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31. August 2018, 10:38 Uhr

Filmfestival Venedig

Starke Weiber, dekadente Kerle

Aus Venedig berichtet

Historiendrama ist Männersache? Nicht bei Yorgos Lanthimos und Alfonso Cuarón: Die beiden Star-Regisseure zeigen in Venedig mit "The Favourite" und "Roma" meisterliche Filme, in denen Frauen die Geschicke ihrer Zeit lenken.

Das Kino der Kerle ist auf dem Rückzug. Am Mittwoch, zur Eröffnung des 75. Filmfestivals von Venedig, sprach sich Jurypräsident Guillermo Del Toro auf einer Pressekonferenz eindringlich für die Einführung einer 50-Prozent-Quote für von Frauen gedrehte Filme auf Festivals bis 2020 aus. Gerade Venedig, wo Del Toro im vergangenen Jahr mit seinem später auch oscarprämierten Film "The Shape of Water" den Goldenen Löwen gewann, steht zurzeit in der Kritik, zu wenig Frauen in den Wettbewerb zu lassen. Wie schon 2017 ist auch dieses Jahr nur eine Regisseurin dabei, die Australierin Jennifer Kent mit "The Nightingale".

Das Festival beharrt bisher darauf, dass halt zu wenig Filme von Frauen eingereicht wurden (21 Prozent, heißt es), macht aber auch seine Auswahl bisher nicht transparent. Die Industrie sei schuld an der Misere, meint Programmchef Alberto Barbera. Am Donnerstag kündigte laut einer Meldung des Branchenblatts "Variety" die für das Festival verantwortliche Leitung der Biennale di Venezia offenbar an, sich wie zuvor bereits Cannes und Locarno der ursprünglich in Frankreich initiierten 5050x2020-Petition in abgewandelter Form anzuschließen. Ab kommenden Jahr würden somit auch in Venedig dann Statistiken über eingereichte Filme und die Zusammensetzung der Auswahlgremien veröffentlicht werden.

Tontaubenschießübungen im Hofgarten

Aber auch wenn Männer Regie führen, heißt es nicht automatisch, dass sie Männergeschichten erzählen. Zumindest Yorgos Lanthimos ("The Lobster") und Alfonso Cuarón ("Gravity"), zwei Topfilmemacher des internationalen Arthouse-Kinos, schufen mit ihren Wettbewerbsbeiträgen "The Favourite" und "Roma" zwei frühe Höhepunkte dieses Venedig-Jahrgangs, die fast ausschließlich den Perspektiven ihrer starken Frauenfiguren folgen. Sie beweisen ein gutes Gespür für den Zeitgeistwandel, den Del Toro und andere prominente Branchenvertreter mit ihrer Quotenforderung beschwören. Bemerkenswert: Beide sind keine Amerikaner.

Lanthimos, gebürtiger Grieche, verzichtet für sein Kostüm- und Historiendrama "The Favourite" fast vollständig auf die Surrealismen, die sein früheres Werk ausmachten. "Schräg" im Sinne kunstvoll verzerrter Kamerawinkel und Blickachsen, ist sein Film durchaus. Ansonsten stellt er seine Inszenierung streng in den Dienst dreier Damen am Hofe der britischen Queen Anne im 17. Jahrhundert, deren Macht- und Liebesspiele von Rachel Weisz, Emma Stone und Olivia Colman mit beeindruckender Präzision und Hingabe verkörpert werden. Das Drehbuch zu der Geschichte stammt erstmals nicht von Lanthimos selbst, sondern wurde von der Newcomerin Deborah Davis zusammen mit Profiautor Tony McNamara verfasst.

Wie sich die gefallene Hofdame Abigail (Stone) mit List, Unschuldsmiene und viel Ehrgeiz in das enge (und amouröse) Verhältnis zwischen ihrer Cousine Sarah (Weisz) und der von allerlei Gebrechen und schweren Depressionen geplagten Königin (Colman) drängt, ist grandios anzusehen. Vor allem Olivia Colman, die demnächst Queen Elizabeth in der Serie "The Crown" spielen wird, brilliert mit ihrer fragilen Darstellung der im Krieg mit Frankreich überforderten, hilflos-trotzigen Monarchin, die ihrer toughen Geliebten Sarah gerne die Regierungsgeschäfte überlässt, um sich ihren Kaninchen und ihren offenen Beinen zu widmen. Ein klandestines Arrangement, das gut funktioniert, bis Abigail und Sarah ihr intrigantes Kräftemessen um die Gunst Annes beginnen - hinreißend inszeniert als Tontaubenschießübung im Hofgarten, das zum Spiel weiblicher Drohgebärden wird.

Politisches und persönliches Powerplay, meistens eher männlich definiert, das ist in "The Favourite" ganz Frauensache. Und die Hofherren? Geben sich dekadenten Vergnügungen hin, wie in früheren Historienfilmen stets das Weibsvolk, das eh keine Ahnung hat und nichts zu sagen. Hier ist es umgekehrt, und allein das ist sehr packend und aufregend.

Papas Ami-Schlitten wird demoliert

In Alfonso Cuaróns "Roma", der nicht in Rom spielt, sondern in Mexico Stadt zu Beginn der Siebzigerjahre, spielen Männer ebenfalls keine großen Rollen. Sie lassen Frau und Kinder sitzen wie der Vater einer gut situierten Familie oder schwängern das Hausmädchen und wollen dann nichts mehr von ihr wissen. Männer sind zerstörerische Elemente in diesem in Schwarz-Weiß und 70-Millimeter-Bildern gefilmten Drama, das einerseits autobiografisch und sehr persönlich die Kindheitserinnerungen des mexikanischen Regisseurs und Oscargewinners Cuarón erzählt - und andererseits ein pulsierendes Mexiko auferstehen lässt, das reich an Zivilisation und Fortschrittsglaube war. Erzählt wird von Problemen der Klassen und Ethnien sowie dem Schicksal des indigenen Dienstmädchens Cleo vor dem Corpus-Christi-Massaker von 1971, bei dem die Reformbemühungen des neu gewählten Präsidenten Luis Echeverría Álvarez zusammen mit demonstrierenden Studenten blutig niedergeknüppelt und -geschossen wurden.

Das emotional, aber auch tief melancholisch inszenierte Panorama einer in gesellschaftlichen Rückzugsgefechten versunkenen Epoche des Aufbruchs, die ungemütlich in die Konflikte von heute spiegelt, ist Cuaróns erster spanischsprachiger Film seit seinem Durchbruch mit "Y tu mamá también" (2001). Zugleich sei es, so sagt er, das essenzielle Werk, auf das all seine bisherigen Filme zusteuerten. Vor allem aber ist es eine Huldigung an die Frauen - Hausmagd, Mutter und Oma, die ihn und seine Geschwister in Abwesenheit des Vaters umsorgt und aufgezogen haben - und dabei ihre unterschiedlichen Herkünfte und Dünkel zumindest teilweise überwinden konnten. Und Papas hinterlassenen Ami-Protzschlitten lustvoll demolieren.

"Roma" wird vom US-Streamingdienst Netflix vertrieben, um - darum ging es dem Regisseur - als fremdsprachiger Arthouse-Film so viel Publikum wie möglich über einen langen Zeitraum zu erreichen. Ab Dezember soll er aber auch im Kino ausgespielt werden. Das wäre nicht nur deshalb wichtig, weil man Cuaróns Meisterwerk unbedingt auf großer Leinwand sehen muss, sondern weil die Kinoauswertung auch der einzige Weg zu den Oscars ist. Und dort darf dieser Film auf keinen Fall fehlen.

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