Filmfestival in Venedig Coens, Cuarón und Donnersmarck im Wettbewerb

Zum 75. Geburtstag verteidigt das Filmfestival von Venedig seinen Status als Oscar-Rampe: Im Wettbewerb gibt es Neues von den Coen-Brüdern und Alfonso Cuarón zu sehen. Florian Henckel von Donnersmarck feiert sein Comeback am Lido.

Regisseur Donnersmarck (2010)
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Regisseur Donnersmarck (2010)

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"Viva Venezia!", jubelte Florian Henckel von Donnersmarck am Mittwoch, nachdem bekannt wurde, dass sein neuer Film "Werk ohne Autor" im Wettbewerb der 75. Filmfestspiele von Venedig vertreten sein wird. Die drei deutsche Epochen umspannende Künstlergeschichte mit Tom Schilling und Paula Beer in den Hauptrollen ist das Comeback des Regisseurs, der mit dem Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, dann aber mit der - in Venedig spielenden - Komödie "The Tourist" in Hollywood floppte. Am Lido feiert der 45-Jährige nun nach acht Jahren Absenz sein Comeback.

Ob sich für Donnersmarck erneut Oscarchancen ergeben, wird sich zeigen. Das Festival von Venedig (29.8. - 9.9.) hat sich allerdings in den vergangenen Jahren unter der Führung von Programmchef Alberto Barbera zur Startrampe für die US-amerikanische Awards-Saison etabliert. Die Bilanz der letzten fünf Jahre ist beeindruckend: Mit "Gravity", "Birdman", "Spotlight", "La La Land" und "The Shape of Water" feierten fast alle späteren Oscarabräumer ihre Weltpremiere am Lido.

Szene aus "Werk ohne Autor" mit Tom Schilling und Paula Beer
BUENA VISTA INTERNATIONAL / Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film

Szene aus "Werk ohne Autor" mit Tom Schilling und Paula Beer

Mit seiner 75. Ausgabe will Barbera diesen Status als Oscar-Orakel offenbar zementieren. Das Wettbewerbsprogramm der Jubiläumsausgabe ist hochkarätig. Zu sehen gibt es 21 Filme, darunter "The Ballad of Buster Scruggs", der zunächst als Anthologie-Serie für Netflix geplante Western der Regie-Brüder Joel und Ethan Coen ("The Big Lebowski") mit James Franco, Liam Neeson und Tom Waits.

Auch der französische Regie-Star Jacques Audiard stellt einen Western vor: "The Sisters Brothers" (mit Joaquin Phoenx und Jake Gyllenhaal) ist sein erster englischsprachiger Film. Oscargewinner Alfonso Cuarón ("Birdman") sollte schon in Cannes mit seinem Familiendrama "Roma" dabei sein, doch die Premiere an der Croisette scheiterte daran, dass auch Cuarón sich den in Cannes verpönten Streamingdienst Netflix als Vertrieb ausgesucht hatte.

Cannes-Stammgäste zieht es an den Lido

Mit Olivier Assayas ("Personal Shopper") kommt dieses Jahr ein weiterer Cannes-Stammgast nach Venedig - und bringt seinen neuen Film "Doubles Vies" mit. Juliette Binoche und Guillaume Canet spielen die Hauptrollen. Besonderes Augenmerk der rund 2000 Filmkritiker und Journalisten am Lido wird "Suspiria" genießen, der neue Film des letztjährigen Oscaranwärters Luca Guadagnino ("Call Me By Your Name"). Auch "The Favorite" vom griechischem Regie-Shooting-Star Yorgos Lanthimos ("The Lobster") gehört zu den reizvollsten Beiträgen des Wettbewerbs.

Der britische Regisseur Paul Greengrass ("United 93") zeigt seinen Film "22 July" über das Massaker von Utoya als Weltpremiere. Zu sehen gibt es außerdem das Historiendrama "Peterloo" von Mike Leigh sowie "Napszállta" ("Sunset") des Ungarn László Nemes, der 2016 mit seinem Holocaust-Drama "Son of Saul" den Oscar gewann. Bereits vorab bekannt war, dass "First Man", ein Weltraum-Drama über den Wettlauf zum Mond mit Ryan Gosling und Claire Foy, das Festival eröffnen wird. Regie führte "La La Land"-Regisseur Damien Chazelle.

Wer fehlt? Frauen!

Viele Wünsche bleiben nicht offen, allerdings gibt es mit "The Nightingale" der australischen Filmemacherin Jennifer Kent ("Der Babadook") nur eine einzige weibliche Regie-Arbeit im Wettbewerb. Ihre US-Kollegin Mary Harron darf ihre Charles-Manson-Geschichte "Charlie Says" nur in der Nebensektion "Orrizonti" zeigen. Regie-Enigma Terrence Mallick wurde offenbar nicht rechtzeitig fertig mit seinem zur Nazi-Zeit spielenden Widerständlerdrama "Radegund", bringt dafür aber einen extra langen Director's Cut seines Films "The Tree of Life" ins Spezialprogramm von Venedig.

Wer fehlt noch? Man hätte mit Naomi Kawase ("Vision") und Claire Denis ("High-Life") zwei weitere Frauen im Wettbewerb erwartet, doch Denis wird ihren Weltraum-Film mit Robert Pattinson nun in Toronto zeigen - ebenso wie es die Kolleginnen Mia Hansen-Løve, Amma Asante und Marielle Heller nach Kanada zieht.

Den Frankokanadier Xavier Dolan hätte man ebenfalls am Lido mit seinem ersten englischsprachigen Film "The Death and Life of John F. Donovan" erwartet, nachdem er Cannes ausgelassen hatte. Nun dürfte es auch auf eine Premiere entweder in der Heimat oder in Telluride hinauslaufen.

Und außerhalb des Wettbewerbs?

Um den Wettbewerb herum wird es ebenfalls interessante Filme zu sehen geben. Als besonderes Highlight wird die Mockumentary "The Other Side of The Wind" gezeigt, der letzte, unvollendete Film von Kinolegende Orson Welles, der jetzt, wiederum von Netflix, in eine fertige Fassung gebracht wurde. Begleitend gibt es die Welles-Dokumentation "They'll Love Me When I'm Dead" von Morgan Neville zu sehen.

Bradley Cooper und Lady Gaga in "A Star is Born"
AP

Bradley Cooper und Lady Gaga in "A Star is Born"

Star-Power gibt es außer Konkurrenz mit der Musical-Neuauflage "A Star is Born" von Bradley Cooper mit der Sängerin Lady Gaga und Cooper selbst in den Hauptrollen. Mel Gibson und Vince Vaughn treten im harten Action-Thriller "Dragged Across Concrete" von Craig S. Zahler auf. Chinas Opulenz-Fachmann zeigt sein Martial-Arts-Epos "Shadow" ("Zan") und Doku-Koryphäe Errol Morris seinen neuen Film "American Dharma".

Auch Frederick Wiseman, im vergangenen Jahr für sein Dokumentar-Epos "The New York Public Library" gefeiert, kehrt zurück an den Lido und zeigt "Monrovia, Indiana", diesmal aber außer Konkurrenz. Der umstrittene serbische Filmemacher Emir Kusturica kommt mit seinem Musikfilm "El Pepe, una vida suprema" nach Venedig, und Amos Gitai bespiegelt den Nahostkonflikt gleich zweimal, mit der Dokumentation "A Letter To a Friend in Gaza" und dem fiktionalen Werk "A Tramway in Jersusalem".

Die Filme im Wettbewerb der 75. Filmfestspiele von Venedig:

"First Man" - Damien Chazelle (USA)
"The Mountain" - Rick Alverson (USA)
"Doubles Vies" - Olivier Assayas (Frankreich)
"The Sisters Brothers" - Jacques Audiard (Frankreich, Belgien, Rumänien, Spanien)
"The Ballad of Buster Scruggs" - Ethan und Joel Coen (USA)
"Vox Lux" - Brady Corbet (USA)
"Roma" - Alfonso Cuarón (Mexiko)
"22 July" - Paul Greengrass (Norwegen, Island)
"Suspiria" - Luca Guadagnino (Italien)
"Werk Ohne Autor" - Florian Henkel Von Donnersmark (Deutschland)
"The Nightingale" - Jennifer Kent (Australien)
"The Favorite" - Yorgos Lanthimos (USA)
"Peterloo" - Mike Leigh (UK, USA)
"Capri-Revolution" - Mario Martone (Italien, Frankreich)
"What You Gonna Do When The World's On Fire?" - Roberto Minervini (Italien) "Sunset" - László Nemes (Ungarn, Frankreich)
"Frères Ennemis" - David Oelhoffen (Frankreich, Belgien)
"Neustro Tiempo" - Carlos Reygadas (Mexiko, Frankreich, Deutschland, u.a.)
"At Eternity's Gate" - Julian Schnabel (USA, Frankreich)
"Killing" - Shinya Tsukamoto (Japan)



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groblessanzur 25.07.2018
1.
Iñarritu hat Birdman gemacht, nicht Cuaron.
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