Filmfestival Venedig Das Liebeswunder von Berlin

Tom Tykwer rockt Venedig: Sein Film "Drei" zelebriert das Grusel-Genre der deutschen Beziehungskomödie als Kunstereignis. Auch sonst zeigt sich das Filmfestival von seiner starken Seite: Mit Beiträgen über verirrte Taliban-Krieger und die Gier des weißen Mannes nach dicken, dunkelhäutigen Frauen.

Aus Venedig berichtet


Immer wenn man glaubt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo der Mann mit dem Jokergrinsen her: Entzückensschreie und Applaus gibt es immer dann bei diesem Filmfestival in Venedig, wenn Quentin Tarantino im Kinosaal auftaucht. Logisch folgt jedes Mal dutzendfaches Handyfoto-Geklicke, dazu zieht der Regisseur seinen schönsten Flunsch.

Tarantino ist als Jurypräsident in diesem Jahr der Chefentscheider über die Vergabe der Goldenen Löwen, und um wirklich alle Venedig-Gäste bei Laune zu halten, taucht er zwischendurch auch mal nachmittags in einer Pressevorstellung auf. Zum Beispiel am Donnerstag. Da wurde "Road To Nowhere" gezeigt, von Monte Hellman, dem Mann, der behauptet, er und kein anderer habe Tarantino entdeckt.

Aber erst mal zum Wetter. Die Aufmunterung der Venedig-Gäste ist dieses Jahr nicht etwa wegen der Filme nötig, sondern wegen der äußeren Umstände. Das Festivalzentrum ist eine riesige Baugrube, weil die Arbeiten am neuen Biennale-Palast aus nicht ganz durchsichtigen Gründen stocken. Und diese Baugrube ist auch noch ziemlich nass, genauso wie der rote Teppich vor dem alten, protzigen Festspielhaus nebenan. Beim schönsten Filmfestival der Welt herrscht diesmal denkbar scheußliches Wetter. Kalte Sturmwinde fegen über den Lido, die Straßen sind zeitweise überflutet, das Pressezentrum des Festivals stand zweimal komplett unter Wasser, selbst im zentralen Kino des alten Casinos ergoss sich während einer Vormittagsvorstellung ein Sturzbach in den Saal. Zum Glück aber hinter der Leinwand.

Sagenhaft schöne Schauspielnovizin

Das Wettbewerbsprogramm dagegen erwies sich als überraschend wasserdicht und solide in diesem Jahr. Der 78-jährige Monte Hellman, ein legendärer Hollywood-Haudegen, hat zum Beispiel einen ehrgeizig verschachtelten Film über das Drehen eines Hollywoodfilms gedreht, aus dem sich viele lustige Querverweise herstellen lassen zu Sofia Coppolas ebenfalls in Venedig präsentiertem neuen Werk "Somewhere".

Coppola zeigt den öden Glamour im Leben eines gefeierten Hollywood-Stars. Der Typ wird von Stephen Dorff in Jim-Morrison-Rockstarpose gespielt. Er residiert im berühmten Hotel Chateau Marmont in Los Angeles. Er lässt sich bizarre Sexmädchen aufs Zimmer kommen, die sich an einer ausziehbaren Metallstange räkeln. Er kippt viele ungesunde Dinge und Tabletten gegen Haarausfall in sich rein. Und ab und zu spielt er mit seiner kleinen Tochter Computerspiele oder verreist mit ihr. Ein Bildermärchen mit dezenter Elektropopmusik, das von innen leuchtet in seiner wunderschönen Showbusiness-Verkommenheit.

Und in genau dieser Zauberwelt spielt eben auch Hellmans "Road To Nowhere". Nur sind hier die Dinge komplizierter. Hellman versucht sich am Drehort eines Films, der in den malerischen Great Smoky Mountains liegt, in David-Lynch-hafter Geheimniskrämerei. Ein milchgesichtiger amerikanischer Nachwuchsregisseur (Tygh Runyan) verfilmt in der Bergidylle einen berühmten Kriminalfall, in dem es um Mord und Versicherungsbetrug geht. Er hat sich dafür eine sagenhaft schöne Schauspielnovizin geholt, die ein bisschen wie Keira Knightley aussieht.

Schauermär aus der Franco-Zeit

Der alte Regisseur Hellman ist in den Anblick dieser Frau, die vom zarten Model Shannyn Sossamon gespielt wird, mindestens so vernarrt wie sein junger Regisseursdarsteller. Überhaupt verwischen sich in "Road To Nowhere" mehr und mehr die Erzählebenen, während wir abwechselnd Bilder von den Dreharbeiten und vom Film im Film sehen: Mörderisches und Betrügerisches ereignet sich schließlich auch am Filmset, aber was ist davon wirklich real, was ist Fiktion?

Die Selbstbespiegelung des Showgeschäfts ist diesmal ein großes Thema in Venedig, auch wenn sie manchmal als Historienfilm getarnt daherkommt. Davon, wie Männer in dieser Branche Frauen bloßstellen, zum Objekt erniedrigen und viel Geld mit ihnen verdienen, geht es in dem Film "Schwarze Venus" von Abdellatif Kechiche. Der Regisseur ist vor ein paar Jahren durch "Couscous mit Fisch" bekannt geworden, in "Schwarze Venus" zeigt er nun, wie eine junge Hottentottenfrau mit sanftem Gesicht und riesigem Hinterteil im London und im Paris des frühen 19. Jahrhunderts als Jahrmarktszombie vorgeführt wird.

Später schleift man sie in die feine Gesellschaft und in die Forschungsabteilung einer Universität, doch überall wird die Frau nur begafft, betatscht, als Kuriosität benutzt, bis sie elend als Prostituierte verreckt. Das ist eine fast drei Stunden lange Lehrstunde mit gierigen Europäerfratzen und ein bisschen zu aufdringlicher Moral, trotzdem gehört Kechiche zu Recht zu den Kritikerlieblingen am Lido.

Hochgehandelt für einen Goldenen Löwen werden auch François Ozons "Potiche" mit Catherine Deneuve als singende, allein zur Zierde ihres Bonzenmannes dienende Unternehmergattin und Jerzy Sokolowskis "Essential Killing", in dem ein von Vincent Gallo gespielter Taliban seinen amerikanischen Häschern ausgerechnet in Polen verlorengeht und dort durch die Wälder hetzt. Der Spanier Alex de la Inglesia erzählt in "Balada triste de trompeta" nach Art von "Inglorious Basterds" eine grandios verrückte, blutige Schauermär aus der Franco-Zeit, das dürfte zumindest dem Jurypräsidenten viel Spaß bereitet haben.



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