nun erstmals ein von Netflix produzierter Film den Hauptpreis eines A-Festivals gewonnen. Anders als Cannes umarmt Venedig den US-Streamingdienst, seit er versucht, mit hochkarätigen Lizenzfilmen und Eigenproduktionen als Kino-Player wahrgenommen zu werden. Gleich sechs von Netflix betreute Filme wurden dieses Jahr am Lido gezeigt, drei davon im Wettbewerb.

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Fotostrecke: Netflix auf dem roten Teppich in Venedig

Das erregte den Missmut italienischer Kinobetreiber- und Arthouse-Verbände, die sich dafür stark machen, dass Venedig-Filme auch im klassischen Lichtspielhaus zu sehen sein sollen.

Ein Konflikt, den Cannes bisher noch durch einen Netflix-Bann löst. Venedig zeigt sich da widerständiger und zukunftsorientierter, ist aber nun auch vom geschickten Taktieren der Streamingprofis abhängig, um seine Oscar-Serie aufrecht zu halten: Netflix muss "Roma" so dauerhaft und satisfaktionsfähig auf großen Leinwänden zeigen, dass die Academy Cuaróns Meisterwerk am Ende der Saison auch wirklich nominiert. Denn nur, was im Kino zu sehen war, bekommt eine Chance.

Sieht also nicht so aus, als könnte sich Alberto Barbera inmitten dieser Entwicklungen auf seinen Lorbeeren ausruhen. In den mindestens zwei Jahren, die ihm als Festivalchef noch bleiben, wird er seine Mostra di Venezia noch einmal neu austarieren müssen. Man freut sich drauf.



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